Fraktur: Deutsches Roulette: Auch Rente nur noch c/o Glück im Spiel?

Das Topereignis der Woche war zweifellos der biblisch anmutende Friedensgipfel in Ägypten, wo Pharao Donald, der allein mit der Kraft seines Willens Berge versetzen kann, sich dafür huldigen ließ, einen dreitausend Jahre dauernden Krieg beendet zu haben. Abgesehen vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse werden langsam die Konflikte knapp, die einen mit derart übermenschlichen Kräften ausgestatteten Supermann noch zum Eingreifen reizen könnten.
Wir hätten zwar gleich zwei Gordische Knoten für ihn, bei deren Entwirrung die schwarz-rote Koalition sich verhedderte wie der Unglücksrabe Hans Huckebein im Kampf mit dem Wollknäuel. Doch die ständig wechselnden Frontverläufe in unserer Renten- und Wehrdienstdebatte müssen sogar Trump abgeschreckt haben. Er kümmert sich lieber um die Kriegsgebiete in den amerikanischen Städten. Da ist für ihn das Feindbild klarer.
Der Lotterie-Vorschlag: Aus dem Lostopf gezogen?
Daher wird sich die Koalition wohl ohne Trumps Vermittlung auf ein Wehrpflichtgesetz einigen müssen. Ob das aber mit dem Vorschlag gelingt, die Plätze beim Bund zu verlosen? Der liest sich, als sei er selbst aus einem Lostopf gezogen worden, in dem nur Nieten steckten. Wenn es unbedingt Rummelplatzmethoden sein müssen, dann käme uns ein Eignungstest an der Schießbude zielführender vor.
Es ist nur zu verständlich, dass jetzt viele gegen das deutsche Roulette bei der Wehrpflicht aufbegehren. Es wäre wirklich ungerecht, wenn nur wenige Glückspilze in den Genuss einer von Outdoor-Aktivitäten geprägten Auszeit gelangten, für die man sonst viel zahlen müsste, im Staatsdienst aber fette Kohle kassiert. Grundsätzlich wäre es aber nur recht und billig, dass das Pflichtbewusstsein des Grundwehrdienstleistenden besser entlohnt wird als das Abhängen des Grundgesicherten auf Malle.
Ein Volk der Dichter und Dachdecker
Spendierte der Bund extra Rentenpunkte für den Dienst an der Waffe, dann würde das vielleicht auch zu Entspannung im kalten Altersversorgungskrieg zwischen den Generationen führen. Geschlossen wäre die von den Jungen beklagte Gerechtigkeitslücke mit einer Heldenrente freilich noch nicht. Denn daran, dass ausgerechnet die jahrgangsstarken Boomer die Frechheit besitzen, immer länger Rente zu kassieren, ändert sich ja höchstens etwas, wenn unsere Debatten Putin nicht davon abschrecken, uns zu überfallen.
Wer länger (über-)lebt, muss auch länger arbeiten. Doch kann das eben nicht jeder; wir sind ja nicht nur ein Volk der Dichter und Denker, sondern auch der Dachdecker. Wie wird man dieser Diversität gerecht? Auch Rente nur bei Glück im Spiel?
Ein bisschen in diese Richtung geht auch diese Idee zur Sanierung der Rentenkasse: Der Princeton-Professor Brunnermeier schlägt vor, den Renteneintritt von der individuellen Lebenserwartung abhängig zu machen. Soll wohl heißen: Je fitter und gesünder, desto länger malochen. Zur Feststellung des Zustands, das sagte er dem „Handelsblatt“, müssten „die Leute zu einer Art Musterung beim Amtsarzt, der mithilfe von KI die Lebenserwartung bestimmt“. Mithilfe von KI: Das ist dann quasi auch wieder eine Lotterie.
Aber es wäre nur gerecht, wenn nicht nur die Jungen gemustert würden, sondern auch die alten Kameraden. Bei der Gelegenheit könnte der Amtsarzt gleich prüfen, ob die Oldtimer für die letzte Verteidigungslinie tauglich wären. Der Volkssturm 2.0 müsste ja nicht mehr mit der Panzerfaust im Schützengraben hocken, sondern könnte die Drohne mit einem Joystick am Rollator steuern, wenn es die Arthrose zulässt. So könnte auch noch der reife Bürger in Uniform zu Erfolgserlebnissen kommen. Jedenfalls in der Ukraine freut man sich über einen geknackten Russenpanzer wie anderswo über einen geknackten Jackpot.
Source: faz.net