Expertin zu Fake-News-Kampagnen: „Russische Lügen treffen das, was viele in Deutschland ohnehin glauben wollen“
Expertin zu Fake-News-Kampagnen„Russische Lügen treffen das, was viele in Deutschland ohnehin glauben wollen“
29.03.2026, 10:01 Uhr
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Vor einem Jahr kündigte US-Präsident Trump die Auflösung von USAID an, der größten Entwicklungshilfe-Agentur der Welt. Finanzmittel wurden gestrichen, Projekte eingestellt, die Debatte über Sinn und Zweck von Entwicklungszusammenarbeit entbrannte weltweit. Auch in Deutschland. Und genau das nutzten prorussische Akteure: Seitdem kursieren in deutschen Online-Communitys massenhaft Falschinformationen und Verschwörungsmythen – nicht nur über USAID, sondern gezielt auch über die deutsche Entwicklungshilfe. Das zeigt eine Studie des Berliner Thinktanks CeMAS, der Zehntausende Nachrichten aus knapp 1500 Telegram-Kanälen und -Gruppen ausgewertet hat. Julia Smirnova, Co-Autorin der Studie, erklärt im Interview, welche Fake News viral gehen und warum, was Russland damit bezweckt – und was das mit dem Krieg in der Ukraine zu tun hat.
ntv.de: Sie haben untersucht, wie russische Akteure die Auflösung von USAID genutzt haben, um Desinformation über Entwicklungshilfe auch in Deutschland zu streuen. Wie hat das konkret funktioniert?
Julia Smirnova: Wir haben analysiert, wie deutschsprachige rechtsextreme, verschwörungsideologische und prorussische Online-Communitys über das Thema Entwicklungszusammenarbeit sprechen. Die Auflösung von USAID vor einem Jahr hat zu einer deutlichen Zunahme von Nachrichten zu diesem Thema geführt – darunter viele Falschinformationen und Verschwörungsnarrative. Gleichzeitig haben russische Desinformationsakteure dieses Thema gezielt ausgenutzt, zum Beispiel verdeckte Kampagnen wie „Operation Overload“ oder „Storm 1516“.
Was sind das für Kampagnen?
„Operation Overload“, also zu Deutsch „Operation Überlastung“, ist eine koordinierte russische Desinformationskampagne, die darauf ausgelegt ist, zahlreiche Falschbehauptungen, häufig in Form von Videos mit Logos etablierter Medienmarken, in sozialen Medien zu verbreiten. Dabei werden Faktencheck-Organisationen direkt kontaktiert, mutmaßlich, um sie mit einer Flut von Falschbehauptungen zu überlasten. Hinter „Storm 1516“ stehen russische Denkfabriken mit mutmaßlichen Beziehungen zum russischen Geheimdienst. Über ein Netzwerk von Influencern wird dabei seit 2023 Desinformation über die Ukraine und ihre Unterstützer verbreitet, in Deutschland versuchte der Kreml, mit dieser Kampagne die Bundestagswahl 2025 zu beeinflussen.
Welche Ziele verfolgen die Urheber dieser Kampagnen?
Zum einen, die Unterstützung für die Ukraine in Deutschland zu schwächen und zum anderen, demokratische Institutionen zu untergraben. Dafür werden erfundene Geschichten verbreitet – zum Beispiel, dass die ukrainische Elite Hilfsgelder veruntreue, dass der ukrainische Präsident Selenskyj damit Aktien von AstraZeneca oder Luxusimmobilien kaufe. Und parallel dazu werden Geschichten fabriziert, die behaupten, die Bundesregierung verschleudere das Geld deutscher Steuerzahler lieber im Ausland, als es im Interesse der eigenen Bevölkerung einzusetzen. Ein Beispiel dafür ist die Falschbehauptung von „Storm 1516“, Deutschland finanziere mit 1,4 Milliarden Euro den Bau eines Fußballstadions in Brasilien. Das ist komplett erfunden. Aber mit solchen Geschichten soll das Narrativ gestärkt werden, die Bundesregierung sei nicht vertrauenswürdig.
Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Auflösung von USAID und einer Zunahme von Falschinformationen über deutsche Entwicklungshilfe?
