Fankfurt European Banking Congress: Vom digitalen Euro erwarten die Banker wenig

Was ist der Hauptgrund, warum ein mittelständisches Unternehmen derzeit in den Vereinigten Staaten investiert und nicht bei uns? Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank , meint die Antwort zu kennen:
„Es ist das Tempo der Umsetzung der Investition.“ In Deutschland dauere alles zu lange. Schuld sei die Bürokratie. Die Politik müsse handeln. Man solle sich nicht darauf verlassen, dass höhere Staatsausgaben im kommenden Jahr allein schon alles richten würden. „Wir können unser Wachstum nicht vom Stimulus abhängig machen“, sagte Sewing: „Wenn man das in der Vergangenheit gemacht hat, ist es immer schiefgegangen.“
Die Frage, wie Europa wieder zu mehr Investitionen kommt, war das zentrale Thema des 35. Frankfurt European Banking Congress, der am Freitag das jährliche Branchentreffen Euro Finance Week beendete. Zu Beginn der Woche hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den Bankern zugesagt, die Regulierung für die Branche in der Umsetzung neuer europäischer Richtlinien zumindest nicht zusätzlich verschärfen zu wollen. Es wurde dort schon als gutes Zeichen gewertet, dass mit dem früheren Blackrock-Aufsichtsratschef überhaupt zum ersten Mal ein Bundeskanzler zur Finanzwoche kam. „Wir haben die Unterstützung des Kanzlers, Frankfurt als Finanzzentrum auf die nächste Ebene zu heben“, berichtete der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) aus einem Gespräch mit Merz am Rande der Gedenkstunde für den verstorbenen Bankier Friedrich von Metzler.
Während die Euro Finance Week im vergangenen Jahr noch ganz im Zeichen der neuen geopolitischen Risiken stand, blickte man nun vor allem auf das schwache Wachstum in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Die US-Zölle wurden als „irgendwie überstanden“ abgehakt.
„Mikro gut, Makro schecht„
Die Banker hoben hervor, es gebe eine sehr unterschiedliche Entwicklung zwischen der Politik und dem Unternehmenssektor in Europa. Das bekommen man zum Beispiel gespiegelt, wenn man mit Geschäftspartnern in Asien spreche, sagte Jean Lemierre, Präsident des Verwaltungsrats der französischen Großbank BNP Paribas. Es gebe dort viel Unverständnis für die europäische Politik – aber größten Respekt für die Unternehmen in Europa.
Eine ähnliche Zweiteilung beschrieb Deutsche-Bank-Chef Sewing, als er über die volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Zahlen für das zweite Quartal dieses Jahres berichtete: „Mikro gut, Makro schlecht“, war seine Kurzformel. Bettina Orlopp, Vorstandsvorsitzende der Commerzbank , nannte als wichtigste politische Anliegen aus Sicht ihrer Mittelstandskunden in Deutschland eine „Reduzierung der Bürokratie“ und „niedrigere Energiepreise“.
Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), trug auf dem Kongress die Idee vor, dass Europa durch den Abbau von Hemmnissen im Handel der europäischen Länder untereinander die zunehmenden Schwierigkeiten im Export ausgleichen könnte. Es gebe nach wie vor viel zu viele Hürden im europäischen Binnenmarkt, die beseitigt werden müssten. Die Vorschläge lägen auf dem Tisch. „Wenn wir nur ein Viertel davon umsetzen würden, würde dies ausreichen, um den Binnenhandel so anzukurbeln, dass die Auswirkungen der US-Zölle auf das Wachstum vollständig ausgeglichen würden“, sagte die EZB-Präsidentin. Es sei nicht notwendig, alles in der Europäischen Union zu harmonisieren. Nach Ansicht Lagardes würde es oft zum Beispiel ausreichen, dass etwas, das in der EU einmal genehmigt sei, in allen Mitgliedstaaten zugelassen werde.
„In mehreren wichtigen Bereichen verhindert zudem die erforderliche Einstimmigkeit im Europäischen Rat nach wie vor sinnvolle Fortschritte bei der Vollendung des Binnenmarkts“, sagte die EZB-Präsidentin. „Die Schritte, die wir gehen müssen, sind nicht unerreichbar“, sagte Lagarde. „Sie erfordern keine neuen Verträge, keine radikale Umgestaltung unserer Union – nur den politischen Willen, die Instrumente zu nutzen, über die wir bereits verfügen.“
Bundesbankpräsident Joachim Nagel führte aus, dass sich bei näherer Betrachtung der Lebensstandard in Europa verglichen mit dem in den Vereinigten Staaten besser entwickelt habe, als die Produktivitätszahlen allein vermuten ließen. „Dies bedeutet, dass die Ausgangsposition Europas womöglich nicht so desolat ist wie vielfach dargestellt“, sagte Nagel: „Europa könnte und sollte aber noch besser werden.“ Der Bundesbankpräsident meinte, es dürfte Europa schwer fallen, die digitale Transformation der 2000er‑Jahre vollständig aufzuholen: „Eine Priorität sollte daher sein, sich die nächste, von der künstlichen Intelligenz vorangetriebene IT-Revolution zunutze zu machen.“
Keine Begeisterung für Draghi-Coin
Zu den Besonderheiten des jährlichen Bankenkongresses gehört, dass die ranghohen Bankmanager zwischendurch über kleine Abstimmungsgeräte ihre Meinung zu bestimmten Themen abgeben können. Auf die Frage, was nun am dringlichsten zu tun sei, um die Wettbewerbsfähigkeit der Banken Europas zu erhöhen, stimmte eine deutliche Mehrheit der Banker für „Regulierung vereinfachen“. Den digitalen Euro einführen, was als Antwortmöglichkeit auch angeboten worden war, hielt dagegen kaum jemand für wichtig.
Gefragt wurde auch: Wenn Europa als Antwort auf Donald Trump einen „Meme Coin“ auflegen wollte, also eine etwas humoristische Kryptowährung, wie sollte man sie nennen? Von „#Ursula“ mit Anspielung auf EU-Kommissionenpräsidentin von der Leyen wollten die Banker so wenig hören wie von „#Mario“ zu Ehren des früheren EZB-Präsidenten Draghi. Den Vorschlag „MERA – Make Europe rich again“ fanden sie dagegen als Antwort auf Trumps „MAGA – Make America great again“ zumindest erwägenswert.
Source: faz.net