Finanz-Turbulenzen in welcher Türkei
Die jüngsten politischen Verwerfungen in der Türkei sind mit erheblichen Turbulenzen an den Finanzmärkten verbunden. Wenige Tage vor seiner geplanten Ernennung zum Präsidentschaftskandidaten wurde am Mittwoch Haftbefehl gegen den Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu erlassen, einen wichtigen Konkurrenten von Staatschef Recep Tayyip Erdoğan. Ihm werde unter anderem die Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation und Korruption vorgeworfen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft. Die Partei des Bürgermeisters von Istanbul warnte vor dem Versuch eines Staatsstreichs – und rief landesweit zu Protesten auf.
Die türkische Lira sackte daraufhin am Mittwoch auf ein Rekordtief ab, der Aktienmarkt brach ein, und am Anleihemarkt zogen die Renditen deutlich an. Am Donnerstag beruhigte sich die Lage zunächst ein wenig, nachdem Zentralbank und Aufsicht Interventionen angekündigt hatten. Die Notenbank erklärte, sie beobachte die Devisenmärkte und werde bei Bedarf reagieren. „Die Zentralbank hat einen großen Bestand an Devisenreserven von 150 Milliarden Dollar angehäuft, mit denen sie die Lira verteidigen kann, und könnte notfalls auch auf Leitzinserhöhungen zurückgreifen“, sagte Timothy Ash von der Fondsgesellschaft BlueBay. Am Mittwoch sollen insgesamt rund neun Milliarden Dollar aufgewendet worden sein, um die Lira zu stützten. Zudem entschied die Börsenaufsicht, die Regeln für Aktienrückkäufe zu lockern, um den Markt zu stabilisieren.

Nur noch 2,4 Eurocent je Lira
Der Wert der Lira zum Dollar war am Mittwoch um mehr als elf Prozent auf ein Rekordtief abgestürzt. Zeitweise mussten für einen Dollar mehr als 40 Lira gezahlt werden. Auch zum Euro verlor die Lira deutlich. Zeitweise kostete ein Euro mehr als 43 Lira – umgekehrt musste man für eine Lira nur noch 2,4 Eurocent hinlegen. Später gab es eine gewisse Gegenbewegung. Am Donnerstag zeigte sich der Wechselkurs etwas stabiler.
Auch die Kurse türkischer Staatsanleihen gerieten ins Trudeln, im Gegenzug legten die Renditen zu. Die Rendite der in Dollar notierten türkischen Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit legte im Handelsverlauf des Mittwochs zeitweise um mehr als 200 Basispunkte bis auf knapp 7,4 Prozent zu. Vergleichbare Anleihen in heimischer Währung rentierten knapp unterhalb von 30 Prozent. Gordon Bowers von der Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle hob hervor, er sei nach wie vor „recht konstruktiv“ für Lira-Anlagen.

Der Leitindex für den Aktienmarkt an der Börse in Istanbul, der „Borsa Istanbul 100“, kurz BIST 100, geriet gleichfalls stark unter Druck und verlor am Mittwoch zeitweise fast sieben Prozent. Einen so kräftigen Rückgang hatte der Index zuletzt vor sieben Monaten verzeichnet. Wegen der extremen Bewegungen wurde zeitweise der Handel ausgesetzt. Größter Verlierer waren Bankaktien: Der Banken-Subindex rutschte um mehr als neun Prozent ab. Nach den Stabilisierungsmaßnahmen reagierte der Leitindex am Donnerstag zunächst freundlicher, fiel später aber weiter bis auf zeitweise 9682 Punkte am Nachmittag. Der Kursverfall am Mittwoch soll immerhin rund zehn Milliarden Dollar an Marktwert türkischer Aktien vernichtet haben.

Reißt die Türkei andere mit?
Eine Leitzinssenkung und die Hoffnung auf engere Beziehungen zur Europäischen Union hatten zuletzt dazu beigetragen, dass die Kurse türkischer Aktien Anfang des Monats stark gestiegen waren. Immerhin war die Inflation in der Türkei zuletzt ein bisschen zurückgegangen, auch wenn sie im Februar nach den amtlichen Zahlen noch 39,05 Prozent betrug. Es war jedoch das erste Mal seit Juni 2023, dass die türkische Inflationsrate unter 40 Prozent lag.
„In den vergangenen Tagen war an der türkischen Börse ein Zufluss ausländischen Kapitals zu beobachten“, zitiert die Schweizer Zeitung „Finanz und Wirtschaft“ den Analysten Serhat Baskurt. Der Manager des Vermögensverwalters ALB Yatirim glaubt, dass sich diese Anleger wegen der politisch unsicheren Lage nun wieder zurückgezogen hätten.
Weiterer Verkaufsdruck seitens ausländischer Investoren dürfte sich nun in Grenzen halten, schreibt Clemens Grafe von der Investmentbank Goldman Sachs in einem Bericht. Die Einschätzung des politischen Risikos für die Märkte werde aber wahrscheinlich erhöht bleiben.
„Wir erwarten nicht, dass sich aus der Situation in der Türkei Ansteckungseffekte auf andere Märkte entwickeln“, sagte Ulrich Leuchtmann, Ökonom der Commerzbank: „Wir haben in der Vergangenheit recht häufig Lira-Krisen erlebt: 2018, 2021 und 2023 gab es erhebliche krisenhafte Lira-Abwertungsepisoden.“ Jeder, der in diese Währung investiert, dürfte sich darüber bewusst sein, dass sich solche Phasen wiederholen können.
„Ansteckungseffekte waren in der Vergangenheit zu beobachten, wenn eine Abwertung Anleger unvorbereitet traf und ihr Risikobudget so stark reduzierte, dass auch das Engagement in verwandten Anlageklassen reduziert werden musste“, sagte Leuchtmann: „Weil aber solch ein Abwertungsrutsch wie am Mittwoch auf mittlere Frist nicht ungewöhnlich für die türkische Lira ist, dürfte bei kaum einem Anleger solch eine Situation entstanden sein.“
Source: faz.net