Festivalchefin Martina Richter: Herrscht hier ein „Klima welcher Angst“?

Es ist ein Déjà-vu. Im Oktober vergangenen Jahres, pünktlich zum Start des Film Festival Cologne, sah sich die Leiterin Martina Richter mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert: Neun ehemalige Mitarbeiter kritisierten in einem offenen Brief scharf ihren Führungsstil. Von Machtmissbrauch, Mobbing und „problematischen Beschäftigungsstrukturen“ war die Rede. Nun, ein Jahr später, äußert eine Dokumentation des Deutschlandfunks den Verdacht: An einem „Klima der Angst“ habe sich nichts verändert.

Damals beklagten die Verfasser, Richter sei nicht kritikfähig, sie kontrolliere ihre Mitarbeiter und attackiere sie verbal; ihre Entscheidungen fälle sie erratisch. Sie sprachen zudem von Scheinselbständigkeit. Mehrere hätten ganzjährig als freie Mitarbeiter gearbeitet, obwohl sie wie Festangestellte zu regelmäßigen Bürozeiten tätig gewesen seien und monatlich die immer selben Summen in Rechnung gestellt hätten. Ein weiterer schwerer Vorwurf lautete: Richter gehe intransparent mit Fördergeldern um.

Richter wies die ersten Vorwürfe zurück

Die drei Hauptgeldgeber des Festivals – die Stadt Köln, die Staatskanzlei NRW und die Medienstiftung NRW – bezuschussen das Festival jährlich mit etwa einer Million Euro. Die Entscheidung und Kontrolle über die Verwendung dieser Mittel liegt bei Martina Richter – sie ist die alleinige Geschäftsführerin der Cologne Conference GmbH. In dem Brief fordern die Unterzeichner, was schon 2020 auf dem Plan stand: Die Verwaltung der Stadt Köln schlug damals vor, das Festival in eine mehrheitlich öffentliche Gesellschaft zu überführen, die zu etwa 50 Prozent durch das Land NRW und zu etwa 40 Prozent durch die Stadt Köln getragen werden solle. Unklar ist bis heute, warum dieser Plan nie umgesetzt wurde.

Den offenen Brief schickten die Verfasser anonymisiert an die Förderer des Festivals sowie an Personen aus Politik, Verwaltung und Medien – darunter die F.A.Z., die zuerst über den Fall berichtet hat. Richter wies diese ersten Vorwürfe auf Anfrage zurück.

Eine zufriedenstellende Reaktion habe es nicht gegeben

Kurz darauf folgte ein nächster offener Brief, diesmal von aktuellen Mitarbeitern, ebenfalls anonym. Darin untermauerten sie die Kritik und schrieben, die Missstände dauerten an. Eine zufriedenstellende Reaktion auf den ersten Brief habe es vonseiten der Geschäftsführung nicht gegeben. In einem Interview mit der F.A.Z. sagte Richter im vergangenen Jahr, sie stelle „an alle Mitarbeitenden hohe Erwartungen an deren Leistungsbereitschaft“. Dies führe „naturgemäß immer mal zu Konflikten innerhalb des Teams und mit ihr“. Die drei Hauptförderer teilten mit, man nehme die Vorwürfe ernst und gehe ihnen nach.

Und jetzt, da das 35. Film Festival Cologne am Donnerstag begonnen hat, steht Richter abermals in der Kritik. In einer als Feature veröffentlichten Recherche des Deutschlandfunks (DLF) mit dem Titel „In der Grauzone – Machtmissbrauch im Kulturbetrieb“ melden sich erstmals sechs ehemalige Mitarbeiter mit vollem Namen zu Wort. Ihre Beschreibungen decken sich mit den Vorwürfen aus den offenen Briefen: In Sprachnachrichten und Interviews schildern sie angebliche Herabwürdigungen und seelische Belastungen. Auch von „Gaslighting“ ist die Rede, einer Form psychischer Manipulation, die Betroffene an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt. Dem Deutschlandfunk lägen, so heißt es in der Recherche weiter, interne Dokumente vor, die zeigten, dass bei den Festivals 2023 und 2024 jeweils weniger als 20.000 Ticketverkäufe registriert wurden. Gegenüber den Förderern und der Öffentlichkeit seien jeweils mehr als 30.000 Besucher angegeben worden.

Auch eine externe Mediation sei nicht erfolgt

Ein weiterer Punkt: Aufarbeitende Gespräche zwischen Richter und ihren Mitarbeitern habe es kaum gegeben. Auch eine externe Mediation sei nicht erfolgt, die „eine Aufarbeitung neutral begleitet und unterstützt hätte“, heißt es im Deutschlandfunk. Auf Nachfrage habe sich Richter mit Nachdruck auf ein sogenanntes Awareness-Konzept berufen, das gemeinsam mit dem Kölner Start-up Diversity Culture Cologne für das Festival erarbeitet wurde. Der Deutschlandfunk kontaktierte das Unternehmen, und es habe sich herausgestellt: Das Konzept sei nicht „auf den offenen Brief oder Lösungen von internen Konflikten ausgerichtet“ gewesen. Vielmehr sei es um das Festival selbst als „öffentliche Veranstaltung“ gegangen. Ursprünglich kommen Awareness-Konzepte aus antirassistischen und feministischen Bewegungen der Siebziger- und Achtzigerjahre und sollten der Bewusstseinsbildung dienen: für Diskriminierung und Machtverhältnisse. Inzwischen haben sie sich bei der Organisation von Veranstaltungen etabliert. Auf der Website des Film Festival Cologne heißt es: Das Festival setze sich für ein „respektvolles, inklusives und sicheres Umfeld für alle ein“.

Wie steht es also um die wiederholten Vorwürfe? Die F.A.Z. hat die drei Hauptförderer und Martina Richter selbst um eine abermalige Stellungnahme gebeten. Sowohl die Stadt Köln als auch die Staatskanzlei NRW betonten, man befinde sich seit dem ersten offenen Brief in stetem Austausch mit der Festivalleitung. Regelmäßig würden Stellungnahmen von Frau Richter erbeten, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Fördergeldern darlegten, so die Stadt Köln.

Schreiben der Anwältin

Die Film- und Medienstiftung NRW habe nach den Vorwürfen eine umfassende Prüfung durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft veranlasst. Diese sei abgeschlossen; belastbare rechtliche Anhaltspunkte seien nicht gefunden worden. ­Sollte sich eine Diskrepanz zwischen angegebenen und tatsächlichen Besucherzahlen bestätigen, gingen die Förderer dem nach. Alle drei Geldgeber betonen jedoch in einander ähnelnden Stellungnahmen, dass die Höhe der Besucherzahlen nicht zu den Förderauflagen gehöre. Außerdem seien nach Kenntnissen der Staatskanzlei NRW „durch eine Vielzahl von Gesprächen, Workshops und moderierten Diskussionen die Probleme im Team aufgearbeitet und das Betriebsklima verbessert worden“.

Von Martina Richter erhielten wir ein umfassendes Schreiben ihrer Anwältin. Die Berichterstattung des Deutschlandfunks verletze die Festivalleiterin schwerwiegend in ihren Persönlichkeitsrechten, heißt es darin. Mit dem Schreiben weist Richter abermals alle Vorwürfe entschieden zurück. Ein „autoritärer Führungsstil“, ein „Klima der Angst“ im Team, Mobbing oder Scheinselbständigkeiten, das seien Behauptungen, die auf unzutreffenden Schilderungen Dritter beruhten. Die DFL-Dokumentation enthalte eine „Vielzahl von Unwahrheiten“. Im Zusammenhang mit den Besucherzahlen habe Richters Anwältin das Rechercheteam des Deutschlandfunks mehrfach darauf hingewiesen, dass die internen Dokumente, die dem Deutschlandfunk vorlägen, nicht die vollständigen Zahlen wiedergäben. Sie bezögen sich nur auf eine Quelle, so die Vermutung, die nicht die tatsächlichen Besuchszahlen widerspiegele. Außerdem sei im Team nach intensivem Austausch ein Awareness-Prozess beschlossen worden. Drei Workshops hätten schon stattgefunden. Dabei sei es auch um interne Strukturen gegangen. Seit Frühjahr 2025 werde der Prozess von dem Kölner Start-up Diversity Culture Cologne begleitet. Das Filmfestival solle ein Ort des respektvollen und inklusiven Miteinanders bleiben.

Auf Nachfrage keine Details?

Auch den Deutschlandfunk hat die F.A.Z. um Stellungnahme gebeten: „Nach unseren Recherchen lag der Fokus beim Awareness-Prozess und den Workshops nicht auf der Lösung von internen Konflikten“, so der DLF. Dem Workshopanbieter Diversity Culture Cologne zufolge sei erst im Laufe der Zusammenarbeit deutlich geworden, dass „bestehende interne Konflikte aktuell noch stark belasten“. Das Start-up habe empfohlen, eine Mediation einzuschalten. Dieser Prozess solle allerdings erst „nach Abschluss des diesjährigen Festivals“ beginnen.

Hinsichtlich der Besucherzahlen gebe es nach den Recherchen des DLF weiterhin keine „schlüssige Erklärung für die große Lücke zwischen internen und offiziellen Zahlen“. So habe Richter auf Nachfrage keine Details vorlegen können. Die Festivalleiterin will nach Angaben ihrer Anwältin gegen den Beitrag des Deutschlandfunks juristische Schritte einleiten. Dem Deutschlandfunk sei davon bislang nichts bekannt, teilte der Sender mit.

Source: faz.net