Filmklassiker: „Gaslight“: Der Film, dieser „Gaslighting“ erfand
Wenn Filme besonders einprägsame Schlagfertigkeiten präsentieren, nehmen das direkte Publikum und bald auch die allgemeine Popkultur sie dankbar in den Alltagsgebrauch auf. Ganz selten kommt es aber vor, dass gleich das ganze Werk zur geläufigen Referenz wird. Bei „Gaslight“ aus dem Jahr 1944 ist das der Fall. Rund 15 Jahre nach der Entstehung dieser George-Cukor-Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Patrick Hamilton setzte sich das Wort im Gerundium – nämlich als „Gaslighting“ – in der Psychologie als Begriff für ein manipulatives Verhalten durch, das dem der Filmfigur Gregory Anton entspricht. Was hat es mit diesem Gaslicht auf sich?
Gleich zu Beginn von „Gaslight“ oder „Das Haus der Lady Alquist“, wie der deutsche Titel lautet, geschieht ein Mord: Im viktorianischen London wird die Opernsängerin Alice Alquist in ihrer Stadtvilla umgebracht. Ihre Nichte Paula, eine Waise, bleibt schwer traumatisiert zurück. Man bringt das verängstigte Mädchen nach Italien, wo es Gesangsunterricht beim Maestro der verstorbenen Tante nimmt. Zehn Jahre später ist Paula erwachsen geworden, und der Pianist Gregory Anton umgarnt sie. Sie ist jung, sie ist verliebt und nimmt schon bald seinen Antrag an. Kurz nach der Hochzeit äußert der frischgebackene Gatte den Wunsch, Paulas ererbtes Haus in London zu beziehen. Seit dem Tod der Tante steht es leer, die Ankunft ruft dunkle Erinnerungen bei Paula wach. Sie findet einen Brief, den die Tote kurz vor ihrem Ableben erhielt. Ihr Mann entreißt ihr das Papier unter dem Vorwand, sie solle sich nicht mehr mit trüben Gedanken tragen.
Unter dem Mantel der Fürsorglichkeit lässt er alle alten Möbel und Gegenstände auf dem Dachboden einmotten und dekoriert das Haus neu. Er vergnügt sich mit Paula in der Großstadt, sie besuchen gemeinsam den Tower, er schenkt seiner Frau eine Brosche, ein Erbstück seiner Familie. Doch kurz darauf findet sie dieses Schmuckstück nicht wieder. Ihr Mann behauptet, immer wieder verlege sie Dinge. Paula ist verdutzt, kann sich an keinen solchen Vorfall erinnern. Und doch mehren sie sich von nun an. Sachen verschwinden, tauchen an unmöglichen Orten wieder auf. Paula bekommt’s an den Nerven, bleibt abends nun lieber zu Hause; wozu ihr Mann sie anhält. Er geht währenddessen aus, ins Atelier zum Komponieren, so sagt er. Aber warum meint Paula, immer in seiner Abwesenheit das Gaslicht flackern zu sehen? Und schleicht da nicht jemand über den Dachboden, der doch eigentlich verrammelt und verriegelt sein sollte?
Für den Kuss auf die Kiste geklettert
Ingrid Bergman war begeistert von der Rolle der schüchternen Paula, die langsam ihren eigenen Sinnen zu misstrauen beginnt und allmählich, von den Lügen und Unterstellungen ihres Mannes angetrieben, in den Wahnsinn abgleitet. Bergman bekniete ihren Produzenten David O. Selznick, sie für diese Produktion ans Konkurrenzstudio MGM auszuleihen. Fast wäre der Deal damals geplatzt, denn Charles Boyer, der die Hauptfigur des hinterhältigen Ehemanns spielt, verlangte nicht nur eine enorme Gage, er wollte auch seinen Namen im Vorspann an erster Stelle stehen sehen, was wiederum Selznick überhaupt nicht gefiel.
Bergman aber hatte davon geträumt, mit Boyer zu arbeiten. Auch dass der sich für die Kussszenen mit ihr auf eine Kiste stellen musste, weil er kleiner war als die Filmpartnerin, tat der gegenseitigen professionellen Bewunderung keinen Abbruch. Noch später erinnerte sie sich: „Charles Boyer war der intelligenteste Schauspieler, mit dem ich jemals gearbeitet habe, und einer meiner liebsten Partner.“ 1944 verband das Kinopublikum dessen Gesicht mit dem romantischen Helden in Liebesfilmen; „Gaslight“ war für ihn die Gelegenheit, seinem Spiel eine weitere, deutlich düsterere Facette hinzuzufügen.
Ähnlich war auch die Motivation für die damals 29 Jahre alte Bergman gelagert. Sie fuhr extra in eine Nervenklinik, um eine Frau zu studieren, die einen Zusammenbruch erlitten hatte. Man sieht ihrem Spiel die Studien an: Ganz langsam lässt Bergman alle Freude aus ihren Augen verschwinden, blickt geduckter zu den Leuten auf, die mit ihr reden, weicht ihren Blicken aus. Zweifel schleichen sich in ihre Miene – an sich, an den anderen, an allem. Dafür bekam Ingrid Bergman den Oscar als beste Hauptdarstellerin.
Sie war nicht die Einzige, deren Talent in diesem Film auffiel. Die Rolle der Nancy, des jungen Dienstmädchens, das mit dem Hausherrn zu flirten beginnt, wurde von einer Debütantin übernommen: Angela Lansbury ist hier im Alter von 19 Jahren bei ihrem ersten Spielfilmauftritt zu sehen. „Gaslight“ brachte ihr den Durchbruch.
Weniger für psychologische Tiefe als vielmehr fürs handfeste Zupacken ist hingegen Joseph Cotten als Ermittler Brian Cameron zuständig. Der hat sich den alten Mordfall wieder vorgenommen und deckt dabei auch auf, was tatsächlich mit Paula geschieht. „You’re not out of your mind, you’re slowly and systematically driven out of your mind“, erklärt er der Verängstigten. Genau so versteht man das Phänomen „gaslighting“ noch heute.
Source: faz.net