Farben und Ihre Bedeutung: Warum hassen plötzlich aus die Farbe Beige?

Die amerikanische Singer-Songwriterin Lera Lynn, die mit dem Soundtrack zu „True Detective“ berühmt wurde, hat einen neuen Song veröffentlicht, der von einer Farbe handelt: Er heißt „Beige“. Nun gibt es von Taylor Swifts „Red“ über bis zu „Paint it Black“ von den Rolling Stones viele Songs, die von Farben handeln. Beige dagegen wurde – abgesehen von Yoke Lores Song mit dem Titel „Beige“, in dem die Farbe aber gar nicht vorkommt, und dem schönen Satz „ I said Babe / how do you feel today / and she said beige“ in einem Song des kanadisch-nigerianischen Rappers Tobi – so gut wie nie besungen. Das liegt auch daran, dass viele Beige gar nicht für eine Farbe halten, sondern für ein pathologisches Ärgernis, einen Vorschein von Verfall und Verschwinden: Beige ist die Kleidung von Rentnern, im Ausland macht man sich über die leidenschaftlos-bürokratische, also beige Anmutung von Deutschlands Spitzenpolitikern lustig: Tracey Ullman, die erfolgreichste britische Komikerin, spielte in einem Sketch Angela Merkel, wie sie sich in freudiger Erwartung eines Treffens mit Emmanuel Macron ihr Gesicht in „bookshelf beige“ pudern lässt (“oooh, is that bookshelf beige?“, fragt kurz darauf der begeisterte Sketch-Macron die unter dem Beige errötende Kanzlerin).

Ton in Ton regieren: Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, ganz in, wie britische Komiker es nennen: „Bookshelf Beige“.
Ton in Ton regieren: Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, ganz in, wie britische Komiker es nennen: „Bookshelf Beige“.Picture Alliance

Deutsche Computer wie der IBM 5150 wurden in beige ausgeliefert – weil man dachte, die Nichtfarbe wirke konzentrationsfördernd und bilde keinen starken Kontrast zu weißem Papier. In Edmond de Goncourts Roman „La Fille Elisa“ ist ein Gewand aus beiger Wolle noch etwas, das man im Gefängnis trägt. Seitdem hat die Nichtfarbe aber eine erstaunliche Karriere gemacht. Beige wurde zum Statussymbol. Konnten sich früher arme Leute kein knalliges Purpur leisten, sind einst einfache Dinge aus Naturholz und Wolle heute Ausdruck von Wohlstand: Die armen Leute haben buntes Plastik, die Reichen beige Kaschmir-Überdecken, beige Leinenvorhänge und beiges Manufactum-Holzspielzeug.

In den ärmeren Vierteln sind die Dinge bunt, in den reicheren beige

Man muss nur einmal aus den teuren Wohnvierteln im Süden von Manhattan, wo Einrichtungsläden mit sandfarbenen Luxusbetten und Läden für handgemachtes Holzspielzeug dominieren, in die populäreren, puertoricanisch geprägten Neighborhoods im Norden der Insel wandern, wo an den Ständen bunte Plastikspielzeuge und -Stühle verkauft werden, um zu sehen, dass soziale Unterschiede sich auch in der Farbpalette von Produkten abbilden. Es gilt: Je reicher, desto blasser (wenn man vom  neuamerikanischen Hang zum Goldenen einmal absieht). Aus der Gestaltung von teuren Spas und luxuriösen Wohnungen und Hotels sind kräftige Farben jedenfalls oft vollkommen verschwunden – das globale „Regime von Beige und Grau“, wie es der Architekt und Kulturtheoretiker Rem Koolhaas nennt, soll in einer reizüberfluteten Welt für Entspannung sorgen und gleichzeitig das Risiko minimieren, das mit heftigen Farben einhergeht, die von Reisenden aus verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich gelesen und wahrgenommen werden. Beige hat es dagegen zu einem global lesbaren Farbcode für „dezenten Luxus“ gebracht. Ob in Singapur, Tokio oder Kapstadt, Oslo oder Washington: Beige Einrichtungen und Materialien stehen für ein globales Erfolgsmilieu, die Nicht-Farbe Beige ist der Grundton einer globalisierten Ästhetik. Auch die weltweit beliebten teuren Wandfarben von Farrow&Ball sehen meistens seltsam milchig aus, als hätte man in sie eine Tasse Beige hineingekippt.

Alles ist milchig – vom Cappuccino bis zur beliebtesten Sofa-Farbe

Dazu passt, dass der beige Cappuccino als global akzeptiertes Genussmittel den schwarzen Filterkaffee abgelöst hat, der von einer zur Farblosigkeit hinkonditionierten Mittelschicht als Getränk für Bauarbeiter und Leute mit Laktoseintoleranz abgetan wird. Aber der Widerstand wächst: Für die Influencerinnen, die auf Instagram Bilder von komplett beige eingerichteten Kinderzimmern posten, hat die Satirikerin Hayley DeRoche den Begriff „Sad Beige Moms“ geprägt und eine Diskussion losgetreten, ob das Fehlen von kräftiger Farbe Kindern und ihrer Entwicklung schade. Die heftige Kritik am Beige ist auch eine an den Verfallserscheinungen einer entkräfteten und verblassenden westlichen Moderne, der die Lebenssäfte abhanden gekommen sind. Lera Lynn vertont jetzt erstmals die Klage über das Leben in den farblosen Wohlstandsblasen des Spätkapitalismus: „It’s all beige, I ignore / No surprises anymore / It’s so dull“, singt sie und wünscht sich einen „Destroyer“, der sie befreit davon, „another white in a sea of creams“ zu sein. Wo könnten neue Farben und Energien herkommen?

Beim Superbowl ließ der puertoricanische Popstar Bad Bunny für seine Show eine Bühnenwelt aus knallbunten Häuserfassaden errichten, die an die puertoricanischen Viertel im Norden Manhattans und an die traditionellen Häuser der Karibik, von Latein- und  Mittelamerika erinnern sollten. Die Botschaft war deutlich: So farbenfroh könnten die Vereinigten Staaten aussehen, wenn, wie aktuelle demographische Prognosen vorhersagen, um das Jahr 2050 herum nicht mehr die Weißen die Mehrheit der US-Bevölkerung stellen, sondern Hispanics. Dass die es bunt lieben, ist natürlich auch wieder ein Klischee – aber immerhin eins, das zeigt, was statt der Herrschaft des matten Beige noch alles möglich wäre.

Source: faz.net