Fischsterben in welcher Ostsee: Die Freiheit welcher Fischer
Das Boot schaukelt kräftig, während die beiden Männer langsam das Netz einholen. Ein heller Berg Maschen türmt sich auf. Fische sind lange keine zu sehen. Dann endlich ein kleiner Hering, später noch mal zwei. Mathias Ravanis wirft sie in einen Eimer. Das Fischen sei wie eine Lotterie, sagt er. Manchmal fange man gar nichts, manchmal schon etwas. Aber gegen früher sei das alles nichts.
Ravanis trägt alte dunkle Ölkleider, sein Bruder Martin, der hinten am Steuer steht, orangenfarbene. Der Motor ihres alten Holzbootes tuckert. Sie haben es selbst gezimmert. Ein Boot, wie es früher in der Region gebaut wurde. Mit überlappenden Planken und fein geschwungenem Rumpf, fast ohne Tiefgang und damit gut für die flache Küste hier im Südwesten Schwedens geeignet.
Wie vor Hunderten von Jahren
Mathias und Martin Ravanis restaurieren alte Holzboote mit Werkzeugen und Materialien, wie sie in der Region seit Jahrhunderten verwendet werden. Und sie werfen regelmäßig ihre Netze im Öresund aus. Bisher ist das in vielen schwedischen Küstenregionen erlaubt. Doch bald könnte es damit vorbei sein. Ein Regierungsgutachten für eine „modernisierte Fischereigesetzgebung“, das derzeit der schwedischen Regierung in Stockholm zur Beratung vorliegt, sieht ein Verbot der sogenannten Hausbedarfsfischerei vor. Mit den Netzen soll es vorbei sein, fast nur noch Angeln soll erlaubt sein. Zudem sollen Freizeitfischer künftig registriert und stärker kontrolliert werden.

Bisher dürfen Hobbyfischer in Schweden bis zu 180 Meter lange Netze auslegen, außerdem Langleinen mit 100 Haken sowie Reusen für Hummer. Regeln gebe es kaum welche, sagt Mathias Ravanis. Alles, was es brauche, seien Netzbojen, die Anfang und Ende des Netzes markierten. Eben hat er seine aus dem Wasser geholt. Darauf ist sein Name und seine Telefonnummer geschrieben. Keine Papiere, keine Fischerprüfung? Natürlich nicht. Aber die Frage überrasche ihn, sagt er. Das sei doch seit Tausenden von Jahren so. Erzählt man ihm, wie stark Angeln in Deutschland reglementiert ist, kann er es nicht glauben. Wie bei George Orwell, sagt er. Fischen sei doch Freiheit.
Zur Begründung für das weitgehende Verbot der Hausbedarfsfischerei heißt es in dem Regierungsgutachten, bisher sei man zu großzügig bei den Fanggeräten gewesen. Diese Art der Fischerei lasse sich schlecht überwachen, sie könne den Druck auf die Fischbestände erhöhen. Zudem widerspreche sie EU-Vorgaben. Freizeitfischen solle dem Sport und Erholungszweck dienen, nicht dem Eigenbedarf an größeren Mengen.
Schweden hat eine der längsten Küsten Europas. Fischen ist hier Breitensport. Aber die meisten Leute angeln. Schätzungen zufolge wird nur rund ein Prozent der Fische im Land von Privatleuten mit Netzen gefangen. Angler hingegen fangen fünf bis zehn Prozent der Fische. Der Rest geht an die Berufsfischer, die Großteils mit Schleppnetzen arbeiten.
„Die Schleppnetzfischerei geht weiter, und die verbieten die einzige nachhaltige Art zu fischen, die seit der Steinzeit praktiziert wird“, sagt Ravanis. Verrückt und absurd sei das. Mit dem küstennahen Netzfischen würden die Fischbestände geschont. Die Küstenfischer trügen zum Erhalt der Bestände bei, so hätten sie gemeinsam mit anderen in der Region kleine Bäche renaturiert, damit mehr Lachse und Meerforellen zum Laichen kommen. Zudem sichere die Küstenfischerei das Überleben der Bevölkerung in Krisenzeiten. „Wenn der Krieg kommt und wir rausmüssen zum Fischen, wird das keiner mehr machen können“, sagt Ravanis.
Während der Kriege, als die großen Fischerboote wegen der Minen oft nicht mehr rauskamen, habe die küstennahe Fischerei eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Bevölkerung gespielt. Er verweist auf Finnland, wo das Fischen auch mit Netz sehr liberal geregelt ist und als Teil der Versorgungssicherheit gilt. Vor allem aber sorgt er sich, dass mit dem Verbot der privaten Küstenfischerei eine jahrhundertealte Kultur verloren geht. „Wenn das Verbot kommt, wird das alles wegfallen“, sagt er und zeigt auf die Küste. Auf die kleinen Häfen, die vom Einsatz der Hobbyfischer lebten. Und die Fischbestände werde ein Verbot auch nicht retten.

