Fanni Fetzer: „Ärger ist gut! Da ist Reibung drin“

DIE ZEIT: Frau Fetzer, Sie sind Direktorin des Kunstmuseums Luzern, in einer Stadt, die selbst wie gemalt aussieht: die pittoreske Altstadt, der Vierwaldstättersee, im Hintergrund die Alpen. Wozu braucht es da noch ein Museum mit schönen Bildern?

Fanni Fetzer: Der Wettbewerb mit der Schönheit der Landschaft ist in Luzern wirklich hart. Wenn man aus dem Bahnhof kommt, wird man von ihr fast erschlagen. Vielleicht fährt gerade noch ein Dampfschiff in den Hafen ein. Darum liebe ich es, wenn es regnet.

ZEIT: Weil dann nicht nur Kunstliebhaber, sondern auch Touristen zu Ihnen kommen?

Fetzer: Ja! Wir sehen uns als Teil der touristischen Infrastruktur. Individualreisende kommen für zwei, drei Tage nach Luzern. Sie machen eine Schifffahrt, fahren mit der Bahn auf den Pilatus, besuchen am Abend ein klassisches Konzert im Kultur- und Kongresszentrum KKL – und tagsüber kommen sie bei uns im Kunstmuseum vorbei, das im selben Haus untergebracht ist.

ZEIT: Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Fetzer: Im Sommer, wenn die meisten Gäste hier sind, richten wir unser Programm nach ihnen aus und machen Ausstellungen, die sehr zugänglich sind und vielen Freude bereiten. Im Frühling sind wir eher eine Kunsthalle und zeigen experimentellere Kunst. Zum Jahresende präsentieren wir Kunst aus der Zentralschweiz.

ZEIT: In der Hochsaison machen täglich bis zu 280 Reisecars einen Halt in Luzern. Kommen die zu Ihnen?

Fetzer: Nein, von denen kommt niemand. Die Reisebüros, die diese Arrangements verkaufen, setzen auf Attraktionen, die sich nicht verändern: das Löwendenkmal, die Kapellbrücke, die Bijouteriegeschäfte. Wenn sie Kunst im Programm haben, dann gehen sie in die Sammlung Rosengart, wo das ganze Jahr über dieselben berühmten Kunstwerke zu sehen sind. Als Museum, das seine Ausstellungen alle dreieinhalb Monate wechselt, passen wir da nicht ins Konzept. Zu uns kommen Individualreisende.

ZEIT: Bieten Sie deshalb Ihre Audioguides nur auf Deutsch, Französisch und Englisch an – und nicht zum Beispiel auf Chinesisch?

Fetzer: Unsere Gäste sprechen Englisch. Viele kommen aus Indien oder Südamerika und sind als größere Familien unterwegs. Wenn sie zu uns kommen, kaufen sie zuerst nur ein Ticket, lassen ein Familienmitglied die Ausstellung testen – und kaufen erst danach die restlichen Eintritte.

ZEIT: Wenn sie denn den Eingang zu Ihrem Museum überhaupt finden. Man könnte ihn für einen Hintereingang des KKL halten.

Fetzer: Das Haus ist ein Geschenk – und auch ein Problem. Bei anderen Museen ruft bereits die Architektur: „Ich bin ein Museum!“, und man stolpert geradewegs in sie hinein. Das ist bei uns anders. Gleichzeitig hilft es uns enorm, dass mit Jean Nouvel ein weltbekannter Architekt das Haus gebaut hat. Manchmal wissen unsere Gäste gar nicht viel über Luzern oder die Schweiz, haben aber von diesem „building by Jean Nouvel“ am schönen Lake Lucerne gehört und möchten es sehen!