Fallschirmjäger: Pistorius’ langes Schweigen

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat sich jetzt plötzlich erschüttert gezeigt, über Vorgänge, die im Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken ermittelt werden. Seine Betroffenheit scheint ihn in Zeitlupe erfasst zu haben. Denn seit rund zehn Monaten versuchen militärische und zivile Ermittlungsbehörden, Heer und Nachrichtendienste, Dutzende Straftaten bei den Fallschirmjägern aufzuklären, und tauchen in Abgründe aus Nazitum, Frauenhass und harten Drogen ab. Am kommenden Montag soll dazu ein Bericht übergeben werden. Dann wird man sehen, was sich davon erhärten lässt.

Doch Pistorius musste aus seinem Schweigen erst gerissen werden. Generalinspekteur Carsten Breuer äußerte bislang wenig, außer Löblichem über den zwangsversetzten Kommandeur der Fallschirmjäger. Der Minister sagt: Jetzt müsse „das Vertrauen in militärische Führung vor Ort wiederhergestellt werden“. Es war also zerstört. Es müsse „klar sein, dass Extremismus, sexuelles Fehlverhalten und Drogenkonsum in unserer Bundeswehr nichts verloren haben“.

Ermittler stoßen auf Schweigen

Aber wieso haben Pistorius und General Breuer, oder wenigstens dessen Stellvertreterin, wenig unternommen, um die Frauen zu stärken, die das Verfahren initiiert haben? Um die Aufklärer zu ermutigen und dem Bagatellisieren auf vielen Ebenen entgegenzutreten? Längst ist klar, dass die Verfehlungen nicht nur ein paar Extremisten betreffen. Wozu sonst würde nun ein umfassender „Aktionsplan Luftlandetruppen“ nötig sein, den Pistorius angekündigt hat?

Noch immer stoßen die Ermittler auf verschworenes Schweigen, Leugnen und viel Selbstmitleid. Jeder in den Luftlandetruppen konnte, ja musste wissen, dass sich bei etlichen Fallschirmjägern eine Hasskultur verbreitet hatte, Soldaten ihren Eid mit Füßen traten. Wer sind diese Leute eigentlich, woher kamen sie? Auf einem Flur des Regiments standen Wehrmachtsphantasien an die Wand gepinselt, und in aktenkundigen Ansagen wurde zur Vergewaltigung von Frauen geradezu eingeladen. Soldatinnen, die sich das nicht mehr gefallen ließen – seltene Ausnahmen –, wurden bedroht, ausradiert, weggemobbt. In Spitzenstellen des Regiments wurde unterschieden zwischen genehmen „Mädels“ und „den Damen“, die Vorfälle anzeigten.

Die Erschütterung, von der Pistorius spricht, beschränkt sich nicht auf Täter und Mitwisser im Regiment. Sie betrifft Offiziere der Eliteeinheit, die vorgesetzte Luftlandebrigade, selbst die Division Schnelle Kräfte, zu der das Kommando Spezialkräfte (KSK) gehört. Auch dort brach zu Verfehlungen und Verbrechen das Schweigen erst, als ein Hilferuf des KSK-Kommandeurs öffentlich wurde.

Heeresinspekteur Christian Freuding weiß, ebenso wie sein Vorgänger, dass die Vorfälle Grundsatzfragen berühren: Wollen wir eine Bundeswehr, die unsere Ideale auch nach innen rückhaltlos und eisern verteidigt? Oder nehmen wir ein Militär in Kauf, in dem gerade in spezialisierten Verbänden Kampfkraft und Opferbereitschaft nur um den Preis des Verrats an den demokratischen Idealen zu bekommen sind? Nach dem Motto: Gegen die russische Bedrohung werden jetzt Krieger gebraucht und keine Empfindlichkeiten.

Dagegen wirbt Freuding für eine Führungskultur und Stärke aus „Kameradschaft, die uns trägt, Werten, die uns leiten, und eine innere Haltung, die uns prägt. Ohne dies ist alles andere nichts.“ In diesem Bemühen sollte der jetzt so erschütterte Minister das Heer noch tatkräftiger unterstützen.

Source: faz.net