Wir haben eine deutliche Zunahme von Nachrichten zu diesem Thema zwischen Januar und März 2025 beobachtet – also genau in der Zeit, als USAID aufgelöst wurde. Ein Teil dieser Nachrichten zog dabei direkte Parallelen zu Deutschland: Das Vorgehen von US-Präsident Trump wurde als wünschenswert auch für Deutschland dargestellt, und die Entwicklungszusammenarbeit insgesamt als ideologisch motiviert und verschwenderisch bezeichnet. Aber es wurden auch eigene Falschbehauptungen über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit verbreitet, die gezielt für den deutschen Kontext produziert wurden.
Sehen Sie dahinter eine gezielte Kampagne, die zentral gesteuert wird?
Ein Teil dieser Nachrichten wird mehr oder weniger organisch von verschwörungsideologischen Communitys aufgenommen und weiterverbreitet – weil das Thema das große Verschwörungsnarrativ dieser Kreise bestätigt: dass es eine geheime Elite gäbe, einen „Deep State“.
Aber wir haben auch gesehen, dass russische Desinformationsakteure dieses Thema in ihren Kampagnen einsetzen. Darüber hinaus haben wir in den deutschsprachigen Telegram-Gruppen zwei besonders aktive Accounts identifiziert, die massenhaft Nachrichten aus verschwörungsideologischen, prorussischen und zum Teil geschlossenen Kanälen weitergeleitet haben. Sie inszenieren sich als normale Nutzerinnen und Nutzer, um Inhalte in Gruppen einzuschleusen und so eine größere Wirkung zu erzielen.
Was waren das für zwei Accounts, steckt Russland dahinter?
Das Verhalten dieser Accounts ist auffällig: Es ist typisch für Bots, die Telegram-Gruppen mit Inhalten überfluten. Wir konnten sie aber nicht mit Sicherheit zu einem staatlichen Akteur attribuieren.
Was hat Sie bei Ihrer Recherche am meisten überrascht?
Besonders interessant fand ich zu beobachten, wann es russischen Desinformationskampagnen gelingt, dass ihre Inhalte viral gehen. Man muss wissen: Das ist nicht selbstverständlich. Bei „Operation Overload“ zum Beispiel erreichten die meisten Videos nur eine sehr geringe Reichweite. Ein Video ging viral, das behauptete, USAID habe amerikanische Prominente für Reisen in die Ukraine bezahlt. Das war möglich, weil das Video zunächst von einem einflussreichen verschwörungsideologischen Account auf X geteilt wurde – und anschließend von sehr bekannten Persönlichkeiten wie Elon Musk oder Donald Trump Jr. verbreitet wurde. Das zeigt: Ausländische Desinformationskampagnen profitieren enorm davon, wenn einheimische Akteure mit großer Reichweite auf solche Inhalte hereinfallen und sie weiterverbreiten.
Wie kann so eine plumpe Lüge funktionieren? Warum sind da so viele Menschen reingefallen?
Russische Desinformationsakteure beobachten sehr genau, was in den Communitys ihrer Zielländer diskutiert wird. Sie produzieren Inhalte, die bestätigen, was Menschen in diesen Communitys ohnehin glauben wollen – Inhalte, die empören, die Vorurteile bestätigen. In diesem Fall war das Video tatsächlich sehr plump. Aber seine Kernaussage wiederholte, was in verschwörungsideologischen und MAGA-Kreisen in den USA schon längst verbreitet wurde: dass die Entwicklungsbehörde USAID und die Biden-Regierung korrupt seien. Wer das bereits glaubt, überprüft den Inhalt eines Videos nicht mehr – er teilt es einfach, weil es so gut zu seiner bestehenden Überzeugung passt.
Und der Fall des Fußballstadions in Brasilien, das angeblich mit deutschem Steuergeld gebaut werden sollte – warum hat so eine Geschichte gut funktioniert?
In diesem konkreten Fall war der Erfolg eher mäßig – die Reichweite war deutlich geringer als beim Video über die US-Prominenten. Die Falschbehauptung wurde hauptsächlich von einem Influencer verbreitet, der regelmäßig Inhalte von „Storm 1516“ teilt. Aber solche Geschichten werden von russischen Desinformationsakteuren immer wieder produziert.
Es gab ja auch das Beispiel der angeblichen deutschen Fahrradwege in Peru – das haben viele geglaubt. Was war da das Erfolgsrezept?
