Fotografien von Péter Nádas: Was einer sieht, dieser dreieinhalb Minuten tot war

Mit drei Versen aus dem ­Johannesevangelium hat Péter Nádas die Textpassagen seines Bands „Zeugen des Lichts“ umflochten. Einer ist dem Leib gewidmet, einer dem Wort, der dritte dem Licht. Der Zusammenhang mit seiner Arbeit als Fotograf und Schriftsteller ist offenkundig. Weiß man, dass Nádas 1993 nach einem Herzinfarkt auf offener Straße dreieinhalb Minuten lang klinisch tot war, begreift man auch den Bezug zum ersten Zitat vom Tempel des Leibes.

Mit seiner Nahtod-Erfahrung, er war damals 51 Jahre alt, hat sich Nádas mehr als einmal in Beiträgen beschäftigt und sie 2002 zum zen­tralen Motiv seines Buchs „Der eigene Tod“ gemacht. Jetzt, könnte man sagen, folgt die Umsetzung in Bilder: mit Momentaufnahmen extremer Licht- und Schattenspiele am Schnittpunkt von Abstraktion und Spiritualität. Doch schon hört man Péter Nádas um Einhalt rufen: „Nicht so schnell!“

Die Dunkelheit ist nicht das Böse, sondern kann Schutz bieten

Dass Fotografie ohne Licht nicht funktioniert, ist eine Binsenweisheit. Aber Péter Nádas hat die vermeintlich banale Erkenntnis durchdekliniert bis an die Grenze der Besessenheit, in Texten wie in Bildern, und es blitzt das Licht auch immer wieder in den Titeln seiner Bücher auf. „Etwas Licht“ hieß vor gut zwanzig Jahren sein als Retrospektive zusammengestellter Fotoband mit Aufnahmen vor allem aus seiner Zeit als Bildreporter in Ungarn während der kommunistischen Diktatur.

Péter Nádas: „Zeugen des Lichts“.
Péter Nádas: „Zeugen des Lichts“.Verlag Thomas Reche

Womöglich, wurde damals gemutmaßt, erklärte sich seine Auffassung von Hell und Dunkel aus der politischen Situation. Denn helles Licht ist in diesem Teil seines Werks nicht Garant für gute Stimmung, fast so, als gliche es einer Verhörlampe, während die Dunkelheit bei ihm nicht zwangsläufig das Böse versinnbildlicht, sondern Schutz bieten kann. Deshalb, mag man sich denken, die mitunter kaum zu durchdringenden Schatten auf den Konterfeis vieler seiner Porträts?

Vor gut zehn Jahren folgte der Text- und Fotoband „Lichtgeschichte“, in dem Nádas zwei Figuren, den greisen Japaner Akahito sowie dessen steinalten und bitterbösen Meister, nutzte, um mit deren Worten eine Schule des Sehens zu entwickeln. Wahrnehmung wird darin als „Vermögen zum Erkennen der Lichtverhältnisse“ definiert. Komposition wiederum dürfe nichts anderes sein „als erhöhte, bis zum Äußer­sten ausgekostete Wahrnehmung“. Der Meister nennt das einen „sorgfältigen Liebesakt“ und fordert: „Die Belichtung muss Erkenntnis sein.“

Vom Fensterkreuz über Golgatha bis zum Gleißen der Göttlichkeit

Und viel später, am Ende einer verschlungenen Auseinandersetzung mit Licht und Schatten, Hell und Dunkel in solchem Extrem, dass dem Auge in beiden Fällen der Zugang, die Durchdringung also, unmöglich gemacht wird, führt er die Erkenntnis, wonach es im Bild kein Detail gebe, das nicht aus dem Bild herausführe, einen Schritt weiter: „Die dun­kelsten und hellsten Flecken des Bildes führen im metaphysischen Sinn des Wortes aus dem Bild, die schattenwerfenden Gegenstände dagegen im physischen.“

Péter Nádas
Péter NádasBarbara Klemm

Was also hat er ausgewählt für seinen jüngsten Bildband, dessen Textteil er abschließt mit dem Vers: „Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht begriffen.“ Es sind Studien des Schattens zunächst, möchte man sagen, wie sich da ein Fensterkreuz nach dem anderen von grellem Gegenlicht abhebt, jedes mit ausgefransten Umrissen, eben nicht mit den messerscharfen Konturen von Scherenschnitten, sondern mit Formen und Flächen, die das Licht förmlich aufzubrechen, nein: aufzuweichen versucht.

Als reichten sich Hell und Dunkel die Hand und verschmölzen miteinander. Doch war ja vorher schon das Wort „Fensterkreuz“ gefallen, von dem es nur ein winziger Gedankenschritt ist, um in Golgatha zu landen. Und dann überspringt Nádas lässig den angeketteten Betrachter in Platons Höhle, um unmittelbar im Gleißen der Göttlichkeit zu landen.

Dreieinhalb Minuten tot

Dreieinhalb Minuten war Nádas tot. Wie das gewesen ist? Man bleibe, schreibt er, mit dem gesamten Inhalt des Bewusstseins mit sich allein. Mangels Wahrnehmung gebe es kein anderes Universum als den Bewusstseinsinhalt. Daraus ergibt sich für ihn, dass der gesamte Inhalt des menschlichen Bewusstseins mit der vollständigen Geschichte seiner physischen Wahrnehmung und ihrer begrifflichen ­Erfassung identisch sei. Vollständige Geschichte: Das ist nicht weniger „als die seit Ewigkeit bestehende Unendlichkeit“. Und später: „Ich überblicke, wie ich in das Kosmische eingebunden bin.“

Der greise und bitterböse Meister hatte den selbstzerstörerischen Blick direkt in die Sonne noch verboten und stattdessen die notwendige Auseinandersetzung mit der puren Finsternis gefordert. Jetzt geht Nádas weiter. Jetzt geht es ihm um Sub­stantielles, und er wagt sich vor bis in die Zeit vor dem Urknall. Aber wie sagt man das? Wie stellt man das dar? In einer Pappel, an der Böschung eines Flusses fest verwurzelt und mit der Krone dem Himmel nah, scheint er so etwas wie einen eigenen Tempel gefunden zu haben. Und wenn nicht dieser Pappel, die ihm „kein Heiligtum“ sein soll, so widmet er doch ein paar Fotografien zumindest Bäumen in seinem Garten bei Nacht, wie sie im Mondlicht gespenstisch mit kahlen Ästen und Zweigen um sich greifen – Halt gleichermaßen bietend wie suchend.

Aber bis zum Äußersten kostet Péter Nádas erst das Sonnenlicht in all seinen Facetten und Ausprägungen aus, wie es auf Fensterrahmen und Türen tanzt, dass es nur so flimmert und flackert und brennt. Und einmal, da scheint es eine Wand mit ihrem blendenden Schein regelrecht zu durchdringen, gerade so, als öffne sich ein Tor in eine Anderswelt. Womöglich muss man erst tot gewesen sein, um solche Motive zu erkennen.

Péter Nádas: „Zeugen des Lichts“. Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer. Verlag Thomas Reche, Neumarkt in der Oberpfalz 2025. 80 S., Abb., geb., 46,– €.

Source: faz.net