Filmklassiker „Johann Sebastian Bach“: Genie an jener Orgel
Wie führt man einen berühmten Komponisten in einem Biopic ein? Der Vierteiler „Johann Sebastian Bach“ aus dem Jahr 1985 vereinigt mehrere Ansätze: Bei seinem ersten Auftritt sehen wir Bach als Handelnden, als Künstler und als Genie – alles in einer Szene. Sein Gesicht leuchtet vor Freude, als er sich an die Orgel setzt. Er greift in die Tasten; als die ersten Töne erklingen, erkennen selbst musikalische Laien, dass es sich um „Toccata und Fuge d-Moll“ (BWV 565) handelt.
Das wohl berühmteste Orgelstück Bachs hat seit den Dreißigerjahren Verwendung in zahlreichen Filmen gefunden, vom Horrorgenre („Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, 1931) übers Drama („La Dolce Vita“, 1960) bis hin zum Western, als Ennio Morricone sich den Orgelauftakt zu „La resa dei conti“ in „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) lieh. Im Biopic dient das Stück zugleich als Charakterstudie der Hauptfigur: Während die Musik die sonst leere Kirche füllt, gleißt diesmal Tageslicht durch die Fenster, entrückt das Spiel und den Spielenden. Dieser Mann ist nicht primär auf Ruhm aus. Er lebt in seiner Musik.
Dass Bach in dem Film nicht nur so wirkt, als spiele er, sondern sich tatsächlich mit jeder Faser der Orgelarbeit hingibt, liegt an Ulrich Thein. Er übernahm in dieser Miniserie des DDR-Fernsehens die Hauptrolle (bereits der zweite große historische Part nach seinem Auftritt in der DDR-Fernsehfilmreihe „Martin Luther“ zwei Jahre zuvor). So wurde Thein, wie der Berliner Filmkritiker Knut Elstermann in seinem charmanten Buch „Bach bewegt. Der Komponist im Film“ (2025) erzählt, für eine ganze DDR-Generation zum Gesicht des Komponisten.
Wenn er sich vor der Kamera an die Orgel oder das Cembalo setzte, erbat er sich ein Set wie bei intimen Liebesszenen: nur Regie und die nötigsten Techniker durften anwesend sein. Niemand sollte die Konzentration stören, denn Thein spielte die Instrumente selbst – zu professionellen Playbackaufnahmen zwar; aber der Schauspieler strebte dabei eine hundertprozentige Synchronizität an.
Auf alle abgestandenen Tricks verzichten
„Monatelang übte Thein sechs bis sieben Stunden am Tag, selbst noch während der Dreharbeiten, er wollte Bach auch beim Musizieren glaubhaft interpretieren. Die Partituren lernte er auswendig“, berichtet Elstermann. In der Glaubhaftigkeit lag der Reiz für den Schauspieler. Er selbst hatte nach dem Schulabschluss Klavier und Harfe studiert, nun weitete er sein Wissen auf Orgel und Barockinstrumente aus. Den Zugang zur Figur fand er dabei weniger über biographische Anhaltspunkte als in der Musik. „Vorweg hatte ich geklärt, dass Bach für mich nur infrage käme, wenn auf alle abgestandenen Tricks verzichtet würde: keine fremden Hände auf den Tasten, keine fremden Füße an der Orgel“, zitiert ihn der Filmkritiker.
Regisseur Lothar Bellag war einverstanden, ließ seinem Hauptdarsteller viele Freiheiten und vertraute seiner Professionalität. Immerhin handelte es sich um ein Prestigeprojekt mit internationaler Kooperation in Ungarn und der Tschechoslowakei. Ursprünglich war daran gedacht worden, den Fernsehvierteiler fürs Bach-Jahr 1985 mit französischer Hilfe zu drehen. Isabelle Huppert kam für die Rolle der Anna Magdalena Bach ins Gespräch; am Ende wurde aber nichts daraus.
Ein Bürger hat nicht die gleichen Rechte wie ein Adliger
Franziska Troegner, die stattdessen den Part der zweiten Ehefrau des Komponisten übernahm, stand ihrer französischen Kollegin in nichts nach: Ihre Anna Magdalena ist eine zupackende Frau, die ihrem Mann emanzipiert zur Seite steht. Sie ist es, mit der sich Bach über die wichtigsten beruflichen Entscheidungen berät: Angestellt als Kapellmeister unter Herzog Wilhelm Ernst, von diesem aber missachtet und im Komponieren beschränkt, überlegt er, den Hof zu wechseln. Schnell muss er feststellen, dass ein Bürger nicht die gleichen Rechte wie ein Adliger hat.
Als er von einem erfolgreichen Cembalo-Wettstreit am Dresdner Hof zurückkehrt, lässt der Herzog ihn festnehmen. Anna Magdalena versucht vergeblich, Gnade für ihren Mann zu erbitten. Erst als der Herzog seinen eigenen Ruf geschädigt sieht – Bachs Talent hatte sich in den Nachbarstaaten herumgesprochen –, entlässt er den Musiker – in Ungnade. Man braucht keine Szenen der elenden Zustände des Gefängnisses, man braucht nur den Blick Ulrich Theins, wenn er mit Frau und Kindern die Stadt verlässt, um zu wissen, was ihm in der Gefangenschaft widerfahren ist.
Große psychologische Ideen verpackte Thein stets in solche kleinen mimischen Äußerungen. Umso stärker wirkte sein kompletter Körpereinsatz am Instrument. Für die Aufnahme der d-Moll-Toccata in der Anfangsszene etwa hörte sich Thein das Playbackband zwei Tage lang im Hotel immer und immer wieder an, bis er jede Note, jeden Handgriff kannte und konnte. Wer ein Genie verkörpert, muss von der Besessenheit des Vorbilds naschen.
Source: faz.net