F.A.Schwefel. exklusiv: Biontech-Geldgeber wollen ins neue Start-up von Şahin und Türeci investieren

Wenn von den Gründern der Mainzer Biotechfirma Biontech die Rede ist, werden meist nur zwei genannt. Uğur Şahin und Özlem Türeci, das Krebsforscher-Ehepaar, mit türkischen Wurzeln in Deutschland aufgewachsen, stehen als Vorstandsvorsitzender und Forschungschefin im Rampenlicht. Unter ihrer Führung hat das Unternehmen 2020 in Rekordzeit den Corona-Impfstoff Comirnaty entwickelt und auf den Markt gebracht, was sie schlagartig berühmt machte und Biontech Milliardenumsätze bescherte. Entsprechend groß war das Aufsehen, als sie am Dienstag ihren Abschied aus dem Vorstand ankündigten. Sie wollen sich wieder stärker der Forschung widmen, hieß es zur Begründung, und dafür eine neue Firma gründen. Der Börsenwert von Biontech fiel daraufhin zeitweise um 20 Prozent auf etwa 20 Milliarden Dollar.

Nun gehen bange Fragen um. Zerbricht das Unternehmen? Welche Zukunft hat es noch ohne seine Gründer? Als ob es wirklich nur zwei gäbe.

In Wahrheit waren es sieben, die Biontech im September 2007 aus der Taufe hoben: die Zwillingsbrüder Andreas und Thomas Strüngmann, liquide geworden durch den Verkauf ihrer Pharmafirma Hexal; ihr damaliger Vermögensverwalter Helmut Jeggle; dazu der Biotechinvestor Michael Motschmann, ein früherer Schulkamerad Thomas Strüngmanns; sowie der Mainzer Medizinprofessor Christoph Huber samt seinen beiden akademischen Schützlingen Şahin und Türeci.

Die F.A.S. hat bei den anderen fünf nachgefragt, wie der Entschluss des Forscherpaars ihr eigenes Verhältnis zu Biontech verändert und ob sie ein weiteres Mal gemeinsame Sache mit Şahin und Türeci machen wollen.

„Wir haben Uğur zugesagt, sein Unternehmen zu unterstützen und entsprechend mit zu investieren“, antwortet Thomas Strüngmann (75) für die gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder gegründete Vermögensverwaltung. Aus derselben Quelle, aus der vor bald 19 Jahren das Startkapital von 150 Millionen Euro für Biontech kam, soll also auch nun wieder Geld für die Ideen von Şahin (60) und Türeci (59) fließen.

Die Einzelheiten müssten noch geklärt werden, sagt Strüngmann. Sein „Family Office“ hält den offiziellen Börsenmitteilungen zufolge rund 44 Prozent der Biontech-Anteile, deutlich mehr als jeder andere Gesellschafter. Weniger soll es nicht werden, beteuert Strüngmann. Er glaube an die Chance, nach dem Corona-Impfstoff in absehbarer Zukunft ein erstes neuartiges Krebsmedikament auf Basis der sogenannten mRNA-Technologie auf den Markt bringen zu können. Seine Reaktion auf den Kurssturz, der pikanterweise von der Pflichtmitteilung begleitet wurde, dass ein Biontech-Vorstandsmitglied ein großes Anteilspaket verkauft hat, formuliert Strüngmann daher prompt: „Ich habe nachgekauft.“

Michael Motschmann (links) und Thomas Strüngmann
Michael Motschmann (links) und Thomas StrüngmannPicture Alliance

Die Strüngmann-Brüder mögen das mit Abstand größte Anteilspaket ihr Eigen nennen, eine formelle Aufgabe im Unternehmen haben sie nicht. Das ist bei Helmut Jeggle (55) und Michael Motschmann (68) anders. Jeggle, der sich inzwischen mit seinem eigenen „Family Office“ namens Salvia einen Namen gemacht hat, ist Aufsichtsratsvorsitzender von Biontech. Auch Motschmann, der Gründer der Münchner Fondsgesellschaft MIG Capital, gehört dem Aufsichtsrat an. Die Amtsperioden dauern jeweils bis 2027. Beide verweisen auf die besonderen Verhaltensregeln, die deshalb für sie gelten, und äußern sich daher vorsichtig.

Biontech wird sich den bisher vorgestellten Plänen zufolge mit bis zu 49 Prozent an dem neuen Unternehmen beteiligen; wie die Nutzungsrechte an Forschungs- und Entwicklungsprojekten bewertet und aufgeteilt werden, ist noch Verhandlungssache. Es sei zu prüfen, ob es einen Interessenkonflikt gäbe, wenn er sich an der neuen Firma von Şahin und Türeci beteiligte, die ihrerseits unverändert an Biontech beteiligt bleiben wollen, lässt Helmut Jeggle wissen. Dieselbe juristische Prüfung hält auch Motschmann für unverzichtbar, ehe er konkreter antworten könne. Er lässt im Gespräch aber keinen Zweifel daran, dass er die angekündigte Neugründung grundsätzlich für „ein spannendes Thema“ hält. Die MIG-Fonds halten schon seit September 2021 keine Biontech-Anteile mehr.

Helmut Jeggle, der Aufsichtsratsvorsitzende von Biontech
Helmut Jeggle, der Aufsichtsratsvorsitzende von BiontechBiontech

Aus dem Kreis der sieben Gründer hat heute der emeritierte Medizinprofessor Christoph Huber (82) die größte Distanz zu Biontech. Er schied 2023 aus dem Aufsichtsrat aus und hat damals nach eigener Auskunft alle seine Anteile verkauft. Inzwischen engagiere er sich vor allem im Beirat einer Ausgründung der Universität Cambridge, deren neuartiger medizinischer Ansatz eine „atemberaubende Per­spektive“ biete, sagt Huber.

Mit Şahin und Türeci, deren Mentor er einst in Mainz war, gründete Huber vor Biontech 2002 schon ein erstes gemeinsames Unternehmen namens Ganymed, das 2016 an einen japanischen Pharmakonzern verkauft wurde. Das neue, dritte Projekt von Şahin und Türeci, sagt Huber, werde er nun lediglich aus der Ferne verfolgen. Es leuchte ihm aber ein, dass sich beide von ihrem Wesen her eher als Wissenschaftler und weniger als Indus­triemanager verstünden.