In der Ostsee ist deren Situation desaströs. Die Bestände des Dorschs sind kollabiert, als nah am Kollaps gilt auch der Hering. Bei Lachs und Meerforelle gibt es massive Rückgänge. Schuld sind Überfischung, Dünger und die Erwärmung des flachen Binnenmeers. Regelmäßig einigen sich die EU-Staaten auf neue Fangquoten, genauso regelmäßig warnen Forscher, dass diese weiterhin viel zu hoch seien. Dominiert wird der Fang von großen Trawlern. So gibt es in Schweden immer weniger kleine Fischerboote. Die größten 20 Schiffe fangen 95 Prozent der Fische. Wobei der Hauptteil des gefangenen Fischs an Futtermittelfabriken in Dänemark geht – und später an norwegische Lachsfarmen. Norwegischer Lachs wiederum landet dann in schwedischen Supermärkten.
Viel zu hohe Fangquoten
Was es braucht, sei seit Langem klar, sagt der Meeresbiologe Jørgen L. S. Hansen von der Universität Aarhus. „Wir sollten aufhören, Grundschleppnetze zu verwenden.“ Hansen hat eine Studie zum Schleppnetzfischen im Kattegat veröffentlicht. Demnach wird ein Großteil des Bereichs, in dem der norwegische Hummer lebt, jedes Jahr mehr als dreimal mit Schleppnetzen durchpflügt. Rund ein Fünftel aller Lebewesen am Meeresgrund stirbt dabei jedes Mal. Der Lebensraum der Fische wird zerstört, ihre Nahrung vernichtet. Für jedes Kilo gefangene Hummer sterben bis zu 500 Kilogramm andere Tiere. Notwendig wäre es aus Sicht des Forschers, Meeresgebiete für die Fischerei zu sperren und auf nachhaltige Fangmethoden zu setzen. Stattdessen würden immer größere Trawler gebaut und weiter viel zu hohe Fangquoten festgelegt.
Im Öresund, der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, ist die Situation noch etwas besser. Hier hatte man bereits vor über 100 Jahren erkannt, dass Schleppnetze die empfindlichen Meeresökosysteme zerstören. Angeführt von lokalen Fischern gab es damals Proteste. Schweden und Dänemark einigten sich auf ein Verbot des Grundnetzfischens in der Meerenge. Seitdem ist der Öresund ein ökologischer Sonderfall und eine der wenigen Regionen in Europa, in der keine Schleppnetze erlaubt sind. Das weckt Begehrlichkeiten. Regelmäßig seien dänische „Fischerdiebe“ am Werk, erzählen die Brüder Ravanis. Also Fischerboote, die illegal fischen und ihr automatisches Positionsbestimmungssystem (AIS) ausgeschaltet haben. Die melden die Leute aus dem Ort dann an die Küstenwache.

