Essay | Kultur denn Schlachtfeld welcher Rechten: Christoph Bartmann oberhalb die neue „Superwaffe“

Der rechte Populismus, ob in Europa oder Amerika, will dem angeblich links tickenden Zeitgeist ein Ende setzen. Er wendet sich gegen dessen individualistische, kosmopolitische und universalistische Orientierungen. Der Hamburger Germanist und Historiker Christoph Bartmann beschreibt in seinem Buch Attacke von rechts nun anschaulich die Strategien, mit denen rechte Parteien und Bewegungen Einfluss auf kulturelle Einrichtungen, auf Medien und auch auf die Erinnerungspolitik nehmen wollen.

Bartmann war bis 2021 im Goethe-Institut tätig, er leitete dessen Dependancen in Kopenhagen, New York und Warschau. Auf der Basis seiner Erfahrung schildert er interessante Details, vergleicht die deutsche Situation mit der in Dänemark, Österreich, Polen und den USA. Die Kultur hält er für einen zentralen „Kampfplatz“, auf dem Aktivisten ihre antimodernen, völkischen und homophoben Ideen verbreiten. Und so nimmt er auch Museen, Theater und Bibliotheken als Orte in den Blick, von denen aus sich die Gesellschaft grundsätzlich umgestalten lässt.

Gramsci beschäftigte sich mit dem Begriff der kulturellen Hegemonie

Theoretischer Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist Antonio Gramsci. Der Philosoph und Kommunist kreiste in seinen Werken um den Begriff der kulturellen Hegemonie. „Warum gibt es in Italien so viele Analphabeten?“, fragte er 1917 und formulierte als Antwort: „Weil es in Italien zu viele Menschen gibt, die ihr Leben auf Familie und Kirchturm eingrenzen.“ Religion und Patriarchat hätten zu „organisierter Unfreiheit“ geführt, der „Herrschaft der Gesetze“ müsse die geistige und moralische Führung der Bevölkerung vorausgehen.

Gramsci hoffte, der Marxismus werde das aus seiner Sicht repressive und irrationale Christentum als Leitideologie ablösen. Wer die gesellschaftliche Deutungshoheit erringen wolle, müsse in Bildungs- und Kultureinrichtungen eine führende Rolle einnehmen, die Zivilgesellschaft und ihre Institutionen für sich gewinnen. Dies sei die Voraussetzung für Mehrheiten in den Parlamenten. „Wenn heute in rechten Diskursen von ‚Kulturmarxismus‘ die Rede ist, dann ist die kulturelle Vormacht gemeint, die Gramsci gedanklