EZB: Europas Postenpoker

Christine Lagarde
Christine LagardeReuters
Christine Lagarde, 70, hat den Spekulationen um ihre Nachfolge selbst Zunder gegeben. Die Französin, deren Amtszeit in der Europäischen Zentralbank (EZB) offiziell im Oktober 2027 endet, hat Gerüchte über einen vorzeitigen Rückzug zuletzt nur halbherzig dementieren lassen. Sie habe keine Entscheidung bezüglich des Endes ihrer Amtszeit getroffen, ließ sie zunächst über einen Sprecher mitteilen. Später ergänzte sie im Interview mit dem „Wall Street Journal“, ihre „Grundannahme“ sei, ihre Amtszeit zu Ende zu bringen. Auch das ist kein hartes Dementi.
Joachim Nagel
Joachim NagelReuters

Joachim Nagel, 59, ist als Präsident der Bundesbank qua Amt automatisch ein Kandidat für den EZB-Topposten. Nagel hat zuletzt eine bemerkenswerte Flexibilität bewiesen, indem er sich für europäische Gemeinschaftsanleihen (Eurobonds) aussprach. Dieser Bruch mit der traditionellen Linie der Bundesbank könnte einen möglichen EZB-Präsidenten Nagel für Länder wie Frankreich leichter vermittelbar machen.

Isabel Schnabel
Isabel SchnabelLucas Bäuml

Isabel Schnabel, 54, hat die ungewöhnlichste Bewerbung für das Amt der EZB-Präsidentin abgegeben: Wenn sie gefragt würde, stünde sie bereit, sagte sie Ende 2025 dazu. Die Professorin, seit 2020 Mitglied des Direktoriums, hat einen exzellenten Ruf. Allerdings ist unklar, ob ein Wechsel aus dem Direktorium direkt an die EZB-Spitze rechtlich möglich ist. Auch haben Bewerber, die sich selbst ins Spiel bringen, oft keine Chance. Schnabel hofft womöglich auf ein anderes Amt, vielleicht an der Spitze der Bundesbank.

Klaas Knot
Klaas KnotReuters
Klaas Knot, 58, gilt als großer Favorit auf den Posten des EZB-Präsidenten. Knot ist ein erfahrener Geldpolitiker, er stand 14 Jahre lang an der Spitze der niederländischen Notenbank. Im Sommer 2025 endete seine Amtszeit. Knot gilt als Vertreter einer eher strengeren Geldpolitik, als sogenannter „Falke“. Je schneller es zu einem Rückzug Lagardes käme, umso besser sind seine Chancen. Er wäre nach Wim Duisenberg der zweite Niederländer in diesem Amt.
Pablo Hernández de Cos
Pablo Hernández de CosReuters

Pablo Hernández de Cos, 55, wäre ein Konsenskandidat: Er stand von 2018 bis 2024 an der Spitze der spanischen Notenbank, heute leitet der Ökonom die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, eine Art Thinktank für Notenbanken. Das ist ein ehrenvolles Amt, aber es darf bezweifelt werden, dass es de Cos voll ausfüllt. Mit ihm hätte die EZB wieder einen ausgewiesenen Fachmann an der Spitze, im Unterschied zu der früheren Politikerin Lagarde. Er gilt zwar als „Taube“, also eher als Vertreter einer lockeren Geldpolitik, hat aber auch stets die Wichtigkeit des Kampfes gegen die Inflation betont. Als Mann des Ausgleichs hat er nicht die schlechtesten Chancen.

Friedrich Merz
Friedrich MerzAP

Friedrich Merz, 70, ist der Primus inter Pares unter den Staats- und Regierungschefs der Eurozone. Nach der Kritik an seiner lockeren Schuldenpolitik dürfte ihm daran gelegen sein, einen stabilitätsorientierten EZB-Präsidenten durchzusetzen, um seine Anhänger zu besänftigen. Für einen Deutschen, der europäische Gemeinschaftsanleihen (Eurobonds) befürwortet wie Nagel, wird er sich kaum verkämpfen.

Ursula von der Leyen
Ursula von der Leyendpa

Ursula von der Leyen, 67, ist das größte Hindernis für deutsche Anwärter auf den EZB-Posten: Ihre Amtszeit als EU-Kommissionspräsidentin läuft noch bis Herbst 2029, bis dahin wird die Bundesrepublik kaum einen weiteren europäischen Spitzenposten besetzen können – sofern sie nicht Anfang 2027 ins Amt der Bundespräsidentin wechselt, was aber als sehr unwahrscheinlich gilt.

Emmanuel Macron
Emmanuel MacronAFP

Emmanuel Macron, 48, führt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone. Gerüchten zufolge will er ein vorzeitiges Ausscheiden Lagardes, um noch vor einem möglichen Wahlsieg der Rechtspopulisten die Nachfolge zu klären. Allerdings dürfte es schwierig werden, nach Jean-Claude Trichet und Lagarde zum dritten Mal einen Franzosen durchzusetzen.

Larry Fink
Larry FinkAFP

Larry Fink, 73, Chef der US-Fondsgesellschaft Blackrock, hat indirekt Einfluss auf Europas Toppersonalien: Fink hat 2025 vertretungsweise die Führung des Davoser Weltwirtschaftsforums übernommen. Bislang weiß man nicht, ob er die Aufgabe dauerhaft haben möchte. Christine Lagarde hingegen war immer wieder dafür im Gespräch. In Davos hätte man gerne bald eine Entscheidung.

Source: faz.net