Am Steg von Nyhamnsläge machen die beiden Brüder ihr Boot fest. Danach geht es noch auf einen Kaffee in das kleine rote Holzhäuschen am Rande des Hafens, das sich die Bootsbesitzer teilen. Ein Mann schenkt allen etwas Gebäck, das nach Safran schmeckt. Trotz des mageren Fangs ist die Stimmung gelöst. Die Brüder haben zusätzliche Heringe gekauft, die später mit Preiselbeermarmelade gegessen werden.
Hier in dem kleinen Ort im Westen der Provinz Skåne haben die Brüder in den Siebzigerjahren ihre Kindheit verbracht, hier wohnen sie noch gemeinsam im Haus ihrer Mutter. In der großen Garage hatten sie einst als junge Männer ihr erstes Holzboot renoviert. Sie hatten kein Geld für ein „Plastikboot“, wie Mathias Ravanis moderne Boote nennt. Also renovierten sie das alte Boot ihres Onkels. Bald kamen Aufträge hinzu, denn es gab sonst keinen mehr, der die alten Holzboote wieder flottmachen konnte. Irgendwann bauten sie sich dann draußen hinter den Feldern eine große Werkhalle und ein Sägewerk. Seit 32 Jahren arbeiten sie nun zusammen. Wie das so sei, immer mit dem Bruder? „Wir kommen zurecht“, sagt der ansonsten eher schweigsame Martin Ravanis lächelnd.

Er sitzt am Steuer des braunen Mercedes, ein Diesel ohne Anschnallgurte, Jahrgang 1961, mit dem die beiden vom Hafen zu ihrer Werkstatt fahren. Das Auto kurvt über die nassen Straßen, vorbei an großen alten Eichen, später hält es neben der dunkelrot gestrichene Werkhalle. Ringsherum stapelweise Hölzer. Zersägte Baumstämme für den Bootsbau, die jahrelang an der Luft trocknen.
Die Brüder zerteilen einen Eichenstamm. Langsam frisst sich die Säge hinein. Rund 150 Jahre ist der Baum alt. Er ist krumm gewachsen, so etwas suchen sie, viele Stunden verbringen sie dafür im Wald. Aus den krummen Hölzern machen sie den Kiel, den Steven oder Teile des Decks. Das Holz ist stabiler, als wenn man es unter Dampf biegt. So wurde es auch früher gemacht, schon bei den Wikingern. „Das geht nicht besser als damals“, sagt Mathias Ravanis.
Aber die Suche nach geeignetem Holz ist mühsam, Schwedens Forstpolitik macht es ihnen nicht leicht. Das Land verfolgt ein umstrittenes Kahlschlagprinzip. Die Wälder werden regelmäßig komplett abgeerntet, dann werden neue Setzlinge gepflanzt. Eine Katastrophe für die Pflanzen- und Tierwelt. Und schlecht für die Bootsbauer, schließlich wird das Holz sehr viel dichter, wenn ein Baum mit anderen um Licht konkurriert.

Auf dem Gelände stehen auch rund 50 alte Holzboote, manche davon halb verwittert. Die beiden Brüder sammeln sie in Fischerorten der Gegend. Ihre „Bibel“ nennen die Brüder die Boote. 2500 Jahre Wissen seien darin akkumuliert. Alle seien von ihnen ausgemessen und abgezeichnet worden, um zu lernen. Von den Formen der Boote und ihrem geringen Tiefgang, der es trotzdem möglich mache, hart am Wind zu segeln, können die beiden lange schwärmen.
Im Inneren der großen Werkhalle stehen alte Arbeitsmaschinen, an den Wänden hängt Werkzeug, auf den Tischen stapeln sich Bootsbücher. Die Brüder tragen alte blaue schwedische Marinekleider. An diesem Tag bringen sie die unterste Planke an einem Klinkerboot an. Ein altes Holzboot, bei dem dünne, sich leicht überlappende Planken an Kiel und Steven befestigt werden. Die erste Planke sei der schwierigste Moment, sagt Martin Ravanis. Mit dem Beil schlägt er vorsichtig ein paar Holzstücke ab. Um das Boot dicht zu halten, müssten die Winkel der Hölzer genau angepasst werden.
Die beiden nutzen fast nur Materialien und Werkzeuge wie früher. Nur bei den Nägeln, mit denen die Planken befestigt werden, erlauben sie sich eine Neuerung. Edelstahl ist sehr viel langlebiger als Eisen. Zum Abdichten verwenden sie stark riechenden Teer, der aus destillierten Kieferwurzeln gewonnen wird. Ein altes Boot mit einer Plastikschicht zu reparieren, sei wie Plastik über ein Gemälde von Leonardo da Vinci zu kippen, sagt Mathias Ravanis.

