Finanzplanung: KI-Finanzberatung – ein Selbstversuch

Mittlerweile arbeitet ein ganzes Team von Praktikanten für mich. Eine Praktikantin liest meine E-Mails und formuliert Antwortvorlagen, eine andere koordiniert meinen Kalender. Ein weiterer Praktikant erstellt den Ernährungsplan für unsere sechsköpfige Familie, samt Einkaufsliste und Kochrezepten. Und der vierte gestaltet die Einladung zum nächsten Kindergeburtstag.

Die talentiertesten Praktikanten sind sie allerdings nicht. Wenn es gut läuft, sind ihre Ergebnisse zu etwa 65 Prozent brauchbar, im besten Fall zu 80 Prozent. Dafür besitzen sie eine bemerkenswerte Geduld. Ich kann ihnen dieselbe Aufgabe wieder und wieder geben, und sie antworten stets freundlich: „Verzeih, ich werde versuchen, es besser zu machen.“ Wie Sie vielleicht schon ahnen, handelt es sich bei diesen Praktikanten keineswegs um menschliche Wesen, sondern um KI-Assistenten.

Am Anfang steht Verenas Analyse

Nachdem der Ernährungsplan zumindest so weit optimiert ist, dass niemand mehr hungrig ins Bett gehen muss, wage ich mich an die wichtigeren Dinge des Lebens: unsere Finanzen. Vielleicht kennen Sie das Problem. Die meisten Menschen in der Mitte des Lebens haben mit ihrem Geld zwar irgendetwas gemacht, ob gespart, investiert oder eine Immobilie gekauft, aber selten mit klarer Struktur oder einem konkreten Ziel. Ein Überblick fehlt oft genauso wie eine Vorstellung davon, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Wer kein siebenstelliges liquides Vermögen besitzt, bekommt selten eine gute Beratung. Vielleicht kann KI das Problem lösen?

Mit dieser Frage bin ich an ChatGPT herangetreten und fand mich rasch in einem längeren Gespräch wieder. Zunächst, so der Vorschlag, solle ich eine Vermögensinventur mithilfe meiner Assistentin – ich nenne sie Verena, die freundliche Vermögensberaterin – erstellen. Dann hilft mir Verena, mein Vermögen zu strukturieren und zu analysieren. Am Ende unseres digitalen Beratungsgesprächs soll sie mir dann einen Ausblick geben, wie ich meine Mittel künftig einsetzen könnte, um meine Ziele zu erreichen.

Einfachheit ist Trumpf

Ich muss allerdings gestehen: Nach Berichten über OpenClaw, wonach selbst die KI-Sicherheitsexpertin des US-Techkonzerns Meta ihren Agenten nicht mehr unter Kontrolle hatte und dieser kurzerhand ihr Postfach leerte, verspüre ich wenig Lust, der KI-Assistentin meine Originaldaten anzuvertrauen. Ich beschließe also, ein ungefähres Szenario aus früheren Jahren zugrunde zu legen. Verena entwickelt zunächst einen Fragebogen. Vielleicht ist die Beantwortung solcher Fragen für die meisten Menschen ohnehin ein notwendiger erster Schritt. Allzu oft scheitert die persönliche Finanzplanung nämlich schlicht daran, dass nicht alle Unterlagen griffbereit sind. Verena bleibt pragmatisch und entgegnet freundlich: „In den meisten Fällen reicht es, etwa 80 Prozent zu erfassen und nicht jedes Detail.“ Sozusagen die Vermögensübersicht auf dem Bierdeckel.

Verenas Fragebogen ist einfach und gut durchdacht. Selbst meine 90-jährige Patentante könnte ihn ohne Mühe ausfüllen. Sie fragt, bei welchen Banken ich Konten und Depots habe, wie hoch meine liquiden Mittel sind, welche Versicherungen bestehen, wie mein Wertpapiervermögen aussieht und ob ich Immobilien besitze oder selbst darin wohne. Dazu kommen Fragen nach Altersvorsorgeprodukten, sonstigen Vermögenswerten, der ungefähren Vermögenshöhe und möglichen Schulden.

Im nächsten Schritt will sie wissen, ob ich regelmäßig investiere, wie viel Erfahrung ich am Kapitalmarkt habe, wie lang mein Anlagehorizont ist und welche finanziellen Fragen mich gerade beschäftigen: der Vermögensaufbau, die Altersvorsorge oder die Struktur meines Vermögens? Ich schlüpfe also vorübergehend in mein jüngeres Ich und beantworte die Fragen aus dieser Perspektive, so gut ich kann. Allzu viel über mich selbst möchte ich der KI schließlich nicht preisgeben.

