Film „Steal this story, please!“: Amy Goodmans harter Risikojournalismus

Man erkennt sofort, dass das keine normale Aufnahme von Journalisten nach einem fordernden Tag auf einem Auslandseinsatz ist. Die Figuren, die da zwischen den Palmen des Inselstaates Osttimor stehen, sind erschüttert. Das Hemd des jungen Mannes ist von Kragen bis Saum blutdurchtränkt, und die dunklen Flecken auf der Bluse der Frau sind nicht Teil des Musters. Als die Aufnahme gemacht wurde, hatten die amerikanischen Journalisten Allan Nairn und Amy Goodman gerade das Santa-Cruz-Massaker überlebt. Tausende Demonstranten hatten am 12. November 1991 die Unabhängigkeit Osttimors von indonesischer Besatzung gefordert, als indonesische Soldaten Feuer auf die Menge eröffneten. Ihre M16-Sturmgewehre wurden von den USA geliefert. 271 Menschen starben, ebenso viele verschwanden. Auch die internationalen Journalisten wurden Opfer der brutalen Angriffe.

Das Massaker bewirkte nicht nur, dass sich die internationale öffentliche Meinung zugunsten Osttimors wendete, es hinterließ auch tiefe Spuren im Leben Amy Goodmans. Die Reporterin entschied, dass Berichterstattung offenlegen muss, was politische Entscheidungen für die am stärksten Betroffenen bedeuten – auch wenn sie sich dafür selbst in Gefahr bringt. Goodmans über dreißigjähriges Wirken als Investigativjournalistin und Host der progressiven US-amerikanischen Medienorganisation „Democracy Now!“ steht im Zentrum des Biopics „Steal this Story, Please!“, das am 15. November auf dem Dokumentations-Filmfestival (IDFA) in Amsterdam seine internationale Premiere feierte.

Direkte Konfrontation: Dokumentarfilm "Steal this Story, Please" (2025)
Direkte Konfrontation: Dokumentarfilm „Steal this Story, Please“ (2025)Elsewhere Films

Dass der Film der Oscar-nominierten Regisseure Tia Lessin und Carl Deal dabei recht unkritisch bleibt, lässt ihre Würdigung Goodmans jedoch inkonsequent erscheinen. Das Narrativ verläuft nah an der Protagonistin, konstruiert ihre Biographie aus eigenen Erinnerungen und der Perspektive enger Weggefährten. Aufnahmen aus Goodmans Kindheit zeigen, dass sich die Grundsätze ihrer Arbeit bereits früh herausbildeten: Ihre jüdische Erziehung lehrte sie, nichts als selbstverständlich hinzunehmen. Die von ihrem Bruder David ins Leben gerufene Familienzeitung wurde nicht nur zum Forum, in dem die Kinder mit ihren Großeltern Politik debattierten, sondern auch zum Anstoß für Goodmans Karriere. Archivmaterial zeigt ihre Anfänge beim nichtkommerziellen Radiosender WBAI, bevor sie 1996 „Democracy Now!“ mitbegründete, als unabhängige, nichtkommerzielle Nachrich­tenquelle und Gegengewicht zum seit dem Telecommunications Act zunehmend profitorientierten amerikanischen Medienangebot.

