F.A.Z.-Konjunkturbericht: Die Europäer erfordern Wachstum, nicht Wettbewerbsfähigkeit

Das ganze Wachstumsdilemma in Kontinentaleuropa zeigt sich in einer Zahl: 1,1 Prozent. Das ist die jährliche Potentialwachstumsrate, die der Internationale Währungsfonds (IWF) für den Euroraum nennt. Vereinfacht gesagt, beschreibt die Potentialwachstumsrate den mittelfristigen Wachstumsspielraum eines Landes. Die Rate ist eine berechnete Größe. Sie entspricht in etwa dem Wachstum, das in der Währungsunion spannungsfrei möglich wäre, wenn alle Produktionsfaktoren normal ausgelastet sind. Mit 1,1 Prozent liegt die Wachstumsrate im Euroraum deutlich unter den rund 2,3 Prozent, die der IWF für die Vereinigten Staaten nennt. Die Differenz spiegelt die europäische Wachstumsschwäche.
Die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten sprechen auf dem Sondergipfeltreffen in Brüssel nicht von Wachstumsschwäche, sondern von der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit Europas. Das lenkt vom schwachen Wachstum ab, weil es etwas anderes ist. Unternehmen stehen im Wettbewerb untereinander und mühen sich, anderen Unternehmen Marktanteile abzunehmen. In dieser Konkurrenz von Unternehmen ist der Begriff Wettbewerbsfähigkeit sehr angebracht. Staaten oder Ländergruppen einen ähnlichen Konkurrenzkampf zu unterstellen, bedeutet, den internationalen Handel und Austausch als Nullsummenspiel zu deuten, in dem der eine nur gewinnen kann, was der andere verliert. Das ist trumpesque; so funktioniert der internationale Handel nicht.
Vom nationalen und vom internationalen Handel profitieren immer beide Seiten, der Gewinn des einen ist gerade nicht der Verlust des anderen. Kauft ein Deutscher ein chinesisches und kein teureres deutsches Auto, nutzt das dem Käufer und dem Verkäufer. Der simple Beweis: Kein chinesischer Autohersteller zwingt einen deutschen Kunden, ein chinesisches Fabrikat zu kaufen. Beide sind das Geschäft freiwillig eingegangen.
Eine sprachliche Spitzfindigkeit ist die Unterscheidung zwischen Wachstumsschwäche und Wettbewerbsfähigkeit nicht. Regierungen bevorzugen den Begriff Wettbewerbsfähigkeit. Immer schwingt in dem Wort mit, dass an dem geringen Wachstum die ausländische Konkurrenz mit schuld sei. Das entlastet die heimische Politik im Auge des Wählers ein wenig, vielleicht. Das Wort Wachstumsschwäche dagegen macht unmissverständlich klar, dass die Hemmnisse für eine bessere wirtschaftliche Entwicklung im Inland zu suchen und dort zu ändern sind.
Gemessen an den Prognosen für die kommenden Jahre, haben die Regierungen des Euroraums da noch einiges zu tun, auch – oder gerade weil – die Konjunktur eigentlich recht solide laufen soll. Nach einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von voraussichtlich 1,5 Prozent im vergangenen Jahr erwarten die meisten Volkswirte für 2026 eine leichte Abschwächung des Wachstums auf 1,2 Prozent, mit der Aussicht auf eine Rückkehr zu 1,4 Prozent im Jahr 2027. Die Eurowirtschaft wüchse damit schon schneller als in Normalauslastung. Sie befindet sich in einer Phase der Expansion. Von Aufschwung spricht indes niemand, weil vor allem in den großen Eurostaaten mit Ausnahme Spaniens es sich (noch) nicht recht nach Aufschwung anfühlt.
Für die recht solide wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum in diesem Jahr sprechen der milliardenschwere und schuldenfinanzierte fiskalische Anschub, den die deutsche Bundesregierung in Gang setzt, aber auch die erwartete robuste Weltwirtschaft und ein stabiler privater Konsum. Fiskalisch kommt Anschub auch aus anderen Eurostaaten, unter anderem über den Umweg der gemeinsamen europäischen Ebene: letzte Tranchen aus dem Covid-Wiederaufbauprogramm „Next Generation“ stehen an und erste Tranchen aus der SAFE-Verschuldung für Verteidigung. Die Europäische Zentralbank (EZB) prognostiziert, dass das öffentliche Defizit im Euroraum sich von drei über 3,3 Prozent des BIP auf 3,5 Prozent im kommenden Jahr verschlechtern wird. Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte würde demnach von 87,3 Prozent im vergangenen Jahr auf 88,6 Prozent im kommenden Jahr steigen – weg von den in den europäischen Regelwerken fixierten Kennziffern von drei und sechzig Prozent.
Andere gesamtwirtschaftliche Indikatoren stehen derzeit gut. Die Arbeitslosenquote im Euroraum sank am Jahresende 2025 saisonal bereinigt auf 6,2 Prozent und egalisierte das Rekordtief vom Herbst 2024. Die Inflationsrate im Euroraum betrug im Durchschnitt des vergangenen Jahres 2,1 Prozent und fiel bis Januar auf 1,7 Prozent. Volkswirte von Banken erwarten in einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg eine Rate von 1,8 Prozent in diesem und von zwei Prozent im kommenden Jahr. Das entspricht Preisniveaustabilität nach Definition der EZB. Die Löhne, die in den vergangenen Jahren sehr schnell gestiegen waren, sollen nach allgemeiner Erwartung in diesem Jahr weniger schnell zulegen. Das dämpft den Preisdruck. Viele Ökonomen an den Finanzmärkten erwarten, dass die EZB den Leitzins in diesem Jahr unverändert auf zwei Prozent für den Einlagenzinssatz belassen wird.
Konjunkturell betrachtet, sieht die Lage damit gar nicht so schlecht aus, wenn da nicht das im Allgemeinen zu geringe Wachstumstempo wäre. Das wird sich erst auf Sicht von vielen Jahren heben lassen. Ein Beispiel, über das in Brüssel auch gesprochen wird: Investitionen in Künstliche Intelligenz. Aus den erwarteten milliardenschweren Investitionen in neue Rechenzentren und in Energieinfrastruktur für KI erwarten die Volkswirte von Goldman Sachs bis 2030 nur geringe Wachstumswirkungen in der EU von je 0,05 Prozentpunkten im Jahr. Ähnlich niedrig setzen sie bis 2030 Produktivitätsgewinne aus dem Einsatz von KI an. Erst in der kommenden Dekade kann nach dieser Analyse Europa auf einen KI-bedingten Produktivitätsgewinn von 0,2 Prozentpunkten im Jahr hoffen. An das Wachstumspotential Amerikas käme man damit noch lange nicht heran.