Fintech Paytm: Eine Bezahl-App z. Hd. 300 Millionen Menschen

Vor ein paar Tagen meldete sich der indische Techunternehmer Vijay Shekhar Sharma zu einem ungewöhnlichen Thema zu Wort. Ansonsten spricht der Gründer der App Paytm meistens darüber, wie er einst auf die Idee für den digitalen Zahlungsdienstleister kam: Er stand im Flughafen Los Angeles, das Portemonnaie war in der Airportlounge in Delhi geblieben, und er hatte als einziges Zahlungsmittel die geliehene Kreditkarte eines Freundes zur Hand, mit der er sich auf seinem Smartphone ein Uber-Taxi bestellte.
Zu Beginn des neuen Jahres ging es Sharma um nicht weniger als die Ehrenrettung des Kapitalismus. Der Unternehmer schaltete sich in Indiens Debatte ein, ob das hohe Wirtschaftswachstum des Landes (voraussichtlich 6,6 Prozent im laufenden Fiskaljahr) bei der Masse der Menschen ankommt oder nur bei ein paar Milliardären. Wie beim Paytm-Gründer, dessen Vermögen auf 1,6 Milliarden Dollar geschätzt wird, seitdem sich der Aktienkurs seines Unternehmens nach einem Tief im vergangenen Jahr fast verdoppelt hat.
Er selbst sei ein Produkt des Kapitalismus, schrieb Sharma – und ist selbstverständlich davon überzeugt, dass seine App den Indern Gutes tut. Das stimmt. Wie Alipay in China hat Paytm es im Nachbarland Millionen Menschen ermöglicht, zum ersten Mal in ihrem Leben bargeldlos zu bezahlen: die Rechnung im Lebensmittelladen um die Ecke, in dem der Kunde den QR-Code scannt und das Geld in Echtzeit überweist. Aber auch den Betrag zum Aufladen des Mobilfunkguthabens, für den man früher lange im Handyshop anstehen musste – genauso wie für das Begleichen der Stromrechnung oder der Miete in der Bankfiliale.
Monatsmiete und Provision
Inzwischen stehen 13 Millionen sogenannte „Soundboxen“ von Paytm in Indien – Geräte mit einem Lautsprecher, die dem Ladenbesitzer sofort ansagen, wenn er eine Zahlung erhalten hat. Der muss für die Miete monatlich im Schnitt rund 100 Rupien an Paytm überweisen, umgerechnet einen knappen Euro. Die zweite Umsatzquelle des Unternehmens sind die Kommissionen von ein bis zwei Prozent, die es vom Händler für die Nutzung seiner Zahlungsinfrastruktur nimmt. Weil Paytm dabei eine Menge Daten über jeden noch so kleinen Händler sammelt, kann es diesem ohne großes Risiko auch Kredite anbieten, die er zu früheren Zeiten bei den traditionellen Banken wohl nie erhalten hätte.
Auch von den großen E-Commerce-Händlern wie Amazon kassiert Paytm Gebühren. Dazu kommen etliche weitere Geschäfte mit Privatkunden: die Zahlung von Kinokarten, Konzerttickets und Autobahngebühren sowie von kompletten Reisen, Geldtransfers von einem Smartphonebesitzer zum anderen, Zahlungen per Kreditkarte, Aktienhandel, Verkauf von Versicherungen und natürlich – ebenso wie bei den Geschäftskunden – die Vergabe von Krediten in Sekundenschnelle.
300 Millionen Inder nutzen Paytm, um in 44 Millionen Geschäften zu bezahlen. Im Jahr 2016 hatte das Unternehmen einen raketenhaften Aufstieg hingelegt, nachdem Zahlungen im Land per QR-Code verbreiteter wurden und die Demonetisierung die indische Gesellschaft erfasst hatte. Paytm-Erfinder Sharma hatte sein erstes Start-up bereits im Jahr 2000 gegründet, als sich das Internet langsam in Indien durchzusetzen begann. Es reichte dem 1978 geborenen Unternehmer jedoch schnell nicht mehr, Klingeltöne zu verkaufen. Sharmas Vorbild war das chinesische Wunderkind Jack Ma, der mit seinem Zahlungsdienst Alipay begann, das benachbarte Milliardenvolk China zu revolutionieren, in dem sich Kreditkarten bis dato nie durchgesetzt hatten und Land- und Stadtbewohner für das Begleichen jeder Stromrechnung zum Laden an der Ecke liefen, wo der Verkäuferin das Geld in bar über den Tresen geschoben wurde.
2010 gründete Sharma „Pay Through Mobile“, abgekürzt Paytm, mit dem zu Beginn allein das Guthaben auf den Karten der Mobilfunkanbieter aufgeladen worden konnte. Der Aufstieg begann, als Paytm vier Jahre später das „Wallet“ einführte, eine Geldbörse, die vom eigenen Bankkonto aus aufgeladen werden konnte. Jack Ma wurde auf Sharma aufmerksam und investierte mit seinem Alibaba-Konzern 640 Millionen Dollar in Paytm. Mit dem Geld konnte das Unternehmen Angestellte anheuern, die die fortschrittsskeptischen Inder in den Läden vom bargeldlosen Zahlungsverkehr zu überzeugen versuchten.
Bald hatten sie dafür ein unschlagbares Argument zur Hand: Cashback-Zahlungen, bei dem für jede per Paytm geleistete Zahlung von Mobilfunkguthaben oder Rechnungen ein kleiner Betrag auf die Geldbörse in der App zurückgebucht wurde. Dem Geschenk konnten die Inder nicht widerstehen. Als die Regierung dann auch noch bekannt gab, dass die Banknoten über 500 rund 1000 Rupien ungültig waren (entspricht fünf und zehn Euro), war der Werbeslogan „Ab ATM nahin, Paytm karo“ (Ab sofort Paytm statt Geldautomaten nutzen) in aller Munde, und der Siegeszug von Paytm begann.
Im Fadenkreuz der Zentralbank
Kaum vorstellbar, dass eine solche Erfolgsgeschichte von heute auf morgen enden könnte. Doch genau das war Anfang 2024 der Fall. Bereits in den Jahren zuvor hatte Paytm mit immer stärker auftretenden Wettbewerbern wie UPI und Google zu kämpfen gehabt. Der Börsengang im Jahr 2021, bis zu diesem Zeitpunkt der größte in Indiens Geschichte, wurde zur Katastrophe. Die Super-App fuhr weiterhin Verluste ein. Am Ausgabetag der Aktien stürzte der Preis um fast ein Drittel ab.
Im Januar 2024 geriet Paytm ins Fadenkreuz der Zentralbank. Die Regulatoren warfen dem Unternehmen vor, bei seinem Geschäft gegen alles Mögliche verstoßen und Geldwäsche ermöglicht zu haben. Die Zentralbanker fackelten nicht lange und verboten einen Monat später sämtliche Dienstleistungen von Paytm. Der Aktienpreis stürzte um weitere 50 Prozent ab.
Ein Anteilsschein an dem eben noch so mächtigen digitalen Zahlungsdienst war nun 310 Rupien wert (drei Euro). Seitdem hat Paytm Geschäfte verkauft und sich neue Partner gesucht. Die chinesischen Anteilseigner sind draußen, was das Vertrauen der Regulatoren zurückgewonnen hat. Mitte Dezember gab die Zentralbank grünes Licht für grenzüberschreitende Zahlungen – und der Aktienpreis stieg bis heute auf 1300 Rupien.