Verena bescheinigt mir daraufhin ein für Deutschland sehr typisches, immobilienlastiges Vermögen. Mit meiner Liquidität ist sie zufrieden, bei meiner Sparrate sieht sie dagegen ein gewisses Verbesserungspotenzial. Konkret rät sie mir, mich zumindest teilweise von meinen Immobilien zu trennen und stärker am Kapitalmarkt zu investieren.

Zahlensalat statt Übersicht

Das Ergebnis ist durchaus solide, hinterlässt aber ein leicht unbefriedigendes Gefühl. Es ist doch sehr vage. Das liegt wohl daran, dass Verena mich immer wieder ermutigt hat, es mit den Angaben nicht allzu genau zu nehmen, wenn ich etwas nicht wusste bzw. vorgab, es nicht zu wissen. Für einen ersten Überblick war unser rund zehnminütiges Gespräch dennoch erstaunlich hilfreich. Ich denke, gerade für Menschen, die sich sonst kaum mit ihren Finanzen beschäftigen, könnte dies ein guter Einstieg sein.

Jetzt will ich es aber doch genauer wissen! Im nächsten Schritt lade ich eine alte Vermögensübersicht hoch, für die aktuellen Daten fehlt mir weiterhin der Mut. Innerhalb weniger Sekunden hat Verena meine Tabellen analysiert. Das Ergebnis ist eher ernüchternd. Ich bekomme einen Zahlensalat im Word-Format. Da war meine Excel-Tabelle schon deutlich übersichtlicher.

An diesem Punkt stellt sich die Frage: Wenn ich alle Unterlagen bereits geordnet und die Zahlen sauber in einer Excel-Tabelle dokumentiert habe, welchen Mehrwert bietet mir KI dann noch? Läge die eigentliche Arbeitserleichterung nicht eher darin, dass jemand die Unterlagen zusammenträgt und aufbereitet? Wenn ich bedenke, dass ein großer Teil meiner Finanz- und Versicherungsunterlagen auch 2026 immer noch klassisch per Post kommt, dürfte genau hier das Problem liegen. Aber vielleicht löst das irgendwann die Robotik.

Auf Nachfrage Brauchbares

Aktuell liegt der Mehrwert noch in der Analyse. Nachdem Verena den ersten Zahlensalat ausgespuckt hat, bitte ich sie, meine finanzielle Situation zu analysieren. Auch wenn ich selbst beim Anblick dieser alten Excel-Tabelle gesehen habe, dass mein Vermögen eher immobilienlastig und ich klassisch überversichert war, hat Verena mir doch noch einmal schwarz auf weiß ausgerechnet, wo ich stehe und wo ich Handlungsbedarf habe. Diesen sieht sie weniger in einzelnen Anlageentscheidungen als vielmehr in der strategischen Ausrichtung und Strukturierung des Gesamtvermögens.

Gefragt, was denn die wichtigsten Schritte wären, kommt erst auf genaueres Nachfragen etwas Brauchbares heraus. So solle ich die Immobilienquote kritisch prüfen und den Haushaltsüberschuss konsequenter in den Kapitalmarkt investieren. An dieser Stelle seufze ich und denke: Ja, dieser Rat wäre damals sehr wertvoll gewesen. Verena macht Vorschläge, wie ich mein Vermögen künftig aufteilen sollte, und gibt konkrete Zielwerte für Immobilien, Kapitalmarkt und Liquidität vor. Um noch präzisere Ergebnisse zu erhalten, müsste ich jetzt wohl Depotauszüge und Versicherungsscheine hochladen. Tatsächlich kann man sich vom großen Ganzen immer mehr ins Detail vorarbeiten, je nachdem, welche Unterlagen man zur Verfügung hat bzw. zur Verfügung stellen will.

Ich muss gestehen, dass ich die Verabredung mit Verena deutlich inspirierender, amüsanter und hilfreicher fand als seinerzeit das Gespräch mit meinem Bankberater. Anders als jener schaut sie nicht nur auf eine einzelne Bankverbindung, sondern auf meine gesamte finanzielle Situation. Eigentlich wie ein kleines Family Office.

Allerdings gilt auch hier die alte Informatikerweisheit: Das Ergebnis ist nur so gut wie die Daten, die man eingibt. Wer keine vollständigen Unterlagen hat, erhält zwangsläufig vage Antworten. Zudem ist ein KI-Assistent ist nur so gut wie die Fragen, die man ihm stellt. Zur echten Bereicherung wird er erst dann, wenn man ein gewisses Maß an finanzieller Bildung und Urteilsvermögen mitbringt.

Source: faz.net