Euronext-Chef im Interview: „Wir können nimmer uff Merz und Macron warten“
Nein, ich hatte leider noch nicht die Gelegenheit, ihn zu treffen – obwohl ich es sehr gerne würde. Merz ist natürlich ein beschäftigter Mann. Aber das bekommen wir sicher noch hin.
Diese Vision ist ja nicht neu. Euronext ist im Jahr 2000 aus dem Zusammenschluss der Börsen in Paris, Amsterdam und Brüssel entstanden. Kurz darauf ist die portugiesische Börse dazugekommen. Dann Dublin und Oslo. Die italienische Börse haben wir auch gekauft – an der übrigens auch die Deutsche Börse interessiert war, aber den Wettbewerb haben wir gewonnen. Kürzlich haben wir die Börse in Athen übernommen. Der Börsenwert der bei uns gelisteten Firmen liegt bei 6,8 Billionen Euro. Das ist fast dreimal so viel wie der Aktienmarkt der Deutschen Börse in Frankfurt. Wir haben mit Euronext also bereits die größte Börse in Europa aufgebaut. Ist das genug? Nein. Wir müssen uns weiter zusammenschließen, um Kapital in Europa zu bündeln. Nur dann können wir mit den USA mithalten.
Konkret heißt das, dass Sie die Deutsche Börse übernehmen müssten oder umgekehrt.
Ehrlich gesagt ist das eine Frage, die Sie eher der Deutschen Börse stellen müssten. Denn Euronext ist per Definition ein Projekt, das offen für Zusammenschlüsse ist. Es gab sogar schon mal Gespräche über eine Fusion. Aber ich habe beobachtet, dass diese Diskussionen zu nichts geführt haben. Die Deutsche Börse möchte unabhängig bleiben, und gleichzeitig steht Euronext auch nicht zum Verkauf. Trotzdem gibt es viel, was wir gemeinsam anpacken können. Ich habe mich immer gut mit Theodor Weimer verstanden, dem früheren Chef der Deutschen Börse. Wir haben viel über gemeinsame Projekte gesprochen.
Eine gemeinsame europäische Börse würde auch Streit darüber verursachen, wo der Hauptsitz ist.
Diese Besessenheit vom Firmensitz ist ein überholtes Denkmuster. Schauen Sie doch mal auf die Weltlage: Wir leben in einer Zeit, in der US-Präsident Donald Trump Europa schwächen will. China verramscht in Europa all die Sachen, die es in den USA nicht mehr verkaufen kann. Wladimir Putin und Xi Jinping streben nach Macht. Da können wir uns diesen nostalgischen Stammes-Kleinkrieg um den Standort nicht mehr leisten. Bei Euronext haben wir das so gelöst, dass der rechtliche Sitz in Amsterdam ist, der operative in Paris – und wir haben einen italienischen Aufsichtsratvorsitzenden, es sind also viele Nationalitäten vertreten.
Vor einem Jahr haben Sie gesagt, Europa brauche einen Weckruf. Ist der Kontinent inzwischen aufgewacht?
In manchen Bereichen ist Europa aufgewacht, etwa bei der Verteidigung oder bei „Buy European“. In anderen Bereichen hat der Wecker geklingelt, aber wir wälzen uns noch im Bett und zögern den Moment des Aufstehens hinaus. Europas Führungspersönlichkeiten wie Macron und Merz halten Reden, Draghi schreibt Berichte. Aber trotzdem tut sich nicht genug. Warum? Weil die Privatwirtschaft dieses Projekt nicht zu ihrem eigenen gemacht hat. Wir brauchen mehr Interaktion zwischen Unternehmen in allen Sektoren, um gemeinsame Projekte aufzubauen – und nicht auf Vorgaben von oben zu warten. Wir können nicht länger darauf warten, dass das von Ursula von der Leyen, Friedrich Merz oder Emmanuel Macron kommt. Wir müssen es selbst geschehen lassen.
Aber zumindest den Rahmen dafür muss doch die Politik stecken. Etwa wenn es um die Kapitalmarktunion geht, ein europäisches Projekt, das allerdings sehr langsam vorangeht.
Aber wir haben doch mit Euronext bereits eine Kapitalmarktunion in der Realität geschaffen! Deshalb sage ich auch, dass die Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen sollen. Denn wir werden das Tempo der Europäischen Union nicht ändern können. Dieses föderale System basiert auf Kompromissen – wir respektieren jeden, wir hören einander zu. Das braucht Zeit. Geschwindigkeit wiederum können wir im privaten Sektor schaffen. Dieser soll die Kapitalmarkt- und Investitionsunion aufbauen, anstatt weiter zu warten.
Etwas Hoffnung täte Europa jedenfalls gut, auch mit Blick auf die Börsengänge. Davon gab es in den vergangenen Jahren wenig. Erwarten Sie, dass es besser wird?
