Formel-1-Geschäftsführer: Ist die Formel 1 Unterhaltung oder Sport, Herr Domenicali?

Ein ganz neues Drehbuch statt kleiner Anpassungen verspricht die Formel 1 für die neue Saison. Seit der Premiere 1950 in Silverstone gab es immer wieder Änderungen im Reglement. Doch für den Start in diesem Jahr hat sich richtig viel getan. Daher gibt es auch ein großes Versprechen für die neue Rennsaison, die Ende dieser Woche beginnt: „75 Jahre von Innovationen gehen weiter für 2026, noch größer, gewagter, von Grund auf erneuert.“ Damit stehen dieses Mal nicht allein Rennställe und Fahrer im Mittelpunkt, sondern auch der Veranstalter der Rennserie und dessen Chef, Stefano Domenicali.

Mit den neuen Regeln wurden die Rennwagen radikal umgestaltet. Sie fahren künftig als echte Hybridautos. Einen Verbrennermotor mit 544 PS (400 kW) ergänzt ein 476 PS (350 kW) starker Elektroantrieb, dreimal so stark wie bisher. Die Regeländerungen sollen künftig zu „weniger vorhersagbaren Rennen“ führen, so die Hoffnung der Veranstalter.

Der neue Formel 1-Rennwagen bei Probefahrten in Bahrain.
Der neue Formel 1-Rennwagen bei Probefahrten in Bahrain.dpa

Das neue Reglement sorgt jedoch nicht nur für Spannung, sondern auch für Kritik. Dabei war jahrelang über mangelndes Drama bei den Autorennen geklagt worden, mit einer langen Prozession von Rennwagen, die sich nur selten überholten. Denn das war schwierig: Vorausfahrende Boliden machten den hinterher fahrenden die Aerodynamik kaputt und erschwerten die Annäherung bis zum Überholen. Richtige Spannung, mit der Entscheidung über die Weltmeisterschaft erst in den letzten Rennen der Saison, gab es zwar 2025. Doch das war die Ausnahme.

Altstars meckern über die neuen Rennwagen

Nun haben die Rennfahrer zwei Testwochen mit den neuen Autos hinter sich. Die Kommentare fielen nicht nur positiv aus. Einige Stars meckerten schon vor dem Start der ersten Runde am Freitag im aus­tralischen Melbourne. Der frühere Weltmeister Max Verstappen meinte, die neue Formel 1 sei nur noch eine „gedopte Formel E“. Die Formel E ist die wenig beliebte Rennserie mit rein elektrischen Fahrzeugen. Ex-Weltmeister Fernando Alonso schimpfte, man dürfe mit den neuen Rennautos die Kurven nicht mehr so schnell wie möglich nehmen – weil stattdessen der Energiespeicher für den Hy­bridantrieb geladen werden müsse.

Wenigstens Lewis Hamilton, ebenfalls aus der Reihe der früheren Weltmeister, urteilte gegenüber der BBC etwas gnädiger: „Es ist einfach anders und neu, aber ich finde, es bietet trotzdem ziemlich viel Fun.“ Zugleich gab er zu, dass Fahrkönnen in den Kurven alleine nicht mehr so wichtig sei. Nun müsse man an Aspekte wie das Energiemanagement denken.

Den Formel-1-Präsidenten und -Alleingeschäftsführer seit 2021, Stefano Domenicali, können solche Äußerungen nicht kaltlassen. Gleichzeitig ist er überzeugt: „Die neuen Regeln sind ein neuer Start für die Teams und die Fahrer.“ Man habe die besten Fahrer der Welt in den besten Autos, die an ikonischen Orten führen. „Damit werden unsere jungen und alten Fans begeistert sein.“ Domenicali bezeichnet es als unvermeidlich, dass es bei jeder Veränderung Reaktionen gebe. „Doch die Formel 1 baut auf Innovation und Evolution auf, das hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind.“ Immerhin kann er auf erste Erfolge verweisen, was das neue Reglement angeht. Audi und Cadillac habe es neu in die Rennserie gebracht, Ford und Honda seien zurückgekehrt.

