Félix Vallotton im Kunstmuseum Lausanne: Ein Mann dieser Frauen
Mit einem nackten Po startet die Ausstellung, und sie endet mit einer angeketteten Nackten auf einem Felsen im Wasser. Provokation oder dem Werk von Félix Vallotton angemessen? Doch, es ist eine passende Klammer in der wichtigsten Ausstellung zum 100. Todestag des großen Schweizer Künstlers. Nackte Frauen waren eines seiner liebsten Motive, mehr als einmal irritierte er die Kunstwelt – und Mut bewies er zeitlebens.
Dem üppigen Frauenhintern widmete sich Vallotton 1884, da war er erst 19 Jahre alt. Mit Sorgfalt und Ehrgeiz suchte er den realistischen Ausdruck. Die verzweifelte Andromeda am Felsen, eine Figur aus der griechischen Mythologie, dramatisch hinterleuchtet von einem Sonnenuntergang unter schwarzen Wolken, ist eines seiner letzten Werke. 1925 starb er 60-jährig nach einer Krebsoperation. Dazwischen schuf er das Werk eines stetig suchenden und erfolgreichen Künstlers, das jetzt in einer gültigen Gesamtschau zu entdecken ist.
Der 16-jährige Lausanner Apothekersohn Félix Vallotton braucht Mut, als er 1882 nach Paris zieht und Künstler werden will. Mit wenig künstlerischem Wissen und noch weniger im Bauch schlägt er sich durch, besucht wie so viele Schweizer die Académie Julian. 1885 kann er erstmals am Salon des artistes français ausstellen, der wichtigsten Kunstausstellung des Landes. Das Selbstporträt des 20-Jährigen wie auch die Bildnisse der Eltern und des Bruders – alle dunkel, realistisch und den akademischen Regeln der Zeit gehorchend – gefallen. Sein Selbstbildnis wird nur zehn Jahre später vom Kunstmuseum Lausanne angekauft.
Bereits als 25-Jähriger begeistert er die Pariser Szene mit seinen neuartigen Holzschnitten. Er setzt auf Flächen statt wie üblich auf Linien. Auf viel schwarze Fläche, die Figuren, Menschen, Staffage konturlos vereint und mit weißen Leerstellen Spannung erzeugt. Mit dieser Reduktion wird Vallotton zu einem Modernisierer und Erneuerer der Kunst.
In der Malerei will ihm das vorerst nicht gelingen, auch wenn er seit 1892 Mitglied der Malergruppe der Nabis ist, die mit ihren dekorativen Gemälden Paris überzeugt. Vallottons Gruppenbild badender Frauen erntet ein Jahr später am Salon nur Gelächter. Zu ungewohnt ist seine strenge Komposition in Rot-Weiß-Grün von Le bain au soir d’été mit ihren steifen Frauenfiguren, die in ein paralleles Netz eingezwängt scheinen.
Seinen Lebensunterhalt verdient Vallotton anfangs als Illustrator, anonymer Modezeichner und Kopist alter Meister. Seine Mona Lisa von 1887 fand einen Käufer in Belgien – und ist just für die aktuelle Ausstellung wieder aufgetaucht. Mit protestantischem Fleiß, anarchischem Humor und der kompositorischen Raffinesse seiner Illustrationen kommt er damals zu Verdienst und Ruf in der Pariser Szene. Durch die Heirat mit Gabrielle Rodrigues-Henriques, der Tochter des Galeristen Alexandre Bernheim, steigt der mit der Anarchie liebäugelnde Künstler in die Pariser Bourgeoisie auf. Karriere und Leben sind gesichert, er wird auch Franzose.
Vallotton widmet sich nun ganz der Malerei. Wie Krimis über die bessere Gesellschaft lesen sich seine Paarszenen – Ehebruch, Streit, Umarmung, Erwartung inszeniert er in kleinformatigen Interieurs. Betörend sind die starken Farben, raffiniert die Perspektiven und das Licht, mit der Umsicht eines Regisseurs arrangiert er die Möbel und Requisiten.
Vallotton kann es sich leisten, Monate im Künstlertreffpunkt Honfleur und später im südlichen Cagnes-sur-Mer zu leben. Welch grandiose Landschaften er entwirft! Realistisch, strahlend, aber formal reduziert und in Farbflächen konzentriert sind sie, sodass sie bis heute frisch und zeitgemäß wirken.
Solche Würfe gelingen Vallotton bei den Aktdarstellungen selten, auch wenn er Verschiedenes ausprobiert: Erst realistisch, dann wie aus Stein gehauen und bald wie plastifiziert präsentiert er die Körper. Sexy oder warmhäutig wirken sie selten, eher wie Kuriositäten der Kunstgeschichte. Und wenn diesen Aktbildern gegenüber seine knallig-grellen Sonnenuntergänge hängen, fragt sich die Betrachterin: poppig-mutiges Experiment oder schon am Kitsch kratzend? Doch er verkauft gut. Auch in die Schweiz. Die Sammlerinnen Hedy Hahnloser und Gertrude Dübi-Müller fördern ihn, 1908 hat er im Kunsthaus Zürich seine erste Einzelausstellung in der alten Heimat.
1913 gelingt Vallotton ein Akt: In seinem ikonischen Bild La Blanche et la Noire schafft er eine Intensität, die Hedy Hahnloser begeistert und Künstler bis heute beschäftigt. Einst als schwarze Dienerin und weiße Herrin interpretiert, sieht man das Bild heute eher als Moment nach dem Liebesakt: noch zufrieden ausgestreckt die eine, mit der Zigarette im Mund liebevoll den nackten Körper musternd die andere.
In der Ausstellung sind Vallottons Werke klug gehängt. In chronologischer Ordnung und thematisch sinnvoll gegliedert, lässt sich sein Schaffen erkunden – bis hin zu Stillleben, symbolistischen Monumentaldarstellungen oder einem Kriegsbild aus Verdun. Wer den Künstler Félix Vallotton kennenlernen will, sollte nach Lausanne reisen.
„Vallotton forever. Die Retrospektive“ im Kunstmuseum Lausanne läuft bis 15. Februar 2026.