Fluch jener „Forbes-Liste“: Schon wieder ein Betrugsskandal um die „30 under 30“
Im Falle von Gökçe Güven ging es besonders schnell. Erst im vergangenen Jahr stand sie auf einer der „30 under 30“-Listen des amerikanischen „Forbes“-Magazins, mit denen jedes Jahr die aussichtsreichsten jungen Unternehmer in verschiedenen Kategorien ausgezeichnet werden. Güven hat eine App entwickelt, die Firmen dabei helfen soll, Kunden mit einem Prämiensystem an sich zu binden. Elf Millionen Dollar hatte das Start-up zum Zeitpunkt von Güvens Auszeichnung eingesammelt, mit 35 Millionen Dollar war „Kalder“ bewertet, wie aus einem „Forbes“-Artikel hervorging. Die türkische Unternehmerin hatte es sogar auf den Titel der Ausgabe geschafft.
Doch der Erfolg währte nicht lange. Vor wenigen Tagen wurde Güven in New York festgenommen. Ihr wird schwerer Betrug vorgeworfen, unter anderem soll sie mit falschen Informationen zur finanziellen Lage des Unternehmens Investoren getäuscht haben und sogar zwei Buchhaltungen geführt haben: eine interne und eine, die sie nach außen präsentierte. Für ihr Visum soll sie zudem gefälschte Empfehlungsschreiben eingereicht haben.
Güven ist damit der neueste Zugang zu der „Forbes to Fraud“-Runde, wie manche Kommentatoren im Internet mit gewisser Häme bemerken. Im Laufe der Jahre haben sich nämlich schon einige der von „Forbes“ Gefeierten zu krummen Geschäften verleiten lassen. Ein besonders prominentes Beispiel ist Sam Bankman-Fried, Gründer der Kryptowährungsbörse FTX, der 2021 auf der „Finance“-Liste von „Forbes“ stand. Zwischenzeitlich soll FTX ein tägliches Handelsvolumen von bis zu 60 Milliarden US-Dollar verzeichnet haben. Das Imperium kollabierte Ende 2022, Bankman-Fried wurde Betrug und Geldwäsche vorgeworfen und schließlich zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt.

Zu den tief gefallenen „Forbes“-Sternchen gehört auch Charlie Javice, die 2019 auf der Liste stand. Sie wurde im vergangenen Jahr von einer US-Jury des Betrugs für schuldig befunden. Nachdem sie ihr Start-up zur Studienfinanzierung an die Großbank J.P. Morgan verkauft hatte, kam heraus, dass es nur einen Bruchteil der angeblich vier Millionen Kunden wirklich gab. Javice wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, will allerdings Berufung einlegen.

Die berühmteste Betrügerin in der Liga der einst aufstrebenden Junggründer dürfte indes Elisabeth Holmes sein. Sie war zwar nicht offiziell auf der „30 under 30“-Liste, hielt jedoch bei der zugehörigen Veranstaltung eine Rede, weshalb sie hier nicht unerwähnt bleiben soll. Holmes gründete Theranos, das versprach, mit einfachen Bluttests etliche Krankheiten diagnostizieren zu können. Eine geniale Idee, die Holmes zwischenzeitlich aufgrund der hohen Firmenbewertung zur mehrfachen Milliardärin machte. Schade, dass das in der Praxis gar nicht funktionierte. Investoren hatten sich jahrelang täuschen lassen von Holmes, die sich im schwarzen Rollkragenpullover gern als weibliche Steve Jobs stilisierte.
Die Aufzählung der gefallenen Jungstars ließe sich lange fortsetzen. Verdirbt das viele Geld in jungen Jahren den Charakter? Steigt den Ausgezeichneten der Erfolg zu Kopf? Das mag auf manche zutreffen. Vielleicht erklärt auch eine gewisse Fetischisierung der Jugend das Phänomen. Weil jungen Gründern oft besonders große Aufmerksamkeit, besondere Bewunderung geschenkt wird, lässt sich mancher zu einer Abkürzung verleiten.
Für „Forbes“ ist das Imageproblem weniger groß, als man denken könnte – zumindest träumen viele junge Unternehmer weiterhin davon, es auf die Liste zu schaffen. Die Erwähnung hilft dabei, in die Schlagzeilen zu kommen. Und womit, das hat ja schließlich jeder selbst in der Hand.