Die nordischen Klinkerboote wurden vor einigen Jahren von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Zur Begründung hieß es: Seit zwei Jahrtausenden würden die Boote nach denselben grundlegenden Techniken gebaut. Als Symbol des gemeinsamen nordischen Küstenerbes seien sie zum Fischen und zum Transport von Materialien und Personen verwendet worden, heute würden sie vor allem bei traditionellen Festen, Regatten und Sportveranstaltungen eingesetzt. Diese Tradition sehen die Brüder mit dem Verbot der Hausbedarfsfischerei gefährdet, denn diese ist für sie unweigerlich mit den alten Booten verbunden. Mehr als 100 Schiffe haben sie bisher restauriert und nur sieben neue gebaut. Für ein neues Boot benötigen sie gemeinsam vier bis fünf Monate.
Das älteste Segelfischerboot Schwedens
Hinten an der Wand der Werkhalle hängen Zeichnungen eines größeren Holzschiffs. Wasa heißt es, so wie die berühmte schwedische Galeone, die 1628 in Stockholm gesunken war. Mit der 1905 gebauten Wasa auf den Zeichnungen fuhren die Brüder einst mit den Großeltern und Eltern von Torekov aus auf die Insel Hallands Väderö, ins Sommerparadies. Damals wurde das Segelschiff im Sommer als Fähre genutzt und im Winter als Fischerboot. Es verfügte über einen breiten Rumpf, der den großen Wellen des Kattegats standhalten konnte, und über einen großen Behälter im Inneren, der mit Seewasser geflutet wurde und mit dem die gefangenen Fische lebend zurückgebracht werden konnten.
Ende der Achtzigerjahre wurde das Schiff ausgemustert, später ging es bei einem Sturm kaputt, der Besitzer begann, es für den Schrottplatz zu zersägen. Dann entdeckten die Brüder es. Ihren Angaben nach handelt es sich um das älteste Segelfischerboot Schwedens. Jetzt steht es draußen vor der Werkhalle. Mehr Wrack als Boot. Das Deck zerstört, viele Planken zerborsten. Trotzdem wollen die Brüder es restaurieren, exakt so wie zum Zeitpunkt des Baus. Dafür haben sie auf ihrem Werkstattgelände bereits eine große neue Halle errichtet. Die Konstruktion im Stile alter Schiffshallen von Råå, wo die Wasa gebaut worden war.

Nur vier bis fünf Prozent des Schiffs würden sie am Ende erhalten, sagt Mathias Ravanis. Die Renovierung sei sehr viel aufwendiger, als ein neues Schiff zu bauen. „Aber dann wäre es nicht mehr die Wasa.“ Es gehe darum, der Genetik des Schiffes zu folgen. Dann könne man fast alles austauschen, ohne dass die Identität des Schiffes verloren gehe.
Aus dem Projekt wollen sie ein Buch machen, ihr Wissen damit an künftige Generationen weitergeben. Irgendwann soll die Wasa dann wieder nach Torekov zum Ort ihrer Jugend aufbrechen. Als Fährschiff, aber auch, um jungen Leuten die Küstenfischerei mit Netzen und Langleinen näherzubringen. So sie dann noch existiert.
Source: faz.net