europäische lieferketten: Warum Sprengstoff bevorstehend aus Schweden kommt

Noch liegt das Waldstück unberührt da. Doch wenn alles nach Plan läuft, werden die Bäume dort schon bald Baggern und Kränen weichen. Mitten in Schweden, nordöstlich von Karlskoga, will der Unternehmer Joakim Sjöblom eine Fa­brik für die Produktion von TNT hochziehen. Die Region um Karlskoga ist nicht irgendein Ort: Dort hatte schon Dynamit-Erfinder Alfred Nobel seine Residenz und Fabrik, dort produziert Skandinaviens wichtigster Rüstungskonzern Saab im großen Stil Munition und das schwedische Pendant zur Panzerfaust.

TNT ist eine Schlüsselkomponente für die Herstellung von Munition, doch Europa ist wesentlich von Importen aus Asien abhängig. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden die meisten Produktionsstätten geschlossen. Lediglich eine Fabrik gibt es heute noch in Europa, die TNT nach NATO-Norm herstellt, nämlich in Polen. Schätzungsweise 12.000 Tonnen kann sie produzieren, verkauft allerdings rund die Hälfte davon ins Ausland. Was bleibt, deckt gerade einen Bruchteil des europäischen Bedarfs. Allein durch die geplante Produktionsmenge von bis zu zwei Millionen 155-mm-Artilleriegeschossen liegt der europäische Bedarf bei 20.000 Tonnen.

Unternehmer Joakim Sjöblom, 35

Die Kapazitäten von Sjöbloms Unternehmen Swebal würden für ein knappes Viertel davon reichen. Auch in Finnland und Griechenland sind Fabriken in Planung. „Wir müssen in Europa unabhängiger werden und für unsere eigene Sicherheit sorgen können“, sagt Sjöblom. Die Rohstoffe für seine Fabrik will er im Radius von 550 Kilometern beschaffen. Die Rohstoffe sind nicht schwierig zu bekommen, es ist die hochgiftige und gefährliche Herstellung, die das Unterfangen komplex macht.

Die Auflagen für den Bau einer Sprengstoff-Fabrik sind hoch. Der politische Wille sei da, aber die bürokratischen Prozesse seien noch nicht an die neue Realität angepasst, sagt Sjöblom. „Wir tragen Verantwortung für die Umwelt, aber wir müssen uns gegen Russland behaupten – und die spielen nach anderen Regeln.“ Seit Dezember ist klar: Swebal erfüllt die umweltrechtlichen Auflagen. Am Mittwoch wird über die Baugenehmigung für Sjöbloms Fabrik entschieden. In der zweiten Hälfte dieses Jahres soll mit dem Bau begonnen werden.

Fintech an Mastercard verkauft

Einen militärischen Hintergrund hat Joakim Sjöblom nicht. Seine Motivation sei es, seine beiden Kinder in Frieden aufwachsen zu sehen. Er ist als Gründer eines Fintechs zu Geld gekommen, das er 2024 an Mastercard verkauft hat. Eine siebenstellige Summe aus dem Erlös habe er in Swebal gesteckt. Auch die anderen Investoren sind bisher ausschließlich schwedisch. Unter ihnen ist etwa Thomas von Koch, einer der Gründer der Private-Equity-Firma EQT. Fünf Millionen Euro hat Sjöblom bereits eingesammelt, einen Teil davon haben die Genehmigungsprozesse verschlungen.

Den Bau der Fabrik beziffert Sjöblom auf umgerechnet 90 Millionen Euro. Die Geldgeber müssen europäisch sein, betont Sjöblom – und öffnet den großen Konzernen die Tür. „Wir hätten sehr gerne einen strategischen Investor wie etwa Diehl, Saab oder Rheinmetall.“