Finnland | Oulu ist Kulturhauptstadt 2026: Hier geht es ans Eingemachte
Gerade geht kein Wind, sagen sie in Oulu, lächeln fein und meinen, dass sich die -15 Grad Celsius genau so anfühlen. Und nicht etwa kälter. Die Stadt liegt Anfang Februar unter Schnee und Eis – Lebensbedingungen, die in Berlin von krakeelenden Überschriften („Die Stadt bricht ihren Bürgern die Knochen“) oder Alarmismus („Darum verzichte ich jetzt doch aufs Radfahren“) begleitet würden. In Oulu, fast 220.000 Einwohner, gelegen am nördlichen Rand von Mittelfinnland, eröffneten sie das Jahr der Kulturhauptstadt: ein Fest auf dem Marktplatz, der Schreichor schrie, der Präsident schaute vorbei, alle standen im dichten Schneefall. Etliche kamen mit dem Rad, warum auch nicht, bis auf eine dünne Schicht aus Eis wird alles immer fein geräumt.
Organisatoren von Kulturhauptstädten suchen Überschriften für so ein Jahr. Die sollen weit genug ausgreifen, irgendwie originell sein, wohlfühlig und niemanden verschrecken. In Oulu geben sie in diesem Jahr 50 Millionen Euro für ihr Programm aus, je 20 Millionen kommen vom Staat und von der Stadt selbst. Das Motto heißt „Cultural Climate Change“ und deutet an, dass man Veränderungen organisieren könnte. Kleine Erinnerung, Finnland wird seit 2023 von einer Mitte-rechts-Koalition regiert, gerade tritt ihre Reform in Kraft, mit der Leistungen des Sozialstaats weiter kräftig reduziert und viel schwerer zu bekommen sind. Damit das Motto niemand vergisst, haben sie es auf Banner geschrieben, oder auf Bommelmützen.
„Cultural Climate Change“ sagt auch Alma Lehmuskallio öfter, sie kommt aus Helsinki, ist aber nun schon in ihrem sechsten Jahr künstlerische Leiterin des Theaters, zwei Schneeballwürfe vom Marktplatz entfernt. Sie hat zu einem Gespräch in einen fensterlosen Raum geladen, erzählt, dass Oulu eine eher konservative Stadt sei, will Ausblicke auf die Beiträge ihres Hauses geben.
Die erste Phase des Jahres rückt die Sámi in den Blick, also die indigene Bevölkerung Nordeuropas. Das Verhältnis zum Thema zu machen, ist ein Glücksgriff. Einer, für den hohe Zeit ist. Anfang Dezember veröffentlichte die Arbeits- und Versöhnungskommission ihren Bericht, der mit einem Satz beginnt, über den etliche Finnen noch immer stolpern: „Der finnische Staat wurde auf dem Land zweier Völker gegründet, der Sámi und der Finnen.“
Für den Bericht erzählten rund 400 Sámi vom Verlust, oder eigentlich von der Zerstörung ihrer Kultur: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Kinder der Sámi in Internate gesteckt – wo ihnen ihre Sprachen (in Finnland werden drei gesprochen, es gibt noch sechs weitere) verboten wurde, ebenso ihr Gesang, der Joik. Die Kirche tat kräftig mit, verstärkte die Herablassung; die Kleidung der Sámi, an deren Muster und Farben sich Familienstrukturen und regionale Zugehörigkeiten ablesen lassen, galt als rückständig und verpönt.
Das alles spielte in einer Gesellschaft, die auf Industrialismus setzte. Viele Finnen schwenkten die Fahne der Modernisierung über dem Norden, der technische Teil ihrer Ausführungen las sich als drakonisch vorgetragenes Gebot der Assimilation. Nicht selten war die Aufforderung, angeblich Überkommenes zurückzulassen, gewalttätig. Und so verkörpern die Sámi auch eine verdrängte Gewaltgeschichte des Landes – für eine Mehrheitsgesellschaft, die sich gern erzählt, dass sie 600 Jahre schwedische Kolonie gewesen sei, ist das unbequem: Im Norden trat sie selbst kolonial auf.
