F.A.Z. exklusiv: Kohlewirtschaft wittert in welcher Gaskrise Morgenluft

Die deutsche Steinkohlewirtschaft bietet an, bei der Senkung der derzeit hohen Energiepreise zu helfen. „Wir stehen parat, dem Markt zur Stromerzeugung fast sieben Gigawatt zusätzliche Leistung aus der Reserve zur Verfügung zu stellen“, sagte Alexander Bethe, der Vorsitzende des Vereins der Kohlenimporteure, der F.A.Z. Das wären zehn Prozent der deutschen Spitzenlast. „Das würde die Preise erheblich senken und viel Gas sparen, das wir dringend zum Heizen, in der Industrie und zum Auffüllen der Speicher brauchen“, sagte Bethe.

Die Stromerzeuger sehen es ebenso. „Die Betreiber stehen in den Startlöchern und können die Kraftwerke befristet auch am Markt einsetzen“, versichert Andreas Reichel, der Vorsitzende des Essener Energiekonzerns Steag gegenüber dieser Zeitung: „Die Reservekraftwerke sollten zur Preisdämpfung eingesetzt werden können, so wie es sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag vorgenommen hat.“

Reiches Ministerium bestätigt Prüfauftrag

Tatsächlich heißt es in der Vereinbarung von Union und SPD: „Künftig [sollen] Reservekraftwerke nicht nur zur Vermeidung von Versorgungsengpässen, sondern auch zur Stabilisierung des Strompreises zum Einsatz kommen.“

Das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin bestätigte dieser Zeitung: „Der Prüfauftrag steht im Koalitionsvertrag, und wir prüfen dies.“ Das Haus von Katherina Reiche (CDU) dämpfte aber die Erwartungen, denn der Einsatz von Reservekraftwerken am Markt sei kompliziert, teuer und möglicherweise ungünstig für die Netzstabilität. Es seien viele Fallstricke zu beachten, darunter EU-Beihilfefragen.

Zu unterscheiden ist zwischen Kapazitäts- und Netzreserve. In Ersterer befinden sich Anlagen, die nur dann von den Übertragungsnetzbetreibern angefordert werden dürfen, wenn das Angebot im Großhandel trotz freier Preisbildung nicht ausreicht. Die Netzreserve hingegen dient dem „Redispatch“, wenn fossile Anlagen regional und wetterbedingt – etwa bei Dunkelflauten im Süden – einspringen, weil dort zu wenig Ökostrom entsteht und zugleich Windstrom aus dem Norden wegen der Netzengpässe fehlt.

Aus dem Ministerium heißt es nun, in der Kapazitätsreserve befänden sich nur Gaskraftwerke. Ihr Einsatz am Markt würde daher keinen Beitrag leisten, um die Speicher und Preise zu entlasten. Auch die Netzreserve helfe nicht, denn deren Kohlekraftwerke seien mit dem Redispatch ausgelastet. Ein darüber hinausgehender Markteinsatz könnte den Systembetrieb gefährden. Außerdem seien die Anlagen alt und ineffizient und daher ihre Erzeugungskosten hoch.

Kohlekraft 30 Prozent günstiger als Gasverstromung

Bethe widerspricht. Selbst alte Kohleblöcke mit einem Wirkungsgrad von 38 Prozent produzierten Strom zu weniger als 120 Euro je Megawattstunde. Bei offenen Gasturbinen mit 49 Prozent Wirkungsgrad seien es dagegen 170 Euro. Zum ökologischen Fußabdruck sagte der Verbandschef, die Klimabilanz der Steinkohle sei nicht ungünstiger als die von flüssigem Erdgas (LNG). Falsch sei auch die Aussage des Ministeriums, das Redispatch könnte gefährdet sein.

Steag-Chef Reichel bestätigt das. „Es gibt kein Entweder-Oder zwischen Systemstabilisierung und Strompreisdämpfung“, sagt er: „Die Kraftwerke können beides leisten“. Der Einsatz aus der Reserve heraus sei gemäß Koalitionsvertrag nicht nur möglich, sondern auch ökonomisch geboten: „Das würde die Strompreise und den Gasverbrauch sofort senken, es wäre eine Win-Win-Situation für Industrie und Verbraucher gleichermaßen.“

Ökonomen sehen den von der Kohlewirtschaft vorgeschlagenen Weg jedoch als verfrüht an. „Wir sind in einer Situation hoher Preise, aber nicht physischer Knappheit“, stellt Georg Zachmann klar, Energiefachmann am Bruegel-Institut in Brüssel: „Daher sollten strategische Kapazitäten wie die Netzreserven noch nicht in den Markt gegeben werden, auch um die Anreize für Stromsparen und Investitionen hochzuhalten.“