Fossil zeigt besondere Flossenstruktur eines Fischsauriers
Ein Fossil aus Baden-Württemberg zeigt erstmals die außergewöhnliche Flossen-Struktur eines großen Fischsauriers. Forschende konnten rekonstruieren, wofür sie gut war. Jetzt ist das Fossil im Museum zu sehen.
Vor rund 200 Millionen Jahren war der Südwesten Deutschlands von einem riesigen Urzeitmeer bedeckt, bevölkert von Meeressauriern. Die meisten Fossilien aus dieser Zeit verraten zwar viel über das Skelett dieser Tiere, aber wenig über ihre äußeren Merkmale, etwa über die genaue Form ihrer Flossen.
Untersuchungen an einem Fossil aus Süddeutschland offenbarten im vergangenen Jahr neue Details über das Aussehen eines besonders großen Vertreters der Meeressaurier. Jetzt wird das Fundstück in einem Museum nahe Mainz erstmals öffentlich gezeigt.
Flossenstruktur erstmals detailliert sichtbar
Das Fossil stammt von einem Ichthyosaurus – auch Fischsaurier genannt -, der vor rund 180 Millionen Jahren im Urzeitmeer unterwegs war. Mit einer Größe von bis zu zwölf Metern stand Temnodontosaurus trigonodon an der Spitze der Nahrungskette. Funde von versteinerten Knochen gab es bereits viele, doch über sein genaues äußeres Erscheinungsbild wusste man bislang kaum etwas.
Deshalb ist das auf den ersten Blick unscheinbare Fossil aus Süddeutschland für die Wissenschaft eine Sensation. Denn neben den Überresten einiger Knochen zeigt es auch deutlich den Umriss einer Flosse – inklusive kleinster Details. Erstmals konnte ein internationales Forschungsteam so genauer untersuchen, wie die Flossen dieses haiähnlichen Raubtiers aufgebaut waren.
Zufallsfund mit einer besonderen Geschichte
Gefunden hat das Fossil der Hobby-Sammler Georg Göltz in einem Steinbruch im baden-württembergischen Dotternhausen. Die Ortschaft am Rande der Schwäbischen Alb ist bekannt für ihre vielen Fossilien. Als leidenschaftlicher Fossiliensammler war Göltz schnell klar, dass es sich hier um etwas ganz Besonderes handeln musste.
Gemeinsam mit Harald Stapf, dem Leiter des Paläontologischen Museums im südlich von Mainz gelegenen Nierstein, kontaktierte Göltz befreundete Wissenschaftler. Sven Sachs, Paläontologe am Naturkundemuseum in Bielefeld und der britische Paläontologe Dean Lomax folgten seinem Ruf. „Die waren dann relativ zeitnah bei mir, haben sich das angeschaut und man hat dann gesehen, die haben glänzende Augen bekommen – und da wusste ich, ich habe alles richtig gemacht“, erzählt Göltz.
Besonders faszinierte die Forschenden eine Struktur aus feinen Rillen, die von vorne nach hinten verlaufen und in einer zackenartigen Struktur an der Rückseite der Flosse münden. Zacken, die – zur großen Verwunderung der Wissenschaftler – aus einer Kombination aus Knorpel und Haut bestanden.
Das Fossil zeigt kleine Rillen der Floss des Temnodontosaurus trigonodon.
Neue Struktur erhält eigenen Namen
Der britische Paläontologe Lomax, ein führender Experte auf dem Gebiet der Fischsaurier, hebt die Besonderheit dieses Funds hervor: „So etwas kennen wir von keinem anderen ausgestorbenen oder lebenden Tier. Wir mussten uns sogar einen neuen Namen dafür ausdenken – wir nennen sie Chondroderme. Anhand dieser Strukturen konnten wir sehen, wie außergewöhnlich das Verhalten dieses Tiers im Wasser gewesen sein muss.“
Für genauere Untersuchungen landete das Fossil schließlich bei Johan Lindgren, einem Experten für Weichteil-Fossilien an der schwedischen Universität Lund. Die Analysen sollten unter anderem klären, was genau hinter den außergewöhnlichen Zacken des Fischsauriers steckt.
Parallelen zu Eulen und Flugzeugen
Denn wie so oft in der Natur erfüllte die gezackte Rückseite der Flosse vermutlich eine bestimmte Funktion. Die Forschenden vermuteten, dass diese Struktur es Temnodontosaurus ermöglichte, auf seinen Beutezügen beinahe geräuschlos durch das Wasser zu gleiten.
Ähnliche Zacken gibt es heute auch an Flugzeugen. Oder wie Paläontologe Sachs beschreibt: „Letzten Endes ist das die gleiche Struktur, wie wir sie bei diesen großwüchsigen Ichthyosauriern sehen, auch durchaus in gewisser Weise mit heutigen Eulen zu vergleichen. Eulen haben ja auch lange Schwungfedern, die ebenfalls zur Geräuschreduzierung dienen.“
Leiser Jäger im Urzeitmeer
Die Untersuchungen in Schweden bestätigten diese Vermutung. Dafür habe das Team ein virtuelles Modell der Flosse erstellt und es in einer 3D-Simulation schwimmen lassen, so Lindgren. Dabei könne man die Geräusche messen, die entstehen, während sich die Flosse durch das Wasser bewegt.
Nach Abschluss der Untersuchungen brachte Lindgren das Fossil schließlich persönlich zurück nach Süddeutschland. Um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wählte sein Finder Georg Göltz das kleine Museum im rheinland-pfälzischen Nierstein aus einem ganz besonderen Grund aus: „Nierstein, das ist für mich wie eine Familie“, erklärt er. „Wir kennen uns schon seit 40 Jahren. Nierstein ist ein kleines Privatmuseum, das das Können hat, Sammler untereinander zu verbinden und die Wissenschaftler miteinzubeziehen. Und das ist etwas ganz arg Wichtiges für uns Sammler.“
Neben vielen anderen Ausstellungsstücken aus der prähistorischen Zeit kann das Fossil der Urzeit-Flosse ab jetzt von allen Fossilien-Fans dort bestaunt werden.
Source: tagesschau.de