Frankfurter Anthologie: Michael Hamburger: „Gärtnern I“

Michael Hamburger: „Gärtnern I“

Meist genügt schon,
Wenn die grüne Spitze sich zeigt:
In ihr erkennst du die Freiheit,
Blüte zu sehen im nächsten Jahr.
Selbst der kahle Fleck, brach,
Könnte noch nähren
Langsame Knollen der Lilie,
Die du für tot hieltst.
Falls Knospen erscheinen,
Sei wachsam, schau nicht gerad weg,
Wenn die Erwartung, erfüllt oder übertroffen,
Leer wird für Stunde, Tag,
Eine ganze Woche lang.
Neuheiten sind nicht neue,
Es sei denn, Vogel, Wind
Brachten den Samen;
Und schließlich
Kannst du’s gut sein lassen,
Ob von Beere, Eibe, Des Nachbarn Akelei
Oder einfach Unkraut –
Wenn es nur wächst.
Nichts ist einmalig
Außer Spiel von Sonnenstrahl, Licht
Auf vorgewusstem Blätterwerk.
Das lässt dich weiterarbeiten, warten –
Das und das Notwendige,
Von dem du glaubst, es langweile dich:
Die Stetigkeit,
Ein Ort für einen selbst,
Wo Vogel, Wind hindurchgehen.

Aus dem Englischen von Elmar Schenkel

Michael Hamburger: „Unteilbar“. Gedichte aus sechs Jahrzehnten. Hanser Verlag, München 1997. 240 S., geb., 23,50 €.

Von Jan Röhnert ist zuletzt erschienen: „Wildnisarbeit“. Schreiben, Tun und Nature Writing. Arco Verlag, Wuppertal 2025. 160 S., br., 18,– €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber

Source: faz.net