FRAKTUR: Gnade pro den Wolf und den Wal!

Wie immer hat ganz Deutschland in der Karwoche innigst der Passion Christi gedacht. Gleich danach aber galt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit dem Martyrium des verirrten Buckelwals in der Ostsee, der einfach nicht mehr in den Atlantik zurückwollte, obwohl ihm sogar Greenpeace die Richtung zeigte.
Das Mitleid der Menschen, wie die Deutschen und andere Bevölkerungen schon seit einiger Zeit in den Fernsehnachrichten genannt werden, kannte kaum noch Grenzen, weil der Wal immer noch ein Sympathieträger ist wie vorübergehend auch der Wolf, anders als der aber weder Lämmer reißt noch Menschen beißt, sondern oft nur Krill und kleine Fische frisst.
Der Wolf hat es sich nun freilich sogar mit jenen verscherzt, die ihn, wenn er sich in ein Einkaufszentrum mitten in der Stadt verirrt haben sollte, zurück in die freie Wildnis geleiten würden, also Gleichbehandlung mit dem Wal angedeihen ließen. Doch was macht der Wolfsdepp in Hamburg? Beißt die gute Seele, die ihm genau so helfen wollte!
Wurde der Wolf mit einem Dackel verwechselt?
Vielleicht verwechselte sie, offenbar eine Stadtmenschin, das Raubtier mit einem Dackel oder Mops, und da kann man als Jungwolf schon gekränkt sein. Aber sicher bereute er seinen Fehltritt beziehungsweise -sprung sofort. Danach ging er ja ins Wasser, vielleicht auch in der Hoffnung, in der Binnenalster für einen gestrandeten Wal gehalten zu werden und die Premiumbehandlung zu erfahren, die bei uns die Giganten der Meere bekommen.
Aber eben nicht alle Säugetiere dürfen auf unser Mitgefühl hoffen. Jedenfalls die Nichtvegetarier blicken auf Geschöpfe, die man essen kann, eher mit der Kälte der Gefriertruhe. Leid tun uns Hühner, Schafe, Kälber und Schweine nur, wenn sie von anderen Raubtieren als uns gefressen werden. Werden sie aber für unsere Pfanne oder den Grill auf eher unnatürliche Weise vom Leben zum Tode befördert, dann schauen wir nicht einmal hin.
Das hätte auch das türkische Rennpferd machen sollen
Allenfalls nehmen wir Notiz davon, wenn es einer besonders verzweifelten Sau oder Kuh gelingt, kurz vor dem Bolzenschuss oder Stromschlag noch auszubüchsen. Meistens währt dann die ohnehin ungewohnte Freiheit aber nicht lange. Wir würden künftigen Flüchtlingen, ob Schwein oder Bulle, daher empfehlen, möglichst schnell eine Sandbank aufzusuchen, sich dort hinzulegen und nur noch stoßweise zu atmen. Das hätte auch das türkische Rennpferd machen sollen, das statt auf dem Gnadenhof in einer Suppenküche endete, wie der Chip bewies, auf den ein Gast biss.
Notfalls hilft auch die Flucht in ein Einkaufszentrum, Stadtluft soll ja frei machen. Nur darf man in so einem alle Sinne überlastenden Konsumtempel nicht derart in Panik geraten wie der junge Wolf, wofür man freilich auch als alter weißer Mensch nur Verständnis haben kann. Wir bitten deshalb, und weil Ostern ist, um Gnade für den Wolf und natürlich auch für den Wal. Das heißt, Ersterer sollte auf Bewährung entlassen werden, man kann ihm ja eine elektronische Fußfessel anlegen. Letzteren sollte man in Ruhe sterben lassen.
Das werden wir den Möwen heimzahlen wie Trump den Papiertigern
Das gilt auch für euch Möwen, die ihr schon an dem armen Timmy herumpickt wie der Adler an Prometheus! Das werden wir euch elenden Vögeln, die man nicht einmal essen kann, so wenig vergessen, wie Trump uns Papiertigern die Feigheit vor dem Feind in der Straße von Hormus verzeihen wird!
Den Menschen aber, die dies hier lesen, wünschen wir ein frohes Osterfest bei einer saftigen Lammkeule. Auch dieses Mahl zeigt ja, wie nahe Mensch und Wolf sich eigentlich stehen, träumt Isegrim doch ebenfalls von nichts anderem, wenn ihm der Magen knurrt. Und dass der Mensch ebenfalls ein Wolf ist, dem Menschen und früher auch dem Wal und dem Wolf, kann ja nicht bezweifelt werden.
Da ist verständlich, dass mancher deutscher Mensch lieber ein Wal wäre, der friedlich durch die Weltmeere gleitet und dabei nur ein bisschen Plankton aus dem Wasser seiht. Dann singen die Wale auch noch himmlisch, ob Ostern ist oder nicht. Auch in dieser Hinsicht könnten wir uns von ihnen eine Scheibe abschneiden, was natürlich nur metaphorisch gemeint ist. Denn Wal kommt uns so wenig auf den Tisch wie der domestizierte Wolf, der Hund. Jedenfalls nicht uns deutschen Menschen.
Source: faz.net