Fotograf Rössler in Apolda: Die relative Natürlichkeit

Es schadet nicht, frühe Schwarz-Weiß-Bilder von Marcel Köhler zu kennen, um zu erahnen, welche Bedeutung den Arbeiten von Günter Rössler in der DDR zukam. Köhler, der heute in Wien als Fotograf und Künstler berufliche Erfolge feiert, hatte als Schüler in Chemnitz eine Dunkelkammer im Badezimmer der Eltern eingerichtet. Und er hatte Zugang zu Illustrierten aus dem Westen, die „Bravo“ vor allem und einige andere Pop-Magazine, aber auch solche, die mit dem Begriff Nackedei-Heftchen vielleicht zu süßlich beschrieben sind.

So breitete er zu Hause auf dem Esstisch nicht nur Abbildungen der berühmten Rockbands des Westens aus, sondern auch allerhand pikante Darstellungen, und fotografierte sie ab, die gemusterte Tischdecke mit im Bild, hier und da auch ein weißes Spitzendeckchen. Auf dem Schulhof bot er die Abzüge im knapp postkartengroßen Format an. Die Geschäfte seien sehr gut gelaufen, sagt er ein halbes Menschenleben später. Jetzt stellt er seine Restaufnahmen im Kunstkontext aus.

Die Modelle hatte er oft in Cafés und auf der Straße angesprochen

Spricht man heute über Aktfotografie in der DDR, kommt immer irgendwann das Gespräch auf einen solchen Schulfreund. Und bisweilen heißt es dann sogar, Aktfotografie sei offiziell in der DDR nicht vorgekommen. Was natürlich nicht stimmt. Aber sie war oft eng verbunden mit der Natürlichkeit von Sonne, Strand und FKK entlang der Ostseeküste. Und enthielt sich dabei möglichst jeglicher erotischen Aufladung.

Die Bilder Günter Rösslers waren anders. Prompt wurden seine erste Ausstellung 1959 mit Aufnahmen nackter junger Frauen am Morgen vor ihrer Eröffnung verboten und die Bilder kurzerhand wieder abgehängt – ausgerechnet im Kulturbundhaus von Ahrenshoop, einem der vibrierenden Kunstzentren der DDR. Rösslers Ruhm hat es nicht geschadet; im Gegenteil. Der große Erfolg des monatlich erscheinenden Heftchens „Magazin“ verdankte sich nicht zuletzt seinen Aufnahmen, die dort von Mitte der Fünfzigerjahre an regelmäßig erschienen und diese Publikation zur „Bückware“ machten – versteckt unter dem Ladentisch und nicht für jeden Kunden erhältlich. Eine zweite Ausstellung mit seinen Aktaufnahmen kam erst 1979 zustande. Danach folgten zahlreiche weitere in kurzen Abständen. Viele von Katalogen begleitet.

Leipzig, 1967
Leipzig, 1967Günter Rössler

Günter Rössler hatte von 1947 bis 1950 in seiner Heimatstadt Leipzig Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert, bevor er sich als Reisereporter und Modefotograf selbständig machte. Folgerichtig beginnt die umfassende Ausstellung mit mehr als 120 Arbeiten im Kunsthaus Apolda anlässlich seines hundertsten Geburtstags in diesem Jahr mit Bildern aus Ungarn, Bulgarien und Rumänien, Griechenland, Albanien und Georgien, wo er seinen Blick vor allem auf das Leben der sogenannten kleinen Leute richtete, später aber auch mit einem Modell zwischen zwei Schäfern Modeaufnahmen arrangierte, wie sie typisch für ihn waren: als Szene aus dem Leben statt statischer Posen im Atelier.

Auch diesen Teil seines Œuvres für die „Sibylle“ und „Modische Maschen“ breitet die Präsentation großzügig aus. Mit seinen Amateurmodellen bewegte er sich durch den Alltag in Städten, oder er entwarf romantische Szenen in dörflichen Umgebungen. Agenturen gab es in der DDR keine. Die Modelle hatte er deshalb oft zuvor in Cafés und auf der Straße angesprochen. Manche von ihnen fotografierte er später auch nackt. Diese Bilder bilden den Schwerpunkt in Apolda.

Fast immer ist der Blick starr auf die Kamera gerichtet

Nicht zuletzt die Veröffentlichung „Mädchen aus der DDR“ 1983 im „Playboy“ machten Rössler über die DDR hinaus bekannt. Aber der Titel „Newton des Ostens“, als der er dort bezeichnet wurde, führt in die Irre. Denn obwohl Rössler zeitlebens davon sprach, selbstbewusste, dabei ausnahmslos junge Frauen zu fotografieren, liegt seinen Bildern nichts ferner als Newtons Allmachtsphantasien mit Darstellungen aggressiv in Stöckelschuhen und Leder auftretender Amazonen oder allerorten lasziv hingestreckt – vom Pool über die Küche bis zum Waschsalon. Günter Rösslers Aufnahmen wirken reiner, verklärter, fast märchenhaft, als hätten sich Feen in sein Wohnhaus verirrt. Dort vor allem entstanden die Bilder, auf dem immer selben Sofa oder Sessel, vor dem immer selben Fenster, vor allem im immer gleichen Licht mit dem er die jungen Körper umschmeichelte, fast streichelte und ein ums andere Mal aus einem tiefschwarzen Hintergrund herausschälte.

Heidrun K., Leipzig, 1977
Heidrun K., Leipzig, 1977Günter Rössler

Einzigartig ist das nicht. Karin Székessy hat solche Bilder in der gemeinsamen, großbürgerlichen Wohnung mit ihrem Mann Paul Wunderlich zu Hunderten inszeniert, als Vorlagen für ihn, aber auch in der Absicht, ein Bild von abgehobener, womöglich blasierter Bohème zu schaffen. Dass es Günter Rössler in seinem Dachgeschoss hingegen gerade um „die absolute Natürlichkeit“ zu tun war, wie er in einer Dokumentation erklärt, ist allerdings nicht zu erkennen. Zumal er diese Absicht gleich darauf mit auf Zentimeter exakten Anweisungen konterkariert, wo Arme zu liegen und wie Hände zu halten seien. Eher gewinnt man den Eindruck, dass er, so wie sich die Frauen strecken, drehen und verknoten mussten, an vermeintlich idealen Formen und Linien makelloser Körper interessiert war – bis nahe an die Abstraktion.

Wäre da nicht dieser Blick. Fast immer ist er starr auf die Kamera gerichtet, wenn auch bisweilen durch den Betrachter hindurch. Einen Moment von Verführung schließt das nicht aus. Am Ende ist es sogar die Direktheit dieses Schauens, die das Wesen seiner Aufnahmen bestimmt. Ebendarin mag das Geheimnis seines Erfolgs begründet sein. In diesem Blick spiegelt sich wider, was Rössler als Ausdruck von Selbstbewusstsein bezeichnet hat. Aber so, wie er ihn während der Aufnahmen mit einem „die Augen weit auf!“ einfordert, wird er zugleich zur Illustration seines Frauenbilds. Allemal für den Osten scheint es bis heute Gültigkeit zu haben, denn es muss mehr als Nostalgie sein, dass die Schau in Apolda, eine Bahnstation von Weimar entfernt, an einem beliebigen Werktag besser besucht ist als manch großstädtisches Museum.

Günter Rössler: Mode- und Aktfotografie. Kunsthaus Apolda Avantgarde; bis zum 3. Mai. Der Katalog kostet 25 Euro.

Source: faz.net