Erfahrungen mit allen Seiten des Renngeschäftes

Domenicali kümmert sich um den Jahresplan der Rennen, die Abkommen mit den Rennstreckenbetreibern, das Tagesgeschäft des Formel-1-Zirkus. Die Entscheidungen über die neuen Regeln begleitete er in der Rolle des Moderators, der Einigkeit unter den Betreibern der Rennställe herbeiführen und zudem die Zustimmung der FIA gewinnen musste, des internationalen Weltverbandes, dem die Rolle des Aufsehers über den Motorsport zukommt. Dabei kommt ihm sein ausgleichendes Wesen zugute. Aber auch seine Karriere, in der er die Formel 1 von allen Seiten kennenlernte.

Der heute 60 Jahre alte Domenicali wurde in Imola in der italienischen Romagna als Sohn eines Bankers geboren. Als Student jobbte er an der dortigen Rennstrecke, die immer wieder auch Austragungsort von Formel-1-Rennen um den Großen Preis von San Marino war und 1994 Schauplatz des tragischen Unfalls von Rennstar Ayrton Senna. Nach dem Wirtschaftsstudium begann er seine Karriere 1991 bei Ferrari. Dort wechselte er bald in die Abteilung Motorsport, bekam zunächst die Verantwortung für die Renn- und Teststrecke Mugello im Apennin zwischen Bologna und Florenz, und stieg bis 1996 schnell zum Teammanager auf, gefördert vom perfektionistischen Rennleiter und Sportdirektor Jean Todt, dem Gesicht der gloriosen Jahre der vielen Weltmeistertitel von Michael Schumacher.

Der Motivator mit stabilen Beziehungen auch in Krisenzeiten

Diese Mentorenschaft ist erstaunlich, denn die Persönlichkeiten von Todt und Domenicali könnten unterschiedlicher nicht sein. Todt erschien als der kalte und technokratische Perfektionist, dennoch innerlich so nervös, dass er auch Jahre später noch mit Klebeband um die Fingerspitzen im Büro saß, um sie nicht täglich abzukauen. Domenicali zeigte und demonstriert noch immer sein sonniges Gemüt, er gilt als ausgemachter Motivator. Zudem wird über ihn berichtet, er habe auch in schwierigen Momenten die guten Beziehungen zu allen erhalten – in der Formel 1 mit vielen Anlässen für Neid, Streit und Grabenkriege eine Seltenheit. 2008, nach dem Abschied Schumachers, folgte er Todt auf dem Posten des Rennleiters.

Ferrari-Teamchef Domenicali mit dem damaligen Ferrari-Präsidenten Montezemolo im Jahr 2013.
Ferrari-Teamchef Domenicali mit dem damaligen Ferrari-Präsidenten Montezemolo im Jahr 2013.AP

Zweimal verlor Ferrari in den folgenden Jahren im letzten Rennen die Entscheidung um den Weltmeistertitel, mehr als die zweiten Plätze waren nicht zu erreichen. Für den jüngsten Karriereschritt zum Chef der Formel 1 half es, dass Domenicali am Ende nicht nur als Ferrari-Mann dastand. Audi hatte ihn 2014 abgeworben, schon damals mit dem Ziel eines Einsatzes in der Rennserie. Als sich der Plan zerschlug, wurde Domenicali 2016 zum Chef der Audi-Tochtergesellschaft Lamborghini ernannt, und von da wechselte er vier Jahre später zum Veranstalter der Formel 1.

Die Formel 1 in den USA und früher unberührten Ländern

Der frühere legendäre Ferrari-Chef Luca di Montezemolo urteilt über ihn ohne Umschweife: „Bellissimo lavoro – großartige Arbeit“. Montezemolo selbst war 28 Jahre alt, als er 1975 in der Funktion des Rennleiters Ferrari und Niki Lauda zum Weltmeistertitel führte. Als Ferrari-Chef seit 1991 legte er dann den Grundstein dafür, dass aus Ferrari mit einer Produktion von damals 1500 Sportwagen ein weltumspannendes Luxusunternehmen wurde.