Oper vs. Kunstmuseum
Eine große Rolle spielen ökonomische Interessen – Ende 2024 rügte die Menschenrechtskommission der UN die Regierung, dass Finnland fortwährend die Rechte der Sámi verletze, „indem sie Explorationsgenehmigungen für Bodenschätze auf ihrem Territorium ohne Folgenabschätzung oder angemessenes Beteiligungsverfahren“ erteile. Man kann die Modernisierungsgeschichte auch so lesen: Sámi stören bei den Ideen der Minengesellschaften, der Holzwirtschaft und der kräftig wachsenden Tourismusindustrie. Gleichzeitig wird Lappland für Touristen mit Folklorekitsch ausgekleidet (nicht selten in China produziert), den die Sámi als Beleidigung empfinden: Plastikfummel für Hotelangestellte, Nippes für Touristen.
Und selbst nachdem das Parlament nach 30 Jahren Verhandlung im letzten Sommer einer Ergänzung zu ihren Selbstbestimmungsrechten zustimmte, hat es noch immer die ILO-Konvention der indigenen und Stammesvölker von 1989 nicht ratifiziert, Land- und Wasserrechte sind nicht gesichert, Minengesellschaften müssen nun zwar mit Sámi-Vertretern sprechen, bevor sie den Boden aufreißen, wenn die widersprechen, hat das aber weiter keine Folgen. Immerhin, an der Universität in Oulu kümmert sich das Giellagas-Institut um Kultur und Sprache der Sámi.
Alma Lehmuskallio will erklären, wie genau sie sich die Sache mit dem kulturellen Klimawandel so vorstellten. Sie erzählt von Ovllá, einer Produktion, bei der es viel um das Miteinander gegangen sei. Da waren Gremien damit beschäftigt, kulturelle Codes richtig zu verwenden, es ging um das vorsichtige Heranführen an die Arbeit. Oper, sagt Lehmuskallio, sei insgesamt ein patriarchales und koloniales Genre. Das ist eine interessante Einleitung, denn das Haus hat viel Aufwand hinter die Produktion geschmissen, die eine Oper sein will. Wenn man dann die Stunden im großen Haus den Lebensweg der Hauptfigur Ovllá durchlebt, stellt man fest, dass sehr viel an dieser Arbeit vor allem gut gemeint war.
Nur eben nicht gut gemacht: Die Geschichte von Ovllá erzählt die Stationen der erzwungenen Assimilation, der Junge wächst zum Jüngling, umgeben von tumben Tölpeln (die Finnen), verliebt sich in eine Frau, die viel klarer in der Sámi-Tradition wurzelt als er. Mit männlichem Starrsinn beharrt er darauf, dass ihre gemeinsame Tochter Finnin werden soll. Das Genre der Oper mag von Chauvinismus unterspült sein, aber wenn das Gegenbild aus einem Brei banaler Streicherarrangements besteht, der Hauptdarsteller leider keine Singstimme hat und das Libretto wie eine Laubsägearbeit wirkt, stereotyp und vorhersehbar als identitätspolitische Erweckung, hilft das nur bedingt.
Sehr anders hat sich das Kunstmuseum drei Ecken weiter aufgestellt: Die Ausstellung Eanangiella versammelt Arbeiten von 78 Sámi. Auch wenn man erst einmal vor der Unterzeile der Ausstellung erschrickt, Stimme des Landes, zeigt sich schnell, dass diese Stimme nicht mit dem blassen Fähnchen der Oper vergleichbar ist: Hier geht es ans Eingemachte, eine mythologisch geprägte Welt faltet sich auf, Vorfahren leben unter der Erde weiter – also dort, wo die Minengesellschaften nach Reichtum suchen. Die Installation einer flachen Trommel markiert den Übergang zwischen Sphären. Ganz zum Ende hängt dann wieder eine im Raum, reich ornamentiert, zur allgemeinen Betätigung. Man soll auf sie klopfen, wenn man Rat benötigt.
