Frankfurter Anthologie: Dschalaluddin Rumi: „Gestern nacht – im Schlaf“

Wer erinnert sich nicht an die „Supermonde“ im vergangenen Jahr, als der Mond auf seiner elliptischen Bahn um die Erde dieser besonders nahe kam und bei Vollmondaufgang riesenhaft, manchmal wie eine dunkle Sonne am Horizont stand. Eine optische Täuschung, die jedoch bei allem Wissen nichts von ihrem Zauber zu verlieren scheint, auch nicht im Blick auf die in ihrer Bedeutung kaum auslotbare Entzauberung, welche die erste menschliche Berührung mit dem Mond darstellte.

Man solle den Mond nicht „antasten“, höre ich noch Heiner Müller mahnen. Vielleicht ist es ja ebendiese meerbewegende, ozeanische Kraft des Mondes, die über alle Entzauberung hinweg nur umso stärker sich behauptet und unser Gebanntsein von seinem Anblick, seiner Poesie, seinem letztlich unantastbaren Geheimnis noch steigert. Das gilt auch für die förmlich mondhafte Anziehung, die dieses kleine vierzeilige Gedicht aus dem „Diwan“ – einer Sammlung von Ghaselen und Vierzeilern mit über 35.000 Versen – des persischen Dichters Dschalaluddin Rumi noch heute auf uns ausübt, vielleicht unversehens getroffen vom Ton eines Dichters, der diese Verse im 13. Jahrhundert schuf.

Rumi war ein Gelehrter und Anhänger der Sufis, die das All-Eine lehren, in dem alle Ichhaftigkeit sich auflöst, die in der Liebe das völlige Aufgehen im Anderen, die Unio mystica suchen. Der Tanz der Derwische, der dieses ins Kosmische ausgreifende Verlangen ausdrückt, ihre Bruderschaft, geht auf Rumi und einen seiner Söhne zurück. Seit 2005 zählt er zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe – ein Verweis auf die hohe alte Kultur des Islam.

Freund Mond, der Silberbrüstige

Nun ist es ein Traum, in dem hier der Mond erscheint – davon berichtet anderntags der Erzähler, läuft herum und fragt wie ein Kind jeden nach diesem doch nur geträumten Mond, den er einen „Freund“ nennt. Ihn, der ihm im Traum „meeresgleich“ und „silbern“ erschien – eine poetische Verdichtung jener Kraft, welche die Meeresfluten regiert, verbunden mit dem Eindruck, den seine silberne Bahn auf dem Meer erzeugt, dieser ins Unendliche gleitende und sich immer wieder erneuernde Schein. Und diesen Mond nennt das wache Dichter-Ich nun seinen Freund. Im Intervall von gestern auf heute verwandelt sich das Geträumte in ein Reales und bildet zugleich die imaginäre Realität des Gedichts. Ob Traum oder Mond oder Poesie – ihre Verwandlungskräfte schaffen eigene Wirklichkeit. Der Kommentar der Übersetzerin gibt dazu einen wundersamen Aufschluss: im persischen Original ist von der „silbernen Brust“ des Mondes die Rede, worin der anthropomorphe Charakter des Bildes anklingt, der verborgene Hinweis auf den geliebten menschlichen Freund. „Geliebter, Mondesgleicher“, so ergeht die Ansprache in einem anderen Gedicht.

Rumi, in der Anrede auch „Mevlana“ („Meister“) genannt, entstammte einer religiösen Gelehrtenfamilie und wurde 1207 in Balch im heutigen Afghanistan geboren. Bevor noch die Mongolen unter Dschingis Khan 1219 Balch erreichten, war die Familie Richtung Westen geflohen. Über mehrere Stationen, zu denen auch Nischapur gehörte, wo der junge Rumi noch dem greisen Dichter und Sufi Farid Uddin Attar begegnete, landete die Familie 1229 in Konja, wo Rumi fortan lebte und 1273 starb. Wenige Jahre nach dem Tod des Vaters 1231 hatte er dessen Lehrstuhl für islamische Wissenschaften übernommen. Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung seiner mystischen Lehre – als sein Hauptwerk gilt das „Mathnawi“, ein mystisches Lehrgedicht mit rund 26.000 Doppelversen – war jedoch seine Begegnung mit dem Wanderderwisch Schamsuddin Tabrizi, mit dem ihn eine heftige Leidenschaft und innige Seelenfreundschaft verband.

Diese Liebe, die man als eine erotisch-spirituelle begreifen darf, war es, die Rumi zum Dichter machte. In Rausch und Tanz soll er seine Verse diktiert haben. Sie war auch die Quelle jener Vierzeiler aus dem „Diwan“, denen das Mond-Gedicht entstammt. Sie alle sind Liebesgedichte, geboren aus Trennungsschmerz und Sehnsucht nach dem Geliebten, hier mit dem Mond als Protagonisten und symbolischen Adressaten. Denn Schamsuddin, der Neid und Eifersucht in Rumis Umgebung ausgelöst hatte, verschwand eines Tages, man vermutet gar, dass er ermordet worden war.

Ebendiese Sehnsucht durchwirkt das Gedicht, prägt seine Bewegung, die in der Reihung seiner gleichlautenden Endreime an alte persisch-arabische Traditionen anknüpft, zugleich aber mit den von der Übersetzerin kunstvoll-rhythmisch gesetzten Binnen-Enjambements eine gewisse Unruhe spüren lässt – im Suchenden und Fragenden ebenjene, die dem Verschollenen gilt. Daher vielleicht auch der ferne Anklang ans „Hohelied“, an die Wächter, die der umherirrenden, den Geliebten suchenden Freundin den Weg verstellen. Als würde aus dem über zwei Jahrtausende früher entstandenen Hohenlied Salomos, an dem wiederum ägyptische und griechische Einflüsse mitgewirkt haben, auch in diesem kleinen Gedicht noch ein leiser Nachhall hörbar, über Zeiten, Länder, Kulte und Kulturen hinweg. Ein Echo aus dem immer neu sich übersetzenden Gespräch über die Liebe, dem kostbarsten und unvergänglichsten Erbe der Menschheit, für welches hier Freund Mond, der Silberbrüstige, und seine poetisch-mystische Verklärung einstehen.

Dschalaluddin Rum: „Gestern nacht – im Schlaf“

Gestern nacht – im Schlaf – im Traume –
                                                  sah ich einen Mond,
Meeresgleich und wunderbar und
                                                  silbern war der Mond.
Heute laufe ich und frage
                                                  an von Tür zu Tür,
Wer mir etwas sagen kann von
                                                  jenem Freund, dem Mond.

Aus dem Persischen von Gisela Wendt

Dschalaluddin Rumi: „Vierzeiler“. Ausgewählt, aus dem Persischen übertragen und erläutert von Gisela Wendt. Castrum Peregrini Presse, Amsterdam 1981. 116., br., vergriffen.

Von Marleen Stoessel ist zuletzt erschienen: „An der Grenze des Lichts. Erzählung aus der Zeit der Schatten. I: Das Erwachen. II: Die große Terz“.
Mit einem Nachwort von Gernot Krämer. Golden Luft Verlag, Mainz 2025. 80 S., br., 39,– €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber

Source: faz.net