Export: Wie China den Erfolg deutscher Betriebe in Osteuropa gefährdet

In turbulenten wirtschaftlichen Zeiten haben sich Ost- und Südosteuropa für die deutsche Wirtschaft als eine sichere Bank erwiesen. Im vergangenen Jahr stieg das Volumen der Im- und Exporte mit 3,4 Prozent abermals stärker als im Vorjahr auf gut 550 Milliarden Euro. Das sind Zuwächse, die im internationalen Geschäft längst nicht mehr an der Tagesordnung sind. Da legte der Außenhandel nur um 2,4 Prozent zu.
Auch im Osten Europas spüren deutsche Investoren Chinas Konkurrenz stärker. „China hat Deutschlands Präsenz in der Region zurückgedrängt,“ beschreibt die Wiener Erste Group, die in Ostmitteleuropa führende Bank, die Lage. Deutsche Unternehmen spüren auch dort die ungehemmte Exportoffensive Chinas, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei seinem Besuch in Peking ansprechen wollte.
„Wir kloppen uns mit China um Platz eins“
Auf der Reise mit von der Partie ist Ostausschuss-Vorsitzende Cathrina Claas-Mühlhäuser. In 18 der 29 von ihrer Organisation vertretenen Staaten in Osteuropa und Zentralasien sei China inzwischen der wichtigste oder zweitwichtigste Handelspartner, Deutschland nur noch in 15 Ländern, sagt sie: „Wir kloppen uns da um Platz eins und zwei in den Märkten.“ Deutschland müsse sich anstrengen, seine Position zu verteidigen.
Jeder sechste Osthändler klagt nach einer kürzlich vorgelegten Befragung des Ostausschusses und der Beratungsgesellschaft KPMG über die wachsende Konkurrenz chinesischer Anbieter. Wegen der amerikanischen Zölle expandierten diese verstärkt nach Mittel- und Osteuropa. Sie „haben die Region für sich entdeckt und stehen auch dort mehr und mehr in direkter Konkurrenz zur deutschen Wirtschaft“, sagt KPMG-Bereichsvorstand Andreas Glunz.
Deutschland verliert, China füllt die Lücke
Veränderungen der Marktanteile zwischen 2019 und 2023 zeigten, dass Deutschland in Ostmitteleuropa Exportanteile verliere, „während China die Lücke zunehmend füllt“, schreibt Erste Group-Ökonom Juraj Kotian. „In vielen Ländern gewann China zwischen 10 und 30 Prozent des Marktanteils, während Deutschland bis zu 20 Prozent des Marktanteils verlor.“ Dass die deutschen Handelszahlen dennoch zulegen, liegt an dem teils starken Wachstum der Volkswirtschaften; in Polen etwa stieg das Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 3,7 Prozent.
Tatsächlich übertreffen die Zuwachsraten des China-Handels der Region jene mit Deutschland, wie Zahlen von China Radio International zeigen. Im vergangenen Jahr habe der Wert chinesischer Exporte in die Region 130 Milliarden Euro erreicht. „Mit einem Wachstum von 7,5 Prozent im Vergleich zu 2024 stellte das Volumen einen neuen Rekord auf.“
Das Plus lag demnach über dem des EU-China-Handels. Der hatte bis November laut Eurostat um fünf Prozent zugelegt. Polen, die Tschechische Republik und Ungarn sind laut Radio Peking die wichtigsten Handelspartner Chinas in Mittel- und Osteuropa. Dass der Handel insgesamt eine beträchtliche Schieflage zugunsten Chinas Ausfuhrwirtschaft hat, unterschlägt der Sender geflissentlich.
Peking exportiert viel und importiert wenig
Das Einzige, was in den Wirtschaftsbeziehungen wirklich boomt, sind die Importe der konsumfreudigen Osteuropäer. In Polen übertreffen sie die Exporte nach China um das Zehnfache, in der Tschechischen Republik um das 16-Fache. In Polen, der wachstumsstärksten Ökonomie in Osteuropa, kletterte die Einfuhr nach Daten des Warschauer Statistikamtes bis November 2025 schon auf 60 Milliarden Dollar. Das waren fast zehn Prozent mehr als im gesamten Vorjahr. Die deutschen China-Importe hatten 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamts um 8,8 Prozent zugelegt, während die Exporte nach China um fast zehn Prozent eingebrochen waren.
