EU-Energiekommissar warnt: „Das Stromnetz ist ein leichtes Ziel“

Der Brandanschlag in Berlin hat Anfang Januar gezeigt: Saboteure können das deutsche Stromnetz leicht treffen. Auch die EU ist anfällig. Eine Serie mutmaßlicher Anschläge traf Unterseekabel in der Ostsee. Zudem nehmen Cyberangriffe auf das Stromnetz zu.

Der für Energie zuständige Kommissar Dan Jørgensen nennt es einen „Weckruf“ für die EU. „Wir müssen unsere Energieinfrastruktur besser gegen Cyber- und physische Angriffe schützen“, fordert er im Gespräch mit der F.A.Z. anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz. „Das Stromnetz ist ein leichtes Ziel. Wir waren naiv, umso dringender müssen wir jetzt handeln.“

„Ohne Energiesicherheit gibt es keine Sicherheit“, warnt der Däne. „Vielen ist gar nicht klar, wie verwundbar wir sind.“ Jørgensen sieht vor allem die Mitgliedstaaten in der Pflicht. „Sie müssen den Schutz der Infrastruktur schon in der Planungsphase der Netze mitdenken“, sagt er. Für EU-Fördermittel soll das künftig Bedingung sein. „Im nächsten mehrjährigen EU-Haushalt wollen wir 30 Milliarden Euro in den Ausbau der europäischen Netze stecken. Die zahlen wir nur aus, wenn die Staaten sie ausreichend schützen. Das wird eine Bedingung für die Fördermittel.“ Erfüllen könnten die Staaten das etwa, indem sie für wichtige Verbindungen an anderer Stelle parallele Verbindungen bauen.

Um Trump milde zu stimmen, kauft die EU immer mehr LNG aus den USA

Entscheidend für die Energiesicherheit ist aus Sicht von Jørgensen zudem die Suche nach anderen Anbietern für fossile Brennstoffe. „Wir dürfen nie wieder zu abhängig von einem Land werden, das von heute auf morgen zum Feind werden kann“, betont er. Es sei beeindruckend, wie die EU es geschafft habe, ihre Energieversorgung nach dem russischen Angriff auf die Ukraine umzustellen. Dennoch habe die EU mehr Geld an Moskau für fossile Brennstoffe überwiesen, als sie der Ukraine an Hilfen gezahlt habe.

Die EU hat Gas aus Russland zu einem großen Teil durch verflüssigtes Gas (LNG) aus den USA ersetzt. Das begann schon vor der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump und vor dem Handelskonflikt im vergangenen Jahr. Um Trump milde zu stimmen, kauft die EU immer mehr LNG aus den USA. Schon 2025 stammte 57 Prozent der stark gestiegenen LNG-Einfuhr von dort. 2030 könnten es nach Schätzungen des „Institute for Energy Economics and Financial Analysis“ 80 Prozent sein.

Ersetzt die EU damit nicht die gefährliche Abhängigkeit von einem Land durch die eines anderen? Jørgensen sieht das nicht so. „Natürlich haben wir ein seltsames Verhältnis im Augenblick“, sagt er. „Aber es gibt immer noch einen großen Unterschied zu einem direkten Feind wie Putin.“ Außerdem sei es eine Sache, 50 Prozent seines Gases via Pipeline zu beziehen, aber eine völlig andere, LNG auf dem Weltmarkt zu kaufen. Das gelte auch, wenn ein großer Teil aus Amerika komme. Die EU müsse dennoch sicherstellen, dass sie verschiedene Anbieter habe. „Wir werden nicht alles auf eine Karte setzen“, sagt der Kommissar: „Wir haben keinen Vertrag mit den USA abgeschlossen, eine bestimmte Menge LNG von ihnen zu kaufen.“ Deshalb reise er von München weiter nach Nigeria.

„Wir haben mehr Strom aus Wind und Sonne gewonnen als aus fossilen Quellen“

Unabhängig davon setzt Jørgensen wie Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf den Ausbau von Wind- und Sonnenkraft: „Das ist und bleibt der beste Weg.“ Der Ausbau gehe voran: 2025 haben wir 90 Gigawatt neue Kapazitäten geschaffen. „Wir haben mehr Strom aus Wind und Sonne gewonnen als aus fossilen Quellen. Kernkraft spielt genauso eine Rolle.“

Der Bau neuer Stromleitungen stockt nach Ansicht von Jørgensen aber weiterhin. Die Staaten stimmten sich zudem zu wenig dabei ab. „Wir müssen vollkommen anders planen“, betont er. Bislang werkele jeder Staat vor sich hin, so entstehe das Netz von unten nach oben. Es müsse genau andersherum sein. „Die Kommission muss ein Szenario für die gesamte Union erstellen“, fordert er. „Im Augenblick bauen wir ein Puzzle, ohne auf das Bild auf der Verpackung zu gucken.“

Der Ausbau von Wind- und Sonnenkraft ist nach Ansicht von Jørgensen auch wichtig, um die Energiepreise zu senken. Die hohen Preise waren ein Hauptthema auf dem Treffen der 27 EU-Staats- und -Regierungschefs zur Wirtschaft am vergangenen Donnerstag im belgischen Wasserschloss Alden Biesen. Sie sind durchschnittlich zwei- bis dreimal so hoch wie in den USA und in China. Der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank und EU-Berichterstatter für die Wettbewerbsfähigkeit, Mario Draghi, habe die Energie aus gutem Grund Hunderte Male erwähnt, sagt Jørgensen. Es gebe nicht die eine Lösung, um die Preise zu senken. Dennoch sei die Formel „Je mehr Erneuerbare, desto billiger und je mehr Netzverbindungen, desto billiger“ richtig.

Die EU, allen voran die Mitgliedstaaten, müssten neue Stromnetze deshalb viel schneller genehmigen als bisher. Das gilt auch für Deutschland. „Weil Deutschland Wind- und Sonnenstrom nicht ins Netz bringt, gehen jedes Jahr vier Milliarden Euro verloren“, hebt Jørgensen hervor. Er beruft sich auf Zahlen der EU-Energieagentur Acer.

Kurzfristig könnten die Staaten die Energiepreise auf verschiedene Weise senken, betont der Energiekommissar. Sie könnten Stromsteuern oder Netzabgaben senken. Mehrere Staats- und Regierungschefs hatten am Donnerstag eine Grundsatzreform des Emissionshandels gefordert, um die hohen Kosten zu verringern. Dem hatten die Kommission und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) aber eine Absage erteilt.