Folgen eines Skandals: Die Akten sind in welcher Welt – dessen ungeachtet welcher Knall bleibt aus
Verschwörungstheorien und der Streit darüber, was von ihnen zu halten ist, haben immer auch symptomatischen Charakter. Dass sie immer von mehr handeln als von sich selbst, wird dann besonders deutlich, wenn der Lauf der Ereignisse die Theorien teilweise zu bestätigen scheint. An den Epstein-Files ist auch deshalb aufschlussreich, wie im öffentlichen Diskurs mit den Enthüllungen umgegangen wird.
Einerseits lassen sich die Enthüllungen nicht aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verdrängen, andererseits wirkt der Umgang mit ihnen seltsam verhalten. Das deutet darauf hin, dass es in dem Konflikt auch um anderes geht als den konkreten Wirklichkeitsstatus von dem, was viele skandalisieren und andere nicht für möglich gehalten hatten. Sonst würden nicht die einen behaupten, dass dahinter noch viel mehr stecken müsse, und die anderen, dass daran nun wirklich nichts Neues sei.
Seit Jeffrey Epstein unter durchaus undurchsichtigen Umständen 2019 in Haft ums Leben kam, waren seine Verbrechen und seine weit verzweigten Netzwerke Gegenstand von Spekulationen. Diese amalgamierten in der Folge mit der sogenannten Qanon-Verschwörungstheorie, die, brutal auf das Wesentliche reduziert, davon ausgeht, dass ein internationales Elitennetzwerk, das die Geschicke der Welt lenkt, sich am Blut gefolterter Kinder delektiert, um sich ewige Jugend zu verschaffen, und dass Donald Trump insgeheim eine weitere Verschwörung anführt, deren Ziel es sei, dieser finsteren Elite das Handwerk zu legen.
Die Nähe war verführerisch: Sogar die englischen Royals, die in keiner anständigen Weltverschwörungstheorie fehlen dürfen, waren dabei! Da diese Verschwörungstheorie besonders unter den Anhängern Donald Trumps populär war, war es nur folgerichtig, dass Trump im Wahlkampf 2024 versprach, die Ermittlungsakten aus dem Fall Epstein öffentlich zugänglich zu machen – es war gewissermaßen das Versprechen, den Scheck der versprochenen Revolution, mit dem er schon in der ersten Amtszeit herumgewedelt hatte, nun aber endlich einzulösen.
Die abgedrehtesten Spekulationen werden übertroffen
Allein, als er sein Amt antrat, wollte er davon nichts mehr wissen; und es war wohl mehr das Unbehagen gegenüber der eigenen Basis als der eher verhaltene Druck seiner Gegner im Kongress und anderswo, was ihn schließlich doch dazu brachte, zu tun, was er nach eigenen Angaben immer schon hatte tun wollen. Was dann veröffentlicht wurde, ist ein schier unübersehbarer Datenwust, in dem unsortiert anonyme Anschuldigungen an die Staatsanwaltschaft neben E-Mails von Epstein und Fotos von seinen Rechnern aufgeführt werden. Die Akten wurden oft genug so irregulär anonymisiert, dass der Verdacht nicht von der Hand zu weisen ist, hier sollten nicht nur Opfer geschützt, sondern auch Täter gedeckt werden, zumal eben noch lange nicht alle Dokumente öffentlich sind. Dennoch übertreffen selbst die stichprobenhaften Sichtungen, die seitdem vorgenommen wurden, vieles, was noch vor wenigen Monaten als abgedrehte Spekulation abgetan worden wäre.
Und dennoch: Im öffentlichen Diskurs bleibt der große Knall aus, der in der Vorstellung gerade derjenigen, die sich doch nun bestätigt fühlen müssten, mit der Veröffentlichung dieser Dokumente verbunden war. Von einigen politischen Randfiguren wie der dem MAGA-Lager abtrünnigen rechtsextremen früheren Kongressabgeordneten Marjorie Taylor Greene abgesehen, scheint in den Vereinigten Staaten kaum jemand bereit, die Epstein Files für einen politischen Großkonflikt zu nutzen, vielmehr scheint man entschlossen, ihnen genau diese Spitze zu nehmen.

Aus der Perspektive der MAGA-Propagandisten gibt es wohl vor allem ein schweres Problem dabei, die Enthüllungen als Wahrheit emphatisch anzuerkennen. Es ist vielleicht zu offensichtlich, um sofort aufzufallen, aber die versprochene, dann zurückgenommene und dann hingeschluderte Veröffentlichung bleibt eine zentrale Wahrheit der Propaganda der extremen Rechten schuldig. Es ist nicht so, dass ihr Bild von einem korrupten Establishment, das sich völlig von der Lebenswelt der restlichen Bewohner des Landes losgelöst hat und für das Wohlergehen dieses Restes Gleichgültigkeit empfindet, nicht zutreffen würde.
