Filmfestspiele Berlin: Die Berlinale ist ebenfalls ein Ort dieser viralen Masse
Es goss in Strömen, als am Donnerstagabend am Potsdamer Platz die ersten Limousinen am roten Teppich hielten, der in den Berlinale-Palast führt. Zwei Stunden dauert meist das genau choreographierte Ritual: Zuerst kommen Prominente, die mit dem Programm nichts zu tun haben, sondern Glamour mitbringen sollen; später Menschen, die beim Filmfestival noch ihren eigenen Auftritt haben werden; dann die Internationale Jury, in diesem Jahr angeführt von Wim Wenders, und schließlich Regisseurin und Team des Eröffnungsfilms der 76. Berlinale, die in Hamburg lebende Shahrbanoo Sadat, die in „No Good Men“ auch ihre eigene Flucht aus Afghanistan verarbeitet.
Sie alle versuchen, ihren Gang über den roten Teppich so elegant wie möglich in die Länge zu ziehen, hier ein kleines Interview, dort ein Lächeln in eine Handycam. Und während Fans und Medien dafür im Regen standen, hatte nur Meter entfernt eine aufgekratzte Menge freien Blick aus dem Warmen auf das Defilee der Stars: Im Berlinale HUB, einem Container in bester Lage mitten im Trubel, hatte das Festival zu einem Event mit dem Netzwerk Tiktok geladen, das wie schon im Vorjahr als Berlinale-Partner fungiert. Der Raum war gefüllt mit vorwiegend jungen Creators.
Dass ein Festival, das sich der Konzentration auf mehr als 200 Werke aus dem aktuellen globalen Filmschaffen verschreibt, eine kommerzielle Partnerschaft mit einer Plattform eingeht, die das Prinzip „soziales Netzwerk“ mit Ego-Content noch einmal drastisch radikalisiert hat, braucht Erörterung. Dafür war auf der Veranstaltung aber keine Zeit, es mussten Marketing-Phrasen reichen: „Wir teilen die gleichen Werte.“
Für Debatte war noch kein Platz
Natürlich kann sich auch die Berlinale den Logiken des Viralen nicht entziehen, die gerade der Algorithmus von Tiktok so eigenmächtig zugleich abbildet und erzeugt. Debatten über den Umgang mit den Plattformen werden aber gerade auch hier in Berlin eine wichtige Rolle spielen müssen – zumal in einem Moment, da die Filmförderung darum ringt, Netflix, Disney, Apple, Amazon und andere Content-Giganten in die Verwertungsketten einzubeziehen, in denen gerade die Formen von Kino auch eine Chance haben sollten, die auf der Berlinale zu sehen sind.
Längst führt ja auch dieses Kino selbst seine Auseinandersetzung mit der veränderten Medienordnung, wie man am Beispiel des Films sehen kann, der am ersten Berlinale-Wochenende wohl die größte Aufmerksamkeit generieren wird: „The Moment“ mit der Sängerin Charli xcx in der Hauptrolle ist nämlich auch eine Breitseite gegen Amazon, lanciert von der Kultfirma A24, die sich in Hollywood eine Nische der Autonomie geschaffen hat.
Die Niederlage der Kunst und der Kredit der Stars
Mit ihrem Album „Brat“ kreierte Charli xcx 2024 einen Hype, eine kulturelle Bewegung. In „The Moment“ (Kinostart 19. Februar) wird nun sarkastisch gezeigt, wie die Unterhaltungsindustrie sich die Künstlerin gefügig zu machen versucht. „The Moment“ beschreibt die vollkommene Niederlage der Kunst, die aber dadurch aufgehoben wird, dass der Kredit des Stars steigen wird.
Für die meisten der Fans, die am Donnerstag im Regen standen, ist die Berlinale ein Festival ohne Filme. Sie sind virale Masse und versuchen, einen persönlichen Moment mit Menschen im Scheinwerferlicht zu erhaschen. Ob eine Plattform wie Tiktok auch etwas von der Magie vermitteln kann, die das Festival an seinem eigentlichen Ort, in den Kinos, erzeugt, werden die kommenden Tage zeigen.
Source: faz.net