Form ist Haltung: 5 Meisterwerke, die wie Jon Fosse durch ihre radikalen Formen korrumpieren
Nobelpreisträger Jon Fosse hat in seinem Roman „Vaim“ den Punkt abgeschafft. Dies ist kein Einzelfall: Hier sind fünf Bücher, in denen die Form zum eigentlichen Thema wird – von Jelineks Maschinenrhythmus bis zu Schernikaus Kleinbuchstaben
Diese fünf Bücher, die zeigen, wie radikal Schreiben sein kann
Foto: der Freitag
1. Brutale Metaphorik: Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“
Wer es nicht besser wüsste, könnte bei diesen Sätzen an einen landwirtschaftlichen Industriebetrieb denken: „Zehn kleine Pumpwerke sind unter Volldampf in Betrieb. Manche melken draußen schon heimlich vor, damit es weniger Geld bedarf, bis es endlich herausschießt.“ Statt Maschinen handelt es sich aber um der Unterschicht entstammende Männer in einem Pornokino. Dazwischen eine gebildete und distinguierte Pianistin, Frau Kohut, genannt „Erika, die Heideblume“.
So romantisch ihr Name, so düster die Welt, in die sie von ihrer literarischen Schöpferin Elfriede Jelinek geworfen wird. Von der Mutter, „Inquisitor und Erschießungskommando in einer Person“, „glattgehobelt“, vermag die Anti-Heldin keine gesunde, weibliche Identität aufzubauen. Höchst ironisch und mit brutaler Metaphorik dekonstruiert die Nobelpreisträgerin in ihrem Roman Die Klavierspielerin (1983) eine männliche Sprache der Gewalt, die sich hinter der kleinbürgerlichen Fassade versteckt und zugleich Ausdruck der Verdrängungskultur der Nachkriegsgesellschaft ist.
2. Stringent komponierte Verslegende: Marion Poschmanns „Die Winterschwimmerin“
Ein Gewässer voller Stille. Nur eine Frau befindet sich in ihm, die sich freimacht von einer Gegenwart des Lärms und der Zumutungen. Angelehnt an das buddhistische Tummo, einer kontemplativen Praxis, bei der eine innere Hitze gegen die äußere Kälte immunisieren soll, erprobt sie „Kälteeffekte als Askese“. Damit beginnt eine innere Reise durch die Fantasie, in der die von einem Tiger begleitete Thekla langsam mit der Natur verschmilz.
Nachdem Die Winterschwimmerin (2025) (von Marion Poschmann zunächst mit freien Versen beginnt, bedient sie sich ab der Begegnung mit der Raubkatze des Reims, ganz so, als sei damit der Riss durch die Welt geheilt, als würde die Protagonistin an einen verschütteten Ursprung von Mensch, Flora und Fauna zurückkehren. Ein formal also äußerst stringent komponiertes Buch, das als „Verslegende“ auch die Versöhnung zweier mittlerweile entfremdeter Gattungen vollzieht, nämlich zwischen Prosa und Lyrik.
3. Lakonische Sprache: Marlen Haushofers „Die Wand“
Auf einmal ist sie da: die titelgebende, unsichtbare Wand. Somit kann die Protagonistin aus Marlen Haushofers kanonischem Roman von 1963 nicht mehr in die Zivilisation zurückkehren. Fortan muss sie sich in einem so archaischen wie urtümlichen Sinne in einer Berghütte einrichten. Back to Nature aus der Not heraus! Was den Text in ästhetischen Belangen auszeichnet, ist nicht allein die lakonische Sprache, nicht allein die Entfaltung einer einsamen Psyche, sondern die Neuinterpretation des Genres der Robinsonade. Statt auf einer Insel ist die Heldin nun in den Alpen isoliert.
Und statt – wie der männliche Herrscher Robinson Crusoe – die Wildnis zu unterwerfen, versucht sie friedlich mit ihr zu leben. Haushofer verbindet in ihrer Heldin die Diskurse von Ökologie und Feminismus, wodurch sie eines der ersten dezidiert ökofeministischen Werke vorlegt. Die damalige, durchaus generalistische Aussage: Frauen gehen anders mit der Natur um, sorgsam und nicht machtgeleitet.
4. Rebellische Kleinbuchstaben: Ronald M. Schernikaus „Kleinstadtnovelle“
Bevor das Wort „Coming-out“ in aller Runde war, hat Ronald M. Schernikau darüber ein bis heute wichtiges Buch geschrieben. 1980 veröffentlicht, erzählt der damals 19jährige in seinem Prosadebüt Kleinstadtnovelle von der Herausforderung, sich als Jugendlicher zur eigenen Homosexualität zu bekennen. Der Text, so der bereits im Alter von 31 Jahren an AIDS verstorbene Autor, sei ein Versuch gewesen, sich „zu wehren“, was sich auch an der eigenwilligen, durchaus rebellischen Ästhetik abliest, ist er doch vollständig in Kleinbuchstaben verfasst.
Der Provokateur selbst erklärt die Strategie recht banal: „Das geht auf der Schreibmaschine einfacher.“ Dahinter verbirgt sich derweil ein politischer Modus, der jedweden Eindruck von Macht und Hierarchien unterläuft und in der Sprache die Suche nach Gleichheit abbildet. Zurecht gilt Kleinstadtnovelle daher als literarische Pionierarbeit in Sachen Queerness.
5. Radikale Erzählarchitektur: James Joyces „Ulysses“
Ein einziger Tag, gedehnt auf über 1000 Seiten, Sekunden, die ganze Seiten füllen – niemand anderes hat diese Form der Zeitdehnung exzessiver praktiziert als James Joyce in seinem Jahrhundertwerk Ulysses von 1922. Recht handlungsarm erzählt der Autor von zwei Dublinern im Großstadtdschungel. Berühmt geworden ist der Text vor allem durch seine so raffinierte wie radikale Erzählarchitektur, perfektioniert Joyce doch insbesondere die Technik des Bewusstseinsstroms.
Über weite Strecken gibt es daher keine Distanz zu den Figuren. Wir sind unmittelbar in ihren Köpfen, rauschen in ihrer Wahrnehmung durch die Straßen. Trotz seiner überschaubaren Wendungen weist das Werk das von Anfang an eine unverwechselbare Dynamik auf. Hinzu kommt: zahlreiche Motive wiederholen sich. Dichter und dichter wird der Text, sodass er zunehmend wie ein Geflecht erscheint und damit seiner Zeit weit voraus ist. Das Wort „Postmoderne“ war noch nicht erfunden, als Joyce ihm schon ein Profil gab.
Die Klavierspielerin. Elfriede Jelinek, Rowohlt, 336 S., 14 €
Die Winterschwimmerin. Marion Poschmann, Suhrkamp, 80 S., 22 €
Die Wand. Marlen Haushofer, Ullstein, 288 S., 13,99 €
Kleinstadtnovelle. Ronald M. Schernika, Konkret Literatur, 80 S., 15 €
Ulysses. James Joyce, Suhrkamp, 987 S., 20 €