Im Film sieht man Goodman nicht nur „auf Sendung“, sondern begleitet sie auch privat beim Spaziergang in New York mit Hund Zazu oder beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte in der Rivne. Als Porträt einer Reporterin und eines Menschen gelingt es der Dokumentation, die Dichotomien aufzubrechen, die Journalismus gewöhnlich kennzeichnen. „Steal this Story, ­Please!“ ist eine mitreißende Prozessbeschreibung der Praxis, die Amy Goodman verkörpert und in der eta­blierte unternehmerische oder politische Grenzen keine Geltung haben. Für Goodman ist Unabhängigkeit nicht gleichbedeutend mit Neutralität, sondern bedeutet vielmehr, allein dem eigenen Gewissen rechenschaftspflichtig zu sein. Dass „Democracy Now!“ sowohl staatliche wie auch private Finanzierung ablehnt, ermöglicht es dem Sender, stets die Fragen über staatliches und unternehmerisches Fehlverhalten zu stellen, die sich sonst niemand auszusprechen traut. Die dünnhäutigen Reaktionen von Machthabern bei solch unnachgiebigen Befragungen beschreibt der Film als ein ebenso konstantes Merkmal von Goodmans Arbeit wie ihre Lässigkeit. Im Jahr 2000 klagte der damalige Präsident Bill Clinton in einem halbstündigen spontanen Interview, Goodmans Fragen seien „feindselig“ und „angriffslustig“, worauf sie prompt zurückgab, es seien bloß „kritische Fragen“.

Berichterstattung als Gegenkraft zu institutioneller Macht

Im Verlauf des Narrativs bildet es sich als Motiv in Goodmans Karriere heraus, dass ihre Berichterstattung als Gegenkraft zu institutioneller Macht wirkt. Deshalb ist guter Journalismus für sie nicht rein informativ, sondern kann empathisch und sogar aktivistisch sein. Anders als viele stellt Goodman bewusst nicht Politiker oder einflussreiche Geschäftsleute ins Rampenlicht, sondern gewöhnliche Menschen, die um ihre Rechte ringen und die von Entscheidungsträgern oft zum Schweigen gebracht werden. Es ist diese Art des Journalismus, für die Goodman über ihre gesamte Karriere hinweg Konflikte mit Staatsgewalten hingenommen hat. Wegen ihrer Berichterstattung von Protesten von Native Americans gegen eine geplante Ölleitung im Jahr 2016 etwa wurde sie wegen „Teilnahme an Ausschreitungen“ angeklagt. Die Anklage wurde später aufgehoben.

„Steal this Story, Please!“ zeichnet das Porträt einer unerschrockenen Journalistin, die sich nicht scheut, selbst in der Schusslinie zu stehen, um für Pressefreiheit und soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Der Dokumentarfilm verstärkt den Appell, der von Goodmans Leben ausgeht: dass unabhängiger Journalismus und Gerechtigkeit in keinem Land der Welt selbstverständlich sind, sondern stets neu erkämpft werden müssen – und dass sie voneinander abhängig sind.

Der Grund wird deutlich, wenn man die Vision bedenkt, die Amy Goodman im Film formuliert: „Wenn man Leute aus eigener Erfahrung sprechen hört, mag man ihnen zwar nicht zustimmen“, sagt sie, „doch es verringert die Wahrscheinlichkeit, dass man sie zerstören will. Das ist der erste Schritt zum Frieden.“

Was ist mit den unangenehmen Fragen?

Während die biographische Dokumentation Amy Goodman und ihre Arbeit würdigt – vielleicht erwartbar für ein Narrativ, das sie selbst mitbeeinflusst –, bleibt sie in einer Hinsicht hinter den Erwartungen zurück. Der Film lässt wegen seiner Nähe zur Prot­agonistin ihre Annahmen größtenteils unangefochten.

„Steal this Story, Please!“ wurde von Leuten gemacht, die Goodmans Journalismus bewundern, und wird bei denjenigen Widerhall finden, die sie ohnehin schätzen. Weil der Film Fragen über Goodmans aktivistischen und von Moral geleiteten Journalismus aber gar nicht erst aufwirft, ist er für Skeptiker kaum überzeugend. Doch selbst wenn man dieses Ziel ausklammert, erscheint die Kritiklosigkeit von „Steal this Story, Please!“ enttäuschend.

Wegen dieser Einseitigkeit und Bequemlichkeit wird der Film den Prinzipien von Goodmans Arbeit nicht wirklich gerecht. Dabei wäre es nur konsequent, wenn eine Dokumentation über Amy Goodman, die unangenehme Fragen nie scheut, das Gleiche tun würde.

Source: faz.net