Europa fährt Nachtzug – Deutschland bleibt hinauf dieser Strecke
Nachtzug-Betreiber meiden lieber Deutschland. Ewige Baustellen, hohe Schienenmaut, ständige Ausfälle. Doch mehrere neue Nachtzüge starten dennoch, weil die Nachfrage bei Bahnreisenden nach Schlafwagen riesig ist.
Zur Abenddämmerung einsteigen, Augen zu und im Morgengrauen ankommen, das klingt entspannt und ausgeschlafen. Gut 60 Nachtzüge mit Liege- und Schlafabteilen fahren derzeit kreuz und quer durch Europa. Von Nord nach Süd, von Ost nach West sind sie auf dem Kontinent unterwegs, leider aber oft unter Umgehung Deutschlands.
Das ist paradox: Gerade Urlauber hierzulande sind eigentlich besonders große Schlafwagen-Fans. Das zeigt die aktuellste repräsentative Umfrage über Nachtzüge in Europa, erstellt vom französischen Marktforschungsunternehmen Opinionway im Herbst 2025. Demnach haben 31 Prozent der befragten Deutschen in den vergangenen sechs Jahren einen oder mehrere Nachtzüge als Verkehrsmittel genutzt, 83 Prozent der Befragten würden es gern künftig erstmals oder wieder tun, sofern es denn genug Nachtzüge in Deutschland gäbe.
Doch genau daran hapert es beim Standort Deutschland: Während viele Länder wie Frankreich, Polen, Tschechien und vor allem Österreich ihr staatliches Nachtzug-Angebot pflegen und ausbauen, hat sich die Deutsche Bahn bekanntermaßen vor zehn Jahren von ihrem beliebten Nachtgeschwader verabschiedet. Zu unrentabel, zu aufwändig.
Mit Kusshand übernahmen die Österreicher die verschmähte Nachtzugflotte aus Deutschland. Heute sind die ÖBB, die Österreichischen Bundesbahnen, der Marktführer im europäischen Nachtzugnetz.
Sie betreiben inzwischen 24 internationale Strecken. Die Zahl ihrer Nachtpassagiere soll sich mit noch mehr europäischen Städte-Verbindungen bis 2030 von 1,5 Millionen auf drei Millionen pro Jahr verdoppeln – allerdings kaum in Deutschland.
Stattdessen müssen die Österreicher ihr Angebot mit deutschen Zielen sukzessive abbauen. So wurde die beliebte Verbindung Brüssel–Berlin 2025 gestrichen. Die nachvollziehbare Begründung der ÖBB: Die Gleisbauarbeiten im deutschen Netz seien zu einem „unberechenbaren Faktor“ geworden.
Unkalkulierbar: Deutsche Gleisbauarbeiten
Nachtzüge sind besonders betroffen: Weil viele Arbeiten nachts stattfinden, wenn weniger los ist. Dann drohen Verspätungen, Umleitungen und Totalausfälle.
Die ebenfalls populäre, von französischer Seite subventionierte Verbindung Paris–Berlin musste 2025 auch dran glauben, nachdem die Franzosen die Förderung haben auslaufen lassen. Immerhin bieten die ÖBB 2026 wieder Nachtzüge von München nach Rom und von Stuttgart nach Venedig an. Wie lange noch, ist fraglich.
Denn nicht nur unkalkulierbare nächtliche Baustellen, auch die Kosten für Gleis- und Bahnhofsnutzungen sind problematisch. Wer als Betreiber eines Nachtzugs durch Deutschland fährt, muss ordentlich an die Deutsche Bahn zahlen.
Diese jährlich neu verhandelte Trassengebühr, also die Schienenmaut für den Personenfernverkehr, zählt zu den höchsten in Europa. Sie liegt bei etwa neun bis zwölf Euro – und zwar pro gefahrenem Kilometer. Das summiert sich.
Nachtzug-Betreiber haben es nur in Deutschland besonders schwer. Doch mehrere neue Unternehmen wagen ein Revival, weil die Nachfrage bei Bahnreisenden hierzulande riesig ist – und es eigentlich viel Sinn macht, das Land zu queren statt zu umfahren auf dem Weg von Ost nach West oder Nord nach Süd durch Europa.
Der belgisch-niederländische private Bahnbetreiber European Sleeper jedenfalls, der bereits die Strecke Brüssel über Berlin und Dresden nach Prag anbietet, wagt sich 2026, allen Widrigkeiten zum Trotz, mit zwei neuen Nachtzugstrecken auf die deutschen Gleise: Am 27. März startet die Nachtzugverbindung zwischen Paris und Berlin, ab dem 13. Juli von Berlin über Hamburg-Harburg nach Paris. Und ab dem 9. September geht es von Brüssel nach Mailand, mit einem kurzen Schlenker für deutsche Italienfans: Sie dürfen in Aachen und Köln zusteigen.
Beliebt: Schlafend nach Schweden
Von Berlin mit dem populären Nachtzug nach Dänemark und Schweden? Diese beliebte Strecke ist vorerst gerettet: Die schwedische Staatsbahn SJ stellt zwar ihren erfolgreichen Nachtzug „SJ Euronight“ von Stockholm nach Hamburg und Berlin nach dem 31. August 2026 ein, aber es gibt zwei Alternativen.
Der Berlin-Night-Express des schwedischen privaten Eisenbahnunternehmens Snälltåget bedient weiter die Strecke Berlin–Hamburg–Kopenhagen–Malmö–Stockholm, vom 29. März bis 1. November, allerdings nicht täglich – und auch wegen Bauarbeiten auf der Strecke auch mal mit Bus-Ersatzverkehr. Übernachtet wird im Sechser-Liegewagen, der auch komplett gebucht werden kann.
Auch das Privatunternehmen RDC Deutschland, eine Tochter des US-Bahnkonzerns, wird nach Firmenangaben den Nightexpress von Berlin nach Stockholm „auch nach Auslaufen der Förderung im Sommer 2026 weiter betreiben“, wenn auch nicht mehr täglich.
Inzwischen gibt es mit Nightride auch ein Preisvergleichs-Portal für Nachtzüge in Europa, nightride.de, nach ADAC-Angaben eines eine der besten Suchmaschinen für diejenigen, die Liegewagen und Schlafwagen für eine Reise durch Europa suchen.
Source: welt.de