Europas KI-Bemühungen: Die Lehren aus Aleph Alpha

Jetzt ist auch noch das Aushängeschild der deutschen Bemühungen um die Künstliche Intelligenz (KI) weg: Mitgründer Jonas Andrulis verlässt das KI-Start-up Aleph Alpha, das einmal mit dem Versprechen einer europäischen Alternative zu den KI-Modellen des ChatGPT-Entwicklers Open AI angetreten war. Daraus ist nichts geworden, auf Dauer hat Aleph Alpha nicht mit dem rasanten Entwicklungstempo in Kalifornien mithalten können. Längst hat sich das Start-up darauf fokussiert, eine Art Betriebssystem für alle möglichen KI-Modelle und branchen­spezifische Anwendungen zu entwickeln.

In vielen deutschen Chefetagen haben sich auch deshalb folgende Meinungen durchgesetzt: Erstens: Europa hat das Rennen um die Grundlagen-KI längst verloren. Zweitens: Die europäische Wirtschaft solle sich stattdessen lieber auf KI-Anwendungen in der Industrie und das Entwickeln neuer Produkte und Geschäftsmodelle auf Basis der amerikanischen KI fokussieren.

An Punkt zwei ist wenig auszusetzen. Tatsächlich bietet die Kombination aus den Datenschätzen deutscher Konzerne und Mittelständler, ihrem detaillierten Branchenwissen und der KI von Google, Open AI und Co. große Wertschöpfungspotentiale. Aus Punkt eins spricht aber eine Ambitionslosigkeit, die nicht den Ansprüchen gerecht wird, die Europa angesichts der geopolitischen Lage und einem der wichtigsten technologischen Durchbrüche der vergangenen Jahrzehnte stellen sollte. Mit Tech-Konzernen KI-Anwendungen entwickeln oder an eigenen Modellen arbeiten? Man kann das Eine tun, ohne das andere zu lassen.

Dampfmaschinen aus Amerika?

Richtig bleibt die Ambition, mit der Aleph Alpha einst angetreten ist: Europa braucht wettbewerbsfähige eigene KI-Grundlagenmodelle. Es spricht einiges dafür, dass KI die Grundlagentechnologie der Zukunft ist, eine Art Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts. Wie Europa heute wohl aussähe, wenn es von Dampfmaschinen aus Amerika abhängig gewesen wäre?

Einige wenige amerikanische Konzerne können in Zukunft womöglich ihre Preise derart gestalten, dass sie die Margen deutscher Weltmarktführer auffressen. Letzten Endes könnten die Tech-Konzerne über ihre ­Algorithmen die Produktivitätsfortschritte in ganz Europa kon­trollieren. Was, wenn ein amerikanischer Präsident digitale Exportkon­trollen verhängt? Wenn die fortschrittlichste KI amerikanischen Unternehmen vorbehalten bleibt und die Europäer mit veralteten Modellen arbeiten müssen? Es wird schnell existenziell, wenn man sich vor Augen führt, wie stark KI künftig auch in Verteidigungstechnik integriert sein wird. Derartige Worst-Case-Szenarien müssen nicht eintreten. Erpressbar macht sich Europa aber in jedem Falle.

Eigene KI-Modelle auf dem neuesten Stand der Technik sind strategisch von hoher Bedeutung. Aber der grundlegende Ansatz hinter dem Versuch Aleph Alphas hat sich als nicht zielführend herausgestellt. In Heidelberg hat man zumindest im Grundsatz versucht, mit einem Bruchteil der Ressourcen das nachzubauen, was die amerikanischen Branchenführer mit Milliardeninvestitionen auf die Beine gestellt haben. Letzten Endes gilt das auf höherem Niveau auch für das französische Mistral, dessen KI konkurrenzfähig ist, aber nicht in der Champions League mitspielt.

Kluge Köpfe gibt es in Europa

Schon die Gegebenheiten des europäischen Kapitalmarkts machen es unrealistisch, den gigantischen Vorsprung der Amerikaner und Chinesen mit Geld zuzuschütten. Und in einem Punkt haben die Pessimisten wohl recht: Es ist unwahrscheinlich, dass ein europäisches Unternehmen in den nächsten zehn Jahren auf die gleiche Art und Weise wie Open AI oder Google den Anschluss schafft.

Auf eigene Durchbrüche setzen, statt amerikanische Technik nachzubauen – das sollte deshalb die Devise sein. Die klugen Köpfe dafür gibt es in Europa. Es ist eine Wette darauf, dass die aktuelle Architektur der KI-Modelle irgendwann an Grenzen stößt. Diese Frage wird unter Fachleuten kontrovers diskutiert, mit guten Argumenten für beide Seiten. Es kann trotzdem Europas Chance sein, in der KI-Entwicklung nicht nur aufzuschließen, sondern zum Marktführer zu werden – so wie einige chinesische Autohersteller die Verbrennertechnik übersprungen und sofort aufs E-Auto gesetzt haben.

All das ist zugegeben leichter gesagt als getan, keine schnelle Lösung und vor allem keine mit Erfolgsgarantie. Einfach weitermachen wie bisher hilft aber auch nicht. In Europas KI-Szene gibt es Ideen. Vielleicht kann ja sogar Aleph Alpha unter neuer Führung eine Rolle spielen.