EZB hintergANGEN?: Ermittlungen gegen Italiens Finanz-Machthaber

Die Staatsanwaltschaft von Mailand ermittelt gegen zwei wichtige Aktionäre und einen Vorstandsvorsitzenden der italienischen Bankenszene. Wie am Donnerstag bekannt wurde, handelt es sich dabei um den italienischen Bau- und Medienunternehmer Francesco Caltagirone, den Verwalter des Holdingvermögens der Familie Del Vecchio und Chef des Brillenherstellers Luxottica, Francesco Milleri, sowie den Vorstandsvorsitzenden der Bank Monte Dei Paschi di Siena (MPS), Luigi Lovaglio. Der Verdacht lautet auf Marktmanipulation durch rechtswidrige Absprachen bei der Übernahme der Investmentbank Mediobanca durch MPS sowie beim vorherigen Kauf von MPS-Aktien im Zuge der Privatisierung dieser Bank, das älteste Geldhaus der Welt. Ein weiterer Vorwurf der Staatsanwälte in Bezug auf diese Transaktionen: Behinderung der Marktaufsicht durch die Europäische Zentralbank sowie der italienische Behörden Consob und Ivass.
Auch wenn es in Italien häufig Untersuchungen durch Staatsanwälte gibt, sorgt die Nachricht für erhebliches Aufsehen, denn die drei Männer sind gewissermaßen die neuen Machthaber in der italienischen Finanzszene. Mit inoffizieller Unterstützung der Regierung in Rom haben sie sich in den vergangenen Jahren durch Aktienzukäufe dominierende Positionen nicht nur bei MPS und Mediobanca ergattert, sondern auch bei Europas drittgrößtem Versicherer Generali.
Die Staatsanwaltschaft hegt den Verdacht, dass Caltagirone und Milleri heimlich zusammengearbeitet haben. Seit Jahren ist in Italien bekannt, dass sie oft gleichgerichtete Ziele verfolgen, doch Beweise für die Kollaboration wurden bisher nicht vorgelegt. Die beiden Investoren hielten und halten heute getrennte Aktienpakete an den verschiedenen Finanzunternehmen jeweils auf eigene Rechnung. Wenn eine Kooperation zwischen ihnen gegenüber anderen Marktteilnehmern verschwiegen wird, handelt es sich um Marktmanipulation. Nach Angaben der Zeitung „Corriere della Sera“, die am Donnerstag als erste über die Ermittlungen berichtet hat, sollen die Investoren auch die gesetzliche Pflicht verletzt haben, ein offizielles Übernahmeangebot für alle Aktionäre von Mediobanca zu unterbreiten, nachdem sie gemeinsam die Schwelle von 25 Prozent des Kapitals überschritten hatten. Der MPS-Chef Lovaglio gilt als mitverdächtig, weil er das Projekt der Mediobanca-Übernahme energisch vorangetrieben hat.
Die Bank MPS sicherte am Donnerstag die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden zu und zeigte sich laut einer Mitteilung „zuversichtlich, dass sie alle Elemente zur Klärung ihres Handelns liefern kann“. Sie habe volles Vertrauen in die zuständigen Behörden.
Caltagirone und Milleri galten lange Zeit als Rebellen der italienischen Finanzszene, weil sie als Minderheitsaktionäre häufig amtierende Vorstände und Verwaltungsräte bekämpften. Doch nach und nach bauten sie ihre Positionen aus, erhielten die Unterstützung anderer Aktionäre sowie der Regierung. Dies führte bei Mediobanca nach der Übernahme durch MPS bereits zum Rücktritt des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Alberto Nagel und anderer Führungskräfte. Bei Generali ist nach Einschätzung vieler Marktbeobachter zu erwarten, dass der Versicherer die geplante Gründung eines großen grenzüberschreitenden Gemeinschaftsunternehmens für die Vermögensverwaltung mit der französischen Bank Natixis wieder absagt. Der Plan missfällt den neuen Generali-Großaktionären sowie der Regierung von Giorgia Meloni, die unter anderem befürchtet, dass Generali aufgrund ausländischem Einfluss künftig weniger italienische Staatsanleihen kaufe. An den Anteilen der Investoren und den daraus abgeleiteten Rechten ändert sich durch die Ermittlungen erst einmal nichts; in Italien ziehen sich solche Untersuchungen häufig über lange Zeiträume hin. Dennoch dürfte ihre Position nun zumindest ein Stück weit geschwächt sein .