F.A.Z.-Kongress: „Wir zu tun sein herbeiführen, welcher Bevölkerung mehr zu vertrauen“

Die Macht abzugeben, kann etwas Befreiendes sein. Man verliert die Pflicht, die Welt so zu sehen, wie es die Routinen des politischen Betriebs vorgeben, und sieht von außen manches Problem, das von innen wie Normalität aussieht. Diesen Zusammenhang hat in den vergangenen Monaten niemand so deutlich unter Beweis gestellt wie Ricarda Lang. Nachdem sie im November 2024 als Bundesvorsitzende der Grünen zurückgetreten war, hat sie eine zweite Karriere als Politik- und Parteierklärerin begonnen, die ihr bisher mehr Zuspruch sichert als ihre vorherige Rolle.

Auf dem Panel „Zerrissene Gesellschaft“ des F.A.Z.-Kongresses bekundete sie gegenüber der F.A.S-Politikredakteurin Livia Gerster, froh zu sein, die Pflichten einer Parteivorsitzenden nicht mehr erfüllen zu müssen – etwa nach einem Wahltag wie am 8. März nicht mehr an „selbstreferenziellen Talkshows“ teilnehmen und sich an Vor- und Nachwahl-Schlammschlachten beteiligen zu müssen. Auf die Leitfrage des Panels, „Welche Politiker, welche Künstler braucht das Land?“, hatte sie dennoch eine fernsehtauglich prägnante Antwort parat: Es brauche Authentizität, klare Positionen und eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der eigenen Partei. „Denn die Menschen“, so Lang, „wählen heute weniger Parteien als vielmehr Persönlichkeiten“.

Eine enorme Sogwirkung

Wie schwer es ist, dieser Maxime zu folgen, bewies ihre Antwort auf die Nachfrage der Leiterin des F.A.S.-Feuilleton, Julia Encke, ob sie inzwischen nicht selbst zu einer Art politischen Influencerin geworden sei. Zwar, so Lang, sei sie ja immer noch Bundestagsabgeordnete und als solche etwa Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales, doch die Öffentlichkeit nehme ihr Tun nur sehr selektiv wahr. Wenn sie in den sozialen Netzwerken über Tarifbindung spreche, bekäme sie höchstens ein paar Tausend Reaktionen. „Wenn ich aber etwas über die Veggie-Wurst mache, schauen sich das Zehntausende Menschen an.“

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Dieses Phänomen ist dabei nicht auf die Politik beschränkt. Der Schauspieler Christian Berkel verwies im Lauf der recht harmonischen Diskussion darauf, dass er, der sich in den sozialen Netzwerken generell zurückhalte, besonders dann mit Aufmerksamkeit rechnen könne, wenn es nicht um konkrete Inhalte gehe, sondern Szenen, auf denen er und seine Frau zu sehen seien. Überhaupt mache es ihm Sorge, dass viele Menschen auf Social Media so viel Zeit verbringen, das Ganze habe eine „enorme Sogwirkung“. Er halte es eher mit dem Drehbuchautor Paul Haggis, der gesagt hat, der größte Fehler sei, darüber nachzudenken, was die Leute hören wollten. Man solle lieber eine Position haben und sie vertreten – „und dann Differenzen aushalten“.

Hier offenbarte sich eine interessante Ähnlichkeit zwischen dem von Lang und dem von Berkel beschriebenen Problem: Das Populärere ist nicht automatisch das Bessere, aber es gibt große Anreize, sich trotzdem an Ersterem zu orientieren. Schon deshalb, weil, wie Lang ausführte, Aufmerksamkeit zu Klicks und Klicks zu Einnahmen führen. Dieser uralte Streit zwischen dem Angenehmen und dem Guten hat sich durch die sozialen Netzwerke aber beträchtlich verschärft, weil die Plattformen genau so operieren, dass das, was Aufmerksamkeit generiert, auch prämiert wird.

„Wie das Kaninchen vor der Schlange“

Ricarda Lang verwies mehrmals auf das Buch „Hyperpolitik“ von Anton Jäger sowie das Buch „Triggerpunkte“ von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser, um zu untermauern, dass die Konsequenzen dieser neuen Öffentlichkeit für die Politik verheerend sind. „Wir leben in einer Zeit, in der sich alles irre politisch anfühlt“, aber bei den realen Fragen, die die meisten Menschen wirklich in ihrer Lebensführung betreffen, komme man nicht weiter. Sie erinnere sich an Momente, da habe die Grünen-Parteiführung auf haufenweise Umfragen gestarrt „wie das Kaninchen vor der Schlange“, um über kleinste Verschiebungen zu debattieren, statt eine klare Position durchzuhalten. Parteien seien aber nicht nur Meinung aufnehmende, sondern auch meinungsbildende Kräfte.

Mehr oder weniger einig waren sich Berkel und Lang darin, was aus dieser Diagnose folgt: Man dürfe nicht die Logik der sozialen Medien übernehmen, dürfe den Kontakt zur Lebensrealität der Bürger nicht verlieren, man müsse lernen, Differenzen auszuhalten. „Wenn wir wollen, dass uns mehr vertraut wird“, sagte Lang an ihre Politikerkollegen gerichtet, „müssen wir anfangen, der Bevölkerung wieder mehr zu vertrauen.“

Source: faz.net