EWI-Energietagung: „Strom ist Macht“

Die Energiewende gerät zunehmend unter Druck – aber nicht wegen fehlender Technologien, sondern vor allem aufgrund der mangelnden Kosteneffizienz. Dieser Eindruck zog sich am Donnerstag und Freitag durch die gut besuchte EWI-Energietagung in Köln, veranstaltet vom Energiewirtschaftlichen Institut (EWI) in Zusammenarbeit mit der F.A.Z. Schließlich sind die Ausgaben für das Stromsystem seit dem Jahr 2018 preisbereinigt um acht Prozent im Jahr gestiegen, wie aus einer neuen EWI-Analyse hervorgeht.
Was den Verlauf der Energiewende angeht, übte sich Direktor Marc Oliver Bettzüge auch in Selbstkritik: Er gab zu, die Realität sei „eine andere als die, die wir uns in den Klimaneutralitätsszenarien vorgestellt haben“. Das EWI hatte vor ein paar Jahren eine der fünf großen Studien erstellt, die in der Fachwelt immer wieder herangezogen werden, wenn es darum geht, wie Pfade der Dekarbonisierung bis zur angestrebten Klimaneutralität 2045 aussehen könnten. Bettzüge führte das vor allem darauf zurück, dass in den Studien exogene Annahmen zum Verhalten von Industrie und Haushalten getroffen worden seien. Doch die Annahme, dass die deutsche Industriestruktur bis zum Jahr 2045 im Wesentlichen gleich bleibe, habe sich als falsch herausgestellt.
In der Realität könnten Industrie und Haushalte sehr wohl ihre Nachfrage nach Energie einschränken, etwa indem sie weniger produzieren, weniger heizen oder weniger Auto fahren. Das heiße auch: Wenn der CO2-Preis – wie politisch gewünscht – steige, werde nicht in klimaneutrale Alternativen investiert, sondern die Aktivität reduziert. Zwar sei der CO2-Preis grundsätzlich kosteneffizient. Aber die kosteneffiziente Antwort der Industrie in einer offenen Volkswirtschaft sei dann eben ein Rückgang der Nachfrage nach Energie („demand destruction“), indem sie weniger produziere oder gleich ganz abwandere.
BDI stellt Klimaziel 2050 in Frage
Ihre Vertreter zeichneten dann auch ein düsteres Bild der Lage auf dem Podium, welches von F.A.Z.-Herausgeber Gerald Braunberger moderiert wurde. Ineos -Manager Stephan Müller zeigte sich „entsetzt, in welche Situation wir uns als Land gebracht haben. Wir exportieren Arbeitsplätze, Wertschöpfung und CO2-Emissionen“, sagte der Vertreter des Chemieunternehmens. Holger Lösch, Vizechef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), zweifelte gar das europäische Klimaziel 2050 an – 100 Prozent Minderung gegenüber 1990 – und plädierte für mehr Realismus in der Klimapolitik.
Dabei ist die energieintensive Industrie heute schon von sehr vielen Abgaben und Umlagen befreit, zahlt also deutlich weniger für Strom als private Haushalte. „Die Strompreise der Industrie werden derzeit durch eine staatsschuldenfinanzierte Reduzierung von Abgaben und Umlagen im Zaum gehalten“, diagnostizierte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Dies könne aber keine Dauerlösung sein. Sie brachte abermals eine Teilung der gesamtdeutschen Strompreiszone ins Spiel, um die Energiewende insgesamt günstiger zu gestalten – auch wenn Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) Überlegungen in diese Richtung kurz vor Weihnachten endgültig eine Absage erteilt hatte.
Grimm und auch Hendrik-Sebastian Schmitz von der Monopolkommission pochen jedoch weiter auf stärker regionalisierte Preise im Großhandel. Sie müssten verlässliche Knappheiten widerspiegeln und so Betriebs- und Investitionsanreize auslösen, um die Systemkosten insgesamt zu senken. In Teilen werde Fortschritt jedoch auch durch Regulierung behindert, sagte Grimm. Beste Beispiele seien das Energieeffizienzgesetz sowie der Wasserstoffhochlauf.
„Strom ist Macht“
Eindrucksvoll war der Vergleich, den Bettzüge mit der Entwicklung in China zog. Zwischen der dortigen und der hiesigen Entwicklungsdynamik des Stromsystems lägen „Welten“. Der Stromanteil am Endenergieverbrauch im Reich der Mitte betrage mittlerweile 30 Prozent, während er in Deutschland seit 30 Jahren bei 20 Prozent verharre. „China scheint erkannt zu haben: ‚Power is power‘“, so Bettzüge, auf Deutsch: „Strom ist Macht.“ Ein starker Stromsektor sei die Grundlage für eine leistungsfähige Industrie, für eine erfolgreiche Digitalisierung sowie für die Verringerung von Erdölimporten. Das Land habe in den vergangenen 20 Jahren dreimal das europäische Energiesystem nachgebaut – allerdings nicht nur mit dem Ausbau von Wind und Solar, sondern auch mit neuen Kohlekraftwerken.
Die Einigung der Bundesregierung mit der EU-Kommission auf Eckpunkte der Kraftwerksstrategie wurde von vielen in der Branche begrüßt – auch wenn erst einmal „nur“ zwölf Gigawatt Kapazität ausgeschrieben werden sollen, die großteils als Gaskraftwerke realisiert werden sollen. „Wichtig ist, dass wir jetzt endlich mal anfangen und nicht weiter davon träumen, dass wir 20 Gigawatt auf einmal schaffen“, sagte etwa der Vorstandsvorsitzende des Netzbetreibers Amprion. Zumal gar nicht genügend Komponenten gleichzeitig verfügbar seien: „Wenn Sie jetzt zu Hitachi und Siemens gehen und Gaskraftwerke haben wollen, werden Sie ausgelacht.“