Das ist ein gutes Beispiel für irreführende Behauptungen, die mit einem Körnchen Wahrheit arbeiten. Seit einigen Jahren kursieren falsche Zahlen über Entwicklungsprojekte in Peru. Es wurde behauptet, Deutschland habe über 300 Millionen Euro für Radwege dort ausgegeben. Diese Zahl ist falsch. Was stimmt: Es gibt eine deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Peru, auch im Bereich nachhaltiger Verkehrsprojekte, und dabei werden tatsächlich Radwege gebaut – aber nicht für 300 Millionen Euro. Was daraus gemacht wird, ist eine bewusst überspitzte Gegenüberstellung: Während in Deutschland Brücken verfallen, zahlt Deutschland Unsummen für Radwege in Peru. Außerdem wird dabei verschwiegen, dass es sich bei einem Großteil dieser Gelder um Kredite handelt, die von den Empfängerländern zurückgezahlt werden. So entsteht ein falsches Bild – und das verfängt, weil die Empörung instinktiv nachvollziehbar wirkt.
Welchen realen Schaden richtet das an – oder bleibt das eine Blase auf Telegram?
Wenn Desinformationskampagnen dazu beitragen, dass Entwicklungsgelder gestrichen werden, trifft das echte Menschen. Das soll nicht heißen, dass es keine legitimen Probleme im Bereich Entwicklungszusammenarbeit gibt – die gibt es, und darüber muss in demokratischen Gesellschaften offen diskutiert werden. Aber wenn diese Diskussionen gezielt von ausländischen Akteuren manipuliert werden, kann das zu einer gefährlichen Verzerrung des öffentlichen Diskurses führen.
Gibt es Hinweise darauf, dass diese Kampagnen tatsächlich wirken, etwa auf das Wahlverhalten in Deutschland?
Die Wirkung entfaltet sich unterschiedlich, je nach Zielgruppe. Besonders anfällig sind Menschen, die bereits ein geringes Vertrauen in demokratische Institutionen und etablierte Medien haben. In diesen Gruppen können russische Desinformationskampagnen eine bereits vorhandene Demokratieskepsis weiter verstärken. Wichtig zu verstehen ist: Diese Kampagnen sind langfristig angelegt. Es geht nicht darum, dass jemand eine einzelne Falschbehauptung glaubt. Es geht darum, dass über Jahre hinweg dieselben übergeordneten Narrative immer wieder wiederholt werden – die Bundesregierung sei korrupt, die Ukraine-Hilfe falsch – und in bestimmten Zielgruppen verfestigt sich das.
Ist das, was Sie beschreiben, eigentlich schon ein hybrider Krieg?
Informationsmanipulation und Desinformation werden von Russland als Teil der hybriden Kriegsführung gegen den Westen verstanden. Mit Desinformationskampagnen, aber auch mit anderen Mitteln wie Sabotage versucht Russland systematisch, demokratische Länder zu schwächen.
Nimmt Deutschland diese Bedrohung ernst genug? Was kann die Politik dagegen tun?
Das Problem wird in Deutschland immer ernster genommen. Die Bundesregierung hat „Storm 1516“ öffentlich als russische Operation enttarnt und den russischen Botschafter einbestellt. Das sind Zeichen, dass ein Bewusstsein für das Problem vorhanden ist und dass dagegen gekämpft wird. Aber es braucht ein besseres Lagebild über hybride Bedrohungen und eine stärkere Koordination zwischen den zuständigen Behörden auf Bundes- und Landesebene. Außerdem müssen Social-Media-Plattformen ihren Verpflichtungen unter dem Digital Services Act (EU-Verordnung, die Online-Plattformen verpflichtet, härter gegen illegale Inhalte, Desinformation und Hassrede vorzugehen – Anm. d. Red.) nachkommen und Netzwerke für koordinierte Desinformation aktiv zerschlagen. Und langfristig braucht es nachhaltige Unterstützung für Medienkompetenz-Programme und starke, unabhängige Medien, denen Menschen vertrauen können.
Was würden Sie Social-Media-Nutzern raten, wenn sie das nächste Mal einen empörten Post über verschwendete Steuergelder im Ausland sehen?
Kurz nachdenken, bevor man etwas teilt. Woher kommt diese Information? Wenn ein Video das Logo eines bekannten Mediums trägt, lohnt es sich zu prüfen, ob dieser Beitrag tatsächlich auf der Seite dieses Mediums erschienen ist – russische Desinformationskampagnen ahmen regelmäßig Logos und Websites etablierter Medien nach. Gerade bei Schlagzeilen oder kurzen Videos, die sehr emotional aufladen und empören, sollte man einen Moment nachdenken: Stimmt das wirklich? Und wo kann ich das überprüfen?
Mit Julia Smirnova sprach Uladzimir Zhyhachou.
Source: n-tv.de