European Space Ventures: „Bodenschätze gen dem Mond sind ein großes Thema“

Als der Vater von Kevin McGowan den ersten Fernseher für die Familie kaufte, weckte er eine Leidenschaft, die McGowan bis heute nicht losgelassen hat. Das Gerät wurde 1969 angeschafft, um daheim im Wohnzimmer Bilder von der Apollo-11-Mission, der ersten Mondlandung von US-Astronauten, sehen zu können. Heute sieht sich McGowan selbst als Pionier für Raumfahrtthemen. Zum Mond will er selbst nicht, er hat sehr irdische Pläne für Finanzierungen, damit auch heranwachsende europäische Unternehmen möglichst viel im All machen können.

„Kapital ist der Treibstoff, um Europa in der Raumfahrt nach vorn zu bringen“, sagt der Aufsichtsratschef von European Space Ventures : „Bislang sind wir mit privaten Entwicklungen in der Raumfahrt langsamer. Das liegt nicht an fehlenden Ideen. Der Zugang zu Kapital ist schwieriger.“ Zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden Simon Drake lenkt er das Unternehmen, das von Frankfurt aus Investoren und Entwickler zusammenbringen soll.

Drakes Kontakt zur Raumfahrt hatte mit erschütternden Bildern begonnen. Als Kind sah er am Fernseher, wie 1986 das US-Spaceshuttle Challenger kurz nach dem Start explodierte. Doch Touren im wenig bevölkerten Binnenland Aus­traliens, seiner Heimat, stärkten den Gedanken, dass man dort ohne Raumfahrt und ohne satellitengestützte Navigation ziemlich verloren sein kann. Und dieses Gefühl soll bei lohnenden Konzepten fürs All verhindert werden.

„Tal des Todes“ auf dem Finanzierungsmarkt

„Zwischen jungen Start-ups und größeren Unternehmen gibt es auf dem Finanzierungsmarkt eine Art Tal des Todes“, sagt Drake: „Die einen finden für den Start Wagniskapitalgeber, die größeren können sich über den Kapitalmarkt finanzieren. Wir stoßen in die Lücke dazwischen.“ Die europäische Weltraumorganisation ESA ist zwar gerade von ihren Mitgliedstaaten für die Jahre 2026 bis 2028 mit einem Rekordbudget von 22,3 Milliarden Euro ausgestattet worden. Davon werden auch private Auftragnehmer profitieren.

Und die Europäische Investitionsbank (EIB) hat ein Förderprogramm aufgelegt, um Risiken zu teilen und mit Kreditlinien und Garantien Geschäftsbanken in der Raumfahrtfinanzierung für kleinere und mittlere Unternehmen zu begleiten. Das Volumen ist aber mit angestrebten 1,4 Milliarden Euro begrenzt. Finanzlücken sehen Drake und McGowan weiterhin.

Um Entwickler, die das Gelingen ihrer Vorhaben herbeisehnen, und Investoren, die nicht nur Schlagzeilen, sondern auch eine lohnende Rendite wünschen, zusammenzubringen, ist aus Sicht von Drake und McGowan die Auswahl der Projekte zen­tral. Im Rahmen der sogenannten New-Space-Bewegung haben sich zahlreiche Unternehmen aufgemacht, Trägerraketen oder Module, die auch in der bemannten Raumfahrt nutzbar sein sollen, zu entwickeln. Sie eint das Ziel, den Weg ins All kostengünstiger, effizienter und vor allem reaktionsschneller zu gestalten.

Die nächste Generation der Raumfahrtthemen

Mitunter treffen McGowan und Drake aber auch auf visionsreiche Gründer, die bloß davon sinnieren, einmal so wie Elon Musk und dessen Unternehmen Space X werden zu wollen. Das genügt ihnen nicht. „Aktuell denken bei Raumfahrt viele an Satelliten, vor allem solche für Kommunikationsdienste in niedrigeren Erdumlaufbahnen“, sagt Drake: „Aber das Starlink -Vorhaben ist umgesetzt. Und neue Anbieter könnten für ein europäisches Pendant nicht aus dem Stand Satelliten liefern.“

Der Fokus von European Space Ventures gilt der „nächsten Generation der Raumfahrtthemen“, sagt er: „Bodenschätze auf dem Mond scheinen uns ein großes Thema zu sein.“ Die geplanten Missionen der USA konzentrierten sich auf den Südpol des Mondes. Es wird vermutet, dass sich im Schatten von Kratern, die von Sonnenstrahlen nicht erreicht werden, Wasservorkommen befinden könnten.