Eugenik war der Plan, nicht Gender-Mainstreaming
Das Problem ist, dass die Rechte unterschlägt, dass sie selbst im Bild ist. Nicht nur weil Donald Trump und Steve Bannon augenscheinlich enge Kontakte zu Epstein pflegten. Wohl wichtiger ist, dass die E-Mails, die in diesem Netzwerk ausgetauscht wurden, in weiten Teilen gespenstisch nah am Programm der Rechten selbst sind. Nicht Genderideologie und Massenmigration wurden hier diskutiert, sondern, ganz im Gegenteil, Eugenik und der Kampf gegen MeToo. Rechtspopulismus als Strategie ist eben, jenseits seiner antielitären Rhetorik, ein Elitenprojekt. Folgerichtig versucht man die öffentliche Empörung über das Enthüllte möglichst auf den politischen Gegner umzulenken (den man – bis hin zu Noam Chomsky – ja ebenfalls in den Dokumenten findet), den Fall aber ansonsten als aufgeklärt und erledigt abzutun.
Jenseits davon ist der Umgang mit den Veröffentlichungen allerdings kaum weniger verhalten. Die Epstein Files, so schrieb David Brooks, der langjährige konservative Kolumnist der „New York Times“, Ende letzten Jahres, seien eine Ablenkung von den wirklichen politischen Problemen des Landes – und kurze Zeit später tauchten die ersten Fotos von ihm selbst in ebenjenen Files auf. Abgesehen von dieser ironischen Wendung, dokumentiert seine Abwehr aber ein durchaus verbreitetes Motiv: dass nämlich die Enthüllungen von Vorgängen, die man bis vor Kurzem noch als spinnert abgetan hatte, wenn sie doch nicht mehr zu leugnen sind, doch zumindest nicht besonders relevant sein sollen. Sie mögen zeigen, was man ohnehin schon wusste – männerbündlerisches Verhalten oder die Verlogenheit Donald Trumps –, aber es heißt, man dürfe jetzt gerade nicht den Fehler machen, den Verschwörungstheoretikern darin recht zu geben, dass sich hier ein Skandal zeige, der über die politische Gegenwart hinaus Auskunft geben könnte.

Und die Verschwörungstheoretiker selbst? Fahren so fort, wie sie von jeher operiert haben: Sie durchsuchen die Files nach Zeichen dafür, dass sich hinter all dem noch eine tiefere, finsterere Wahrheit offenbare oder dass die Veröffentlichung selbst ein ausgefuchster Schachzug sei, um die wirklich wahre Wirklichkeit noch effektiver zu verbergen. Die Halbbildung, mit der in den E-Mails von Jeffrey Epstein und seinen Kontaktleuten über die Weltgeschichte sinniert wird, das kumpelhafte Gehabe und das Fehlen okkulter Pläne sind aus dieser Sicht vermutlich einfach eine Enttäuschung, wenn sie kein tieferes Geheimnis bergen.
Dabei kommt ihnen, wie allen, entgegen, dass die unüberschaubare Datenmenge dazu einlädt, die Files so zu nutzen, wie Armin Nassehi einmal das Internet charakterisiert hat: als Archiv aller möglichen Sätze. Da niemand sie auf absehbare Zeit systematisch aufarbeiten kann, findet jeder darin nur, was er sucht, und kann daraus schließen, dass es nichts Neues zu entdecken gibt.
Dabei geht es allerdings selten um etwas, das schon darin offensichtlich wird, dass die Dokumente so genutzt werden können, dass fast jeder seine liebsten Bösewichte darin finden kann. Wir sehen: Die eskalierende soziale Ungleichheit der Gegenwartsgesellschaft führt auch dazu, dass die Solidarität ihrer Eliten im Zweifel die politischen Lager überspannt. Dieser Umstand hat selbst eine politische Qualität. In ihrer gemeinsamen Abwehr von als Zumutung empfundenen Versuchen, sie für Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen, bestätigt sich das böse Wort, nach dem das Gesetz schützt und bindet, nur eben nicht dieselben Leute. Wenn man diesen Punkt nicht politisch aufgreift und fragt, welche gesellschaftlichen Verhältnisse ihn möglich machen und wie das auf diese Verhältnisse zurückwirkt, dann wird die öffentliche Diskussion weiter auf offensichtliche Symptome des Morbiden fixiert bleiben.
Nils C. Kumkar forscht als Soziologe an der Universität Bremen und ist derzeit Fellow am Thomas Mann House in Los Angeles. In der edition suhrkamp erschien 2025 sein Buch „Polarisierung. Die Ordnung der Politik“.
Source: faz.net