Europäischer Chiphersteller NXP erfreut die Börse

Kurt Sievers kommt rasch zum Punkt: „Wir sind froh, dass es den Chips Act gibt.“ Noch ist das Rahmenwerk der EU zur mittelfristigen Förderung der Halbleiterindustrie in Europa nicht verabschiedet, doch der Vorstandsvorsitzende des Chipherstellers NXP Semiconductors zeigt sich zuversichtlich, dass sein Unternehmen wie auch die gesamte hiesige Branche davon gewaltig profitieren wird.

Während der im niederländischen Eindhoven registrierte, von Hamburg aus geführte und an der New Yorker Technologiebörse gelistete Konzern das dritte Quartal über alle Sparten hinweg gerade mit prozentual zweistelligen Zuwächsen abschloss, werde ein noch steileres Wachstum durch Engpässe in der Fertigung ausgebremst. „Unsere Anlagen sind zu 99 Prozent ausgelastet“, sagt Sievers im F.A.Z.-Gespräch. Und ein Ende sei nicht in Sicht.

An der Börse kam das jüngste Zahlenwerk gut an. Der Kurs der Aktie stieg um knapp 4 Prozent auf 152 Dollar. Zuvor hatten große Chiphersteller wie Samsung, Intel oder Hynix Signale ausgesandt, dass die coronabedingte Sonderkonjunktur der Halbleiterindustrie dem Ende zulaufen könnte. Sind doch die Verkäufe von PCs, Laptops, Heimelektronik und teilweise auch Smartphones stagnierend oder gar rückläufig gewesen. Daraufhin waren an den großen Börsen der Welt die Kurse vieler Halbleiterhersteller regelrecht eingebrochen.

NXP sendet nun etwas andere Signale aus. Das Unternehmen ist neben Infineon sowie ST Microelectronics einer der drei großen Halbleiterhersteller mit Hauptsitz in Europa. Während amerikanische und asiatische Konkurrenten sich auf die Herstellung von Speicherchips und Prozessoren für Konsumprodukte wie PCs oder Smartphones konzentrieren, sind die europäischen Halbleiterhersteller auf Chips für Industriekunden wie etwa den Auto- und Maschinenbau spezialisiert.

Durch diese Spezialisierung sind sie am Umsatz gemessen allerdings oft viel kleiner als viele der Konkurrenten in Übersee. So sind Europas drei führende Chipkonzerne zusammen lediglich halb so groß wie der Marktführer Samsung. Allerdings sind die Europäer aufgrund der nach wie vor hohen Halbleiter-Nachfrage in der Industrie nicht minder profitabel.

Industriekunden in Kauflaune

Rund 40 Prozent aller NXP-Chips kommen derzeit aus hauseigenen Fabriken, 60 Prozent von Partnern, die im Auftrag fertigen. Da die Autoindustrie immer mehr Halbleiterbausteine für ihre neuesten Fahrzeuggenerationen wie Hybrids oder E-Autos kauft, dürfte sich nach den Worten Sievers an der hohen Nachfrage vorerst nichts ändern. Selbst wenn die Verkäufe von Autos rezessionsbedingt leicht fielen, würden jenseits der klassischen Konsumentenbranchen am Ende des Tages und wohl noch über Jahre hinweg seitens der Industriekunden mehr Chips nachgefragt.

Eine Leiterplatte mit einem NXP-Chip : Bild: dpa

Allein in der Sparte für Autochips erlöste NXP im dritten Quartal mit 1,8 Milliarden Euro 24 Prozent mehr als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Das Umsatz mit Industriechips stiegen 17 Prozent auf 713 Millionen Euro. Die Mobilsparte und das Infrastrukturgeschäft legten 19 und 14 Prozent zu. Für 2022 geht Sievers von einem Konzernwachstum von knapp 20 Prozent aus. „Wir wollten dieses Jahr eigentlich 10 Prozent des Gesamtumsatzes investieren, deutlich mehr als im Mittel der vergangenen Jahre“, sagt er. Doch NXP werde sich wohl mit 8 Prozent begnügen müssen, da die entsprechenden Maschinen und Anlagen aufgrund hoher Nachfrage und der Engpässe bei den Ausrüstern einfach nicht verfügbar seien.

Kurt Sievers, Vorstandsvorsitzender von NXP Semiconductors : Bild: Unternehmen

Durch die industriepolitischen Rahmenwerke in Europa und Amerika hat die kapitalintensive Halbleiterindustrie beiderseits des Atlantiks für die kommenden Jahre bereits Investitionen im dreistelligen Milliardenbereich angekündigt. „Wir begrüßen diese Politik ausdrücklich“, sagt der NXP-Chef. Denn die Chipindustrie sei eine Schlüsselbranche der modernen Wirtschaft. Darüber hinaus verlange die sich verändernde geopolitische Weltlage mehr Widerstandsfähigkeit in den Lieferketten. Daher sei es wichtig und richtig, dass der Chipbranche im Westen wieder mehr auf die Sprünge geholfen werde.

Neue Marktmacht

Vor dem Hintergrund der Chip Acts werde auch NXP seine Kapazitäten erweitern; sowohl die eigenen, wie auch die der Partner. Bislang betreibe das Unternehmen direkt drei Fabriken in Amerika und eine in Europa. Darüber hinaus arbeiten es eng mit Auftragsfertigern zusammen. Diese Kooperation werde in den kommenden Jahren aufgrund der wohl anhaltend hohen Chipnachfrage der Kunden in der Industrie wie Auto- und Maschinenbau ausgebaut.

Die auch Foundries genannten Auftragsfertiger spielen in der Chipbranche mittlerweile eine Schlüsselrolle. Beherrschen sie doch die komplizierten Prozesse der Massenproduktion von Halbleitern aus dem Effeff. So fertigen sie Chips wie die in den iPhones von Apple oder den Computern von HP quasi maßgeschneidert und auf Bestellung. Die größten Auftragsfertiger der Welt sind die taiwanische TSMC – und die koreanische Samsung-Gruppe. Beide ziehen derzeit riesige Fabriken in den USA hoch.

Zumindest TSMC blickt bei seiner globalen Expansion auch auf mögliche Standorte in Europa. Im Rennen um eine solche Investition soll dem Vernehmen nach Dresden, Europas bislang größter Halbleiterstandort, gute Karten haben. NXP, die 2006 aus der Halbleitersparte von Philips hervorgegangen war, stand über ihre Ursprungsgesellschaft quasi an der Wiege der 1988 gegründeten TSMC.