Wegen seines Hintergrunds als Marketingtalent hatte Montezemolo jahrelang dafür plädiert, den Horizont der lange auf Europa konzentrierten Formel 1 zu erweitern. „Die Formel 1 brauchte eine Erneuerung, mehr Zuschauer in anderen Kontinenten und bei jüngeren Generationen“, sagt er heute der F.A.Z. und lobt: „Es scheint, als habe man große Schritte nach vorne geschafft. Nun wird dreimal im Jahr in den USA gefahren und in vielen großen Ländern, wo die Formel 1 früher nie angekommen war.“

Die Muttergesellschaft verdient Geld mit Unterhaltung

Die Muttergesellschaft des Formel-1-Veranstalters, die dieses Geschäft Anfang 2017 übernommen hatte, ist die an der Nasdaq börsennotierte Liberty Media Corporation mit Sitz in Brentwood bei New York. Ein Unternehmen, für das das Unterhaltungsgeschäft im Mittelpunkt steht. Und mit der Formel 1 läuft es auch wirtschaftlich: Der Umsatz mit der Rennserie wuchs 2025 im Vorjahresvergleich um 14 Prozent auf 3,9 Milliarden Dollar, der operative Ertrag um 28 Prozent auf 632 Millionen Dollar. Die Einnahmen basieren auf Zahlungen der Rennstrecken, von Sponsoren und aus Fernsehrechten. Den Rennställen wiederum wurden 1,4 Milliarden Dollar ausgeschüttet.

Der neue Formel 1-Rennwagen von Mercedes.
Der neue Formel 1-Rennwagen von Mercedes.dpa

Für die Unterhaltung gibt es längst Übertragungen live aus Bordkameras in jedem Auto, mit Darstellung von Drehzahl, Gangwahl und anderen Fahrdaten. Wenn die Wagen weniger Bodenhaftung haben und öfter unkontrolliert durch die Gegend rutschen, könnte das die Show weiter verbessern. Doch damit können traditionsbewusste Anhänger des Rennsports wenig anfangen. Sie interessieren sich nicht für Umsatz, sondern für einen fairen Wettbewerb um die Rolle des besten Fahrers und des besten Autos.

Die Fahrer als Meister der Taktik statt mit Bleifuß

Ob und wie diese gegensätzlichen Erwartungen zusammenpassen, wird schon nach den Rennen in Melbourne intensiv diskutiert werden. Tatsache ist: Für 2026 werden die Rennwagen kleiner und agiler sein, die Breite schrumpft auf 1,90 Meter, der Radstand um 20 Zentimeter auf 3,40 Meter. Die Autos liegen nicht mehr so knapp über dem Boden wie zuvor, dasw heißt, sie werden in den Kurven nicht mehr von der Aerodynamik am Boden festgesaugt. Dafür nehmen die Einstellungsmöglichkeiten zu. Es gibt einen Überholmodus und einen „Boost“-Knopf für zusätzliche Leistung – falls in der Batterie ausreichend Energie steckt. „Die Fahrer müssen Meister der Taktik sein, die Rennen werden weniger vorhersehbar“, heißt es offiziell.

Als Beleg für die Attraktivität des neuen Reglements sieht Domenicali den Neueinstieg und die Rückkehr von Autoherstellern. Er wirbt um Verständnis bei Motorsport-Fans: „Das Rennfahren und die Aktion auf der Strecke sind das Herzstück von dem, was wir sind, und das steht immer im Mittelpunkt. Aber selbst, wenn wir gute Rennen haben, brauchen wir noch mehr.“ Die Formel 1 stehe nicht nur im Wettbewerb mit anderen Sportarten, sondern auch mit allerlei Formen moderner Unterhaltung. Mehr Attraktivität der Rennserie habe inzwischen die Zahl der Fans auf 827 Millionen erhöht. Das nütze allen Beteiligten: „Die Rennställe und die Fahrer sind nun globale Brands, weltbekannte Unternehmen sehen die zunehmende Stärke der Rennserie und wollen deshalb als Sponsoren dabei sein.“

Luca di Montezemolo, der noch als Ferrari-Chef immer wieder über extravagente Reformpläne für das Reglement klagte, ist zumindest dieses Mal nicht bange: „Die Formel 1 muss immer die Avantgarde der Autotechnik sein und sie braucht daher eine Weiterentwicklung der Regeln. Eventuell gibt es immer noch genug Zeit, nach einigen Monaten über Modifikationen zu entscheiden.“