Nicht nur die in Osteuropa einst große Stahlbranche ist unter Chinas Räder gekommen. Handelsdaten zeigten eine „zunehmende Konkurrenz aus China bei langlebigen Konsumgütern“, schreibt die ING-Bank. So stieg Polens Einfuhrrechnung für chinesische Autos von 2022 bis 2025 um mehr als das Fünffache: von zwei auf elf Milliarden Dollar.
Chinesische Lieferketten können verletzlich machen
Unter den zehn größten Lieferanten Polens konnte nur China 2025 seinen Marktanteil ausbauen, von 14,3 auf 15,5 Prozent. In anderen Ländern ist die Lage ähnlich. In der Tschechischen Republik, die sich zuletzt eher Taiwan als Peking politisch annäherte, sind die Importwerte aus China steil nach oben geschossen: von 25 Milliarden Dollar im Jahr 2021 auf 45 Milliarden im Jahr 2024, Tendenz steigend. Dass dabei Abhängigkeiten wie bei Seltenen Erden, Photovoltaikmodulen und anderen Hightechprodukten zunehmen, ist in Osteuropa nicht anders als im Westen der EU.
Nirgends fällt Chinas Einfuhr so sehr ins Gewicht wie in Slowenien. 14 Prozent des BIP sind es laut Erste Group, sechs Punkte mehr als in Tschechien, das auf Rang zwei liegt. Dass Slowenien so sehr auf China angewiesen ist, liegt an der starken Pharmaindustrie und ihrer Abhängigkeit von chemischen Vorprodukten. „Eine strategische Verletzlichkeit durch chinesische Lieferketten“, macht die Bank hier aus. Das sei kein Zufall.
Nach anfänglichen Investitionen in die ungarische Chemie vor 15 Jahren hatte sich Peking auf andere strategische Branchen konzentriert. Damit wollte man augenscheinlich „eine Kannibalisierung der eigenen Exporte verhindern“. Das klingt nach einem größeren Plan nicht zuletzt im Zusammenspiel mit Pekings „Belt and Road Initiative“ für weltumspannende Logistiknetze. Autos spielen auch eine wichtige Rolle. Hersteller wie Geely und BYD bauen nicht nur eine eigene Produktion in Ungarn und der Slowakei auf, ihre Marktanteile im Osten Europas wachsen. Zuweilen stoßen sie allerdings auf Hindernisse. Aus Sorge vor Spähattacken hat Polen chinesische Autos von seinen Militärbasen verbannt.
Chinas Kapital ist in Osteuropa gerne gesehen
China schickt nicht nur Schiffe mit Containern voller Waren in den Osten und Südosten Europas, sondern auch Landsleute. So reisen nach dem Corona-Einbruch wieder mehr Touristen nach Österreich und vor allem nach Serbien. Es kommen aber auch Tausende Arbeiter. Die Investoren bringen ihre eigenen Belegschaften mit, für Auto- und Batteriefabriken wie in Ungarn, den Bau von Bahnstrecken oder im Bergbau und der Großindustrie wie in Serbien. Peking unterfüttert seine Auslandsinvestitionen auch mit Kapital. Das kommt allerdings weniger oft als unternehmerisches Eigenkapital, sondern eher als langfristiger Kredit zu Chinas Konditionen.
Doch die Finanzbeziehungen wachsen wechselseitig. Slowenien plant die Ausgabe einer Renminbi-Anleihe in China. Es wäre der dritte „Panda-Bond“ eines osteuropäischen Staates nach Polen und Ungarn, die solche vor zehn Jahren begeben hatten. Portugal hatte sich 2019 als erstes Euro-Land auf dem chinesischen Festland verschuldet.
Der Wirtschaftsanalytiker und Südosteuropafachmann Jens Bastian sagt dazu: „Je mehr Länder in Südost- und Mitteleuropa Handel mit China treiben und Investitionen aus Peking suchen, desto eher können wir erwarten, dass sie auch chinesische Finanzinstrumente in Betracht ziehen, die nicht direkt mit Krediten zu tun haben.“ Auch wenn die geplante Slowenien-Anleihe mit kolportierten 700 Millionen Euro eher klein ist, so sei sie doch „ein bedeutender Durchbruch für China und zeigt die wachsende politische Akzeptanz, mit Peking im Bereich der internationalen Kapitalinvestitionen zusammenzuarbeiten“.