Folgen des Irankriegs: Wie die Verwerfungen am Ölmarkt Asien treffen

Es ist gerade einmal einen Monat her, dass Donald Trump abermals erklärte, wie er mithilfe Indiens den Krieg in der Ukraine zu beenden gedenke: Ministerpräsident Narendra Modi habe sich „bereit erklärt, keine russischen Öllieferungen mehr zu kaufen“, schrieb Amerikas Präsident auf seinem Dienst Truth Social. Die Folge des indischen Abnahmestopps führte Trump in Großbuchstaben aus. „Dies wird dazu beitragen, DEN KRIEG in der Ukraine ZU BEENDEN.“

Seit dem Angriff auf Iran, der die Öllieferungen durch die vor dem Land gelagerte Straße von Hormus zu einem Wagnis gemacht und die Ölpreise in die Höhe getrieben hat, ist klar: So schnell wird Russland seinen wichtigsten Ölkunden doch nicht verlieren. Indien, das fast sämtliches Öl importiert, bezieht den Rohstoff zu mehr als der Hälfte aus der Golfregion – nachdem es die Lieferungen aus Russland in den vergangenen Monaten Stück für Stück heruntergefahren hatte.

Nachdem es in den vergangenen Tagen allerlei Nachrichten darüber gegeben hatte, dass die indischen Raffinerien angesichts des Irankriegs die Rolle rückwärts machen und wieder bei ihren früheren russischen Lieferanten angeklopft haben, haben die USA am Donnerstag Indien nun offiziell erlaubt, einen Monat lang Öl aus Russland zu beziehen.

Bessent: „Keine erheblichen Gewinne“ für Russland

Damit Öl weiterhin „in den Weltmarkt“ fließe, erteile das amerikanische Finanzministerium den indischen Rohstoffkonzernen eine „zeitweilige, 30 Tage dauernde Sonderfreigabe (Waiver), russisches Öl zu kaufen“, schrieb Finanzminister Scott Bessent. Und weil es merkwürdig anmutet, dass wegen eines neu begonnenen Kriegs nun die Beendigung eines anderen, seit vier Jahren ganz Europa bedrohenden Kriegs plötzlich zur Nebensache zu werden droht, versuchte Bessent, genau diesen Gedankengang als unbegründet darzustellen: Die „kurzfristige Maßnahme“ werde der russischen Regierung „keine erheblichen Gewinne“ bescheren, da die USA nur den Kauf solcher Öllieferungen erlaubten, die verschifft und nun „auf dem Meer stecken geblieben“ seien.

Wie kurzfristig die Maßnahme am Ende ausfallen wird, kann derzeit wohl niemand sagen. Indiens Regierungschef hat sich zunächst mit scharfer Kritik am Krieg gegen den indischen Partner Iran erst einmal zurückgehalten. Ein militärischer Konflikt löse keine Probleme, hat Modi am Donnerstag vorsichtig formuliert. Doch dass Modi gleichzeitig seine „tiefe Besorgnis“ für die in der Golfregion lebenden Inder zum Ausdruck gebracht hat, verrät, dass der Subkontinent nicht nur wegen der verteuerten Öllieferungen unter dem Irankrieg leiden könnte. Indien ist von Trumps Angriff auf den Nahen Osten gleich vierfach betroffen.

15 Millionen Inder leben in den Golfstaaten

Neben dem Öl ist es auch der gestiegene Preis für Gas, der dem Land zu schaffen macht. Zwar mache der Rohstoff weniger als zehn Prozent im indischen Energiemix aus, so Udith Sikand vom Analysehaus Gavekal Research. Doch das Gas sei unverzichtbar für die Herstellung von Nano-Harnstoff, einem wichtigen Dünger auf Basis von Stickstoff, der in der Landwirtschaft Einsatz findet. Die Regierung subventioniert diesen noch sehr viel höher als Öl. Indiens Ausfuhren von 39 Milliarden Dollar im Jahr an den Golf, nach den USA der zweitwichtigste Exportmarkt des Landes, werden mit Sicherheit ebenfalls einbrechen.

Der Nahe Osten hat für den Subkontinent jedoch noch eine andere Bedeutung, die in der Sorge Modis anklang: Von den 15 Millionen Indern, die im Ausland arbeiten, leben zehn Millionen in den Golfstaaten, davon 4,3 Millionen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und 2,7 Millionen in Saudi-Arabien. Spezialisten sind darunter, etwa im Gesundheitssektor oder in der IT. Auch in der Öl- und Gasindustrie finden sich viele Inder als Elektriker oder Klempner. Doch die Mehrheit arbeitet in weniger gut bezahlten Stellen als Bauarbeiter, Sicherheitsmann oder Kindermädchen.