Unsere Pipeline ist gut gefüllt, wir erwarten große Börsengänge, insbesondere im Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungssektor. So steht etwa der Börsengang der Rüstungsfirma KNDS an, das norwegische Unternehmen Kongsberg hat ebenfalls öffentlich gemacht, seine Schifffahrtssparte an die Börse zu bringen. Dazu kommen viele weitere kleinere Firmen aus diesem Sektor, die Eigenkapital aufnehmen müssen. Sie brauchen den schnellen Zugang zu Kapital, um ihre Fähigkeiten weiter auszubauen und um Tempo zu machen.
Zumindest auf dem Aktienmarkt schneidet Europa derzeit besser ab als die USA. Der Stoxx Europe 600 ist in den vergangenen sechs Monaten stärker gestiegen als der S&P 500.
Wenn man die Kursentwicklung in den USA und in Europa vergleicht, sind zwei Aspekte spannend. Erstens sollte man den amerikanischen Aktienmarkt einmal mit und einmal ohne die sogenannten „Magnificent Seven“ betrachten. Diese sieben amerikanischen Tech-Konzerne haben eine außergewöhnliche Preissetzungsmacht, etwa Apple mit dem iPhone oder Microsoft mit Windows und Outlook. Ohne diese Werte sieht die Entwicklung auf dem amerikanischen Aktienmarkt deutlich weniger beeindruckend aus. Zweitens: Die Investoren schauen mittlerweile anders auf Europa. Sie glauben, dass sich die USA zunehmend einem Umfeld annähern, wie man es eher aus Schwellenländern kennt. Die Anleger wollen ihr Risiko besser streuen, in Europa sehen sie günstige Chancen. Daher fließt Geld aus allen möglichen Regionen der Welt in den europäischen Aktienmarkt.
Sie kritisieren die Lage in den USA, aber als Börse profitieren Sie auch von den Schwankungen und davon, dass die Anleger viel handeln.
Ich beobachte die Volatilität, die die Trump-Regierung erzeugt hat, aber ich mag sie nicht. Sie ist ein Ergebnis von etwas, das beängstigend ist. Die Welt gerät aus den Fugen. Wir trauern um die Beziehung zu den USA, weil sich das Land verändert – etwa was die Rechtsstaatlichkeit betrifft, die Nähe der Herrschenden zu privaten Interessen, die Vermischung der Geldpolitik mit der politischen Agenda.
Sie veröffentlichen bald Ihre Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr. Verraten Sie uns schon was?
Wenn ich das täte, würde ich ins Gefängnis wandern. Schließlich sind wir ein börsennotiertes Unternehmen und unterliegen klaren Regeln. Was ich sagen kann, ist, dass ich zufrieden damit bin, wie sich Euronext in den vergangenen Jahren entwickelt hat.
Sie haben mit vielen Nationalitäten zu tun. Welche sind am aktienfreundlichsten?
Das ist schwierig zu sagen. Länder wie Italien, die Niederlande, Schweden und Frankreich haben sehr dynamische Aktienmärkte. In Deutschland ist die Situation etwas anders, was historisch begründet ist: Zwar hat das Land das höchste Bruttoinlandsprodukt Europas aufgebaut, doch ein entsprechend starker Aktienmarkt hat sich parallel dazu nicht entwickelt. Das liegt daran, dass sich die Firmen immer gut selbst finanzieren konnten und im Familienbesitz blieben. Lange Zeit gab es bei den Sparkassen und Landesbanken niedrigere Zinssätze als bei den kommerziellen Banken, wodurch Schulden günstig waren. Ein Börsengang wurde nicht als gewöhnlicher Finanzierungsweg wahrgenommen.
Herr Boujnah, Sie lesen jede Woche ein historisches Buch. Was lesen Sie gerade?
Das Buch heißt „Die Geschichte der Vierten Republik“, also des politischen Systems in Frankreich zwischen 1946 und 1958. Es gibt mehrere Bände, ich lese den ersten. In einem Kapitel geht es um die ersten europäischen Projekte. Nur wenige Jahre nach Kriegsende überlegte man, wie man eine gemeinsame europäische Verteidigung aufbauen kann. Dabei hatten die Menschen eine Zeit extremster Brutalität hinter sich. Der damalige Verteidigungsminister Pierre Montel hatte drei seiner fünf Kinder verloren, sie waren von den Nazis getötet worden. Doch diese Menschen hatten den Mut, ihre Frustration und ihre Vorurteile zu überwinden, und haben so die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl aufgebaut. Wer die Vision von „Nie wieder“ hat, tut großartige Dinge. Vielleicht ist es unsere Herausforderung, dieselbe Energie zu finden, die diese Männer damals hatten.
Source: faz.net