Alle Bildbeschreibungen sind nur auf Sámi
Über die offenen Räume treten Arbeiten in Verbindung zueinander, Übergänge zwischen Artefakten und Kunstwerken sind fließend. Immer wieder weisen einzelne Stücke auf die eminent wichtige Rolle des Kunsthandwerks für das Fortbestehen einer oralen Kultur, wie die Arbeiten aus Holz und Stoff von Kirsi Máret Paltto. Outi Pieski spürte mit der Archäologin Eeva-Kristiina Nylander der Geschichte der Ládjogahpir nach. So heißen Hüte der Frauen, die sich mit Holzeinsätzen zu einem Horn versteifen. Die in Nordeuropa mächtige, pietistisch und lutherisch geprägte Glaubensbewegung der Laestadianer verfolgten sie mit Verve – heute werden noch 58 dieser Hüte in Museen (unter anderem in Berlin) aufbewahrt. Ganz wenige finden sich noch im Siedlungsgebiet der Sámi. Pieski fand den Hut ihrer Großmutter.
Immer wieder geht es auch um Szenarien der Bedrohung und Ängste, unscharf aufgenommen rennt auf einer Fotografie ein Kind in der bunten Kleidung der Sámi vor einer düsteren Masse davon. Sehr gegenständlich wird Energiegewinnung für grünen Kapitalismus als Gefahr für die Weideflächen der Rentiere thematisiert. Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit, alles Themen, die Sámi immer schon pflegten. Außerdem weist ein Kniff auf die Konstruktion von Normalität: Alle Bildbeschreibungen sind auf Sámi. Wer sie auf Finnisch oder Englisch lesen möchte, muss sich in jedem Raum ein Heftchen dazu nehmen.
Man kommt ein wenig verändert aus dieser herrlich konzentrierten Ausstellung. Ein guter Moment, um aus der Stadt zu fahren, zum Beispiel 150 Kilometer nach Norden. Da liegt Kukkolankoski, ein Dorf aus Holzhütten am Tornio-Fluss, 200 Einwohner auf der finnischen und 100 auf der schwedischen Seite. 40 Gemeinden machen mit beim Kulturhauptstadt-Jahr, hier ist es etwas kälter und sonnig, der weite Fluss liegt tief unter Eis, nur die Stromschnellen reißen es auf.
Kukkolankoski passt anders in die Verdrängungsgeschichte des Landes: Etwa im 12. Jahrhundert siedelten sich hier Menschen an, seit Jahrhunderten werden hier Weißfische und Lachse gefangen. Das Ganze ist Handarbeit, mit Keschern an meterlangen Stecken, es ist nachhaltig und streng reguliert, sie wollen damit auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Es wird immer schwerer, dank Industriefischerei und Klimawandel.
Wenn Jaakko Heikkilä die Kescher zeigt, die provisorischen Holzbrücken, die gerade unter viel Schnee am Ufer auf die Wochen im Sommer warten, an denen sie in den Fluss geräumt werden, kann man an eine weitere Ausstellung in Oulu denken. Organisiert hat sie die Fotografiska, die Überschrift heißt Play. Es gibt etwas Martin Parr, etwas Bruce Davidson, ein paar Abzüge von Susan Meiselas. Die berührende Serie über Abschiede, die Deanna Dikeman von ihren Eltern aufnahm. Nina Katchadourians Video-Spielereien auf Flügen um die Welt. Irgendwie wird man dabei einen fahlen Geschmack nicht los, hier will ein Weltbetrieb den Menschen in Oulu mal richtige Kunst zeigen. Mit einer gedrängten Inszenierung perfekt abgezogener Ortlosigkeit macht die globale Kunstsause kurz Halt im zweiten Stock eines Kaufhauses.
Bei Jaakko Heikkilä in Kukkolankoski hätten sie einen Schatz heben können. Denn er ist auch Fotograf und beobachtet seit Jahrzehnten eine Welt aus Handarbeit im tosenden Fluss, Männer in Gummistiefeln, Frauen in Kittelschürzen. Ein anstrengendes Leben, im Eis, im Sonnenschein. Menschen kämpfen im Fluss und verkaufen ihren Ertrag nachher auf einem Markt. Erfrischend wenig Play.