„Es gibt gegenwärtig große Bemühungen, die vorhandenen Wasservorkommen zu erforschen und zu erschließen, um dieses für die Umwandlung in Treibstoff und Lebenserhaltung auf dem Mond einzusetzen“, erklärt Drake. „Langfristig dürften aber die anderen Ressourcen auf dem Mond noch wertvoller sein.“ Es geht um Aluminium, Eisen, Titan, Silizium, Magnesium aus dem Erdtrabanten.

Eine Datenbank über den Mond

Doch wo die Vorkommen liegen und wo Missionen landen müssen, um sie zu nutzen, ist Gegenstand der laufenden Frühphasenerkundung. „Ressourcen auf der Erde sind begrenzt, die Informationen über Bodenschätze auf dem Mond sind wenig systematisiert. Wir haben begonnen, eine Datenbank aufzubauen, um diese Ressourcen zu erfassen und zu registrieren“, sagt McGowan. Erstes Ergebnis ist das Lunar Resources Registry, eine Sammlung von Angaben über Ziele bisheriger und künftiger Missionen zum Mond sowie der von den Initiatoren aus verschiedenen Staaten gewonnenen Erkenntnisse.

Diese sollen vermarktbare und für künftige von potentiellen Investoren begleitete Vorhaben wertvolle Informationen liefern. Die Daten gibt es in digitalen Listen und als Wandkarte. „Die große Zukunftsfrage ist: Wo befinden sich dort die hochwertigen Materialien?“, sagt McGowan. Es gilt, Gebiete von Ressourcen mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Dollar zu finden. Zur Erde sollen die Stoffe nicht alle befördert werden, sie könnten für das Schaffen von Infrastruktur auf dem Mond und im übrigen All nützlich sein.

„Wir tragen die Visionen aus der New-Space-Welle in den Kapitalmarkt hinein und stoßen damit zunehmend auf Aufmerksamkeit“, sagt McGowan: „Das ist wichtig, denn das Geld muss jetzt investiert werden, auch wenn eine mögliche Nutzung von Bodenschätzen auf dem Mond wohl noch zehn bis zwanzig Jahre in der Zukunft liegt.“

Wenn das Datenzentrum ins All verlagert wird

Für Investoren ist das eine lange Zeit, für die Raumfahrt insgesamt eher nicht. „Im New-Space-Segment sind die Geschäftsentwicklungszyklen wesentlich länger als in anderen Branchen“, sagt McGowan: „Der Abstand zwischen der Investorensuche am Beginn eines Vorhabens und dem Zeitpunkt, zu dem fertige Produkte geliefert werden, ist größer. Deshalb ist Expertise in der Raumfahrt für die Auswahl von Projekten wichtig.“

Schneller als auf dem Mond könnte es laut Drake mit einem anderen von ihm in den Blick genommenen Konzept vorangehen, mit Datenzentren im All. „Datensicherheit ist ein Megatrend, die wird auch in Verteidigungsfragen wichtiger“, sagt er: „Ein Zukunftslösung können sogenannte ‚space-based data centers‘ werden.“ Das Konzept erklärt er so: „Rechenleistungen würden am Satelliten erbracht, die zwischen Erde und Satelliten zu transferierende Datenmenge wäre viel geringer, was die Sicherheit erhöht.“ Schließlich sind Übertragungswege ein Angriffspunkt.

Wegen des geringeren Austausches könnten All-Datenzentren zudem in größerer Höhe arbeiten, die größere Übertragungsdauer zur Erde fiele weniger ins Gewicht. Im Gegenzug würden jedoch nicht noch mehr Satelliten in den ohnehin mit Tausenden Objekten und Trümmern früherer Missionen gefüllten niedrigeren Weltraum gebracht, was Kollisionsrisiken verringert.

Konzepte von Unternehmen identifizieren, Argumente für Investoren finden – bei European Space Ventures geht es viel um Anlagechancen, aber nicht nur. „Wir müssen heute für unsere Enkel in den Weltraum investieren. Wenn wir in Europa das nicht angehen, was sollen unsere Enkel dann machen, wenn die USA und China diese Themen besetzt haben?“, fragt Drake.