Das Geld, das sie nach Hause zu den Verwandten überweisen, ist mit rund 50 Milliarden Dollar im Jahr dennoch so beträchtlich, dass die Devisen das Finanzsystem stabilisieren. Derzeit müssen Inder für einen Dollar 92 Rupien bezahlen, womit die Währung auf ihren historisch schwächsten Wert gesunken ist, was eine Intervention der Zentralbank in Mumbai nach sich gezogen hat.

Investoren ziehen ihr Geld aus asiatischen Währungen ab

Doch nicht nur in Indien, überall in Asien ziehen die Investoren ihr Geld aus Währungen wie dem südkoreanischen Won, dem japanischen Yen, dem Singapur-Dollar, dem thailändischen Baht, der indonesischen Rupiah und dem malaysischen Ringgit ab und schichten es in als sicherer geltende Anlagen wie Gold und amerikanische Dollar um. Die Börsenkurse sind eingebrochen, im Fall Thailands seit Beginn des Kriegs um acht Prozent. Keine andere Region auf der Welt ist so auf Energie aus dem Nahen Osten angewiesen. Und keine andere Volkswirtschaft reagiert so sensibel auf Ölpreissteigerungen.

Aber Indien spürt auch den Anstieg auf dem Markt für Gas, das im Fall des indischen Nachbarn Pakistan zu 99 Prozent und Bangladesch zu 72 Prozent vom Golf stammt. Fehlt das Produktionsmittel für Dünger, droht vielen Ländern Lebensmittelnot. Thailand hat den Export von Gas, Benzin, Diesel und Flugzeugtreibstoff am Freitag verboten. Die Philippinen haben alle Regierungsbehörden angewiesen, ihren Energieverbrauch um mindestens zehn Prozent zu kürzen.

Schaden hängt von der Länge des Krieges ab

Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) warnt, in vielen asiatischen Ländern könnten die Regierungen durch einen länger andauernden Krieg in Iran gezwungen sein, ihre Bevölkerungen mit ähnlichen Mitteln wie in der Covid-Pandemie vor dem Absturz ins Elend zu bewahren – mit Bargeldauszahlungen etwa. Besonders gefährdet seien die Philippinen, Pakistan und Sri Lanka – alles Staaten, die besonders auf Öllieferungen aus dem Nahen Osten angewiesen sind, weil sie nur über geringe Reserven verfügen.

Wie hoch der wirtschaftliche Schaden für Asien ausfalle, hänge von der Länge des Kriegs ab, schreibt das Analysehaus Oxford Economics. Noch schlügen die Verwerfungen auf dem Ölmarkt nicht voll auf die Inflation durch, weil in Ländern wie Indien, Malaysia und Thailand öffentliche Subventionen für Benzin und Strom sowie das Einfrieren der Preise durch staatliche Ölkonzerne einen großen Teil der Kostensteigerungen auffangen würden.

Mehr Länder werden wohl russisches Öl kaufen

Die Frage ist nur, wie lange sich die Staaten die Unterstützung ihrer Bevölkerungen leisten können. Im Fall Indonesiens etwa lautet die Antwort: Wohl nicht sehr lange. 210 Billionen Rupiah (rund zehn Milliarden Euro) hat Jakarta für dieses Jahr für die Subventionierung von Energie eingeplant, ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr von 15 Prozent. Steige der Ölpreis auf mehr als 90 Dollar, werde das Haushaltsdefizit auf 3,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, hat der indonesische Finanzminister Purbaya Yudhi Sadewa in der vergangenen Woche gewarnt.

Das läge über der gesetzlich festgelegten Grenze von drei Prozent – und könnte eine weitere Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes nach sich ziehen. Die Ratingagentur Moody’s hat den Ausblick für die Bonität Indonesiens schon auf „negativ“ gesenkt, nachdem die Regierung die Ausgaben erhöht hat wie mit einem 28 Milliarden Dollar teuren Programm für kostenloses Schulessen. Am Dienstag zog die Ratingagentur Fitch nach und senkte den Ausblick für die Bonität des Landes ebenfalls auf negativ.

Da bleibt wohl nur die Hoffnung, dass der Konflikt in Nahost bald endet. Und weil diese nicht allzu groß ist, nachdem Donald Trump am Wochenende gesagt hat, nur eine „bedingungslose Kapitulation“ Teherans könne die Angriffe auf Iran beenden, werden in Asien neben Indien wohl noch sehr viel mehr Länder russisches Öl kaufen. Man werde weitere sanktionierte Ladungen freigeben, um den Preisdruck zu lindern, sagte US-Finanzminister Bessent am Freitag. Da hatte es aus Moskau schon geheißen, man werde weiter „zuverlässig“ liefern – besonders jetzt, wo der Preis für ein russisches Fass zum ersten Mal überhaupt höher als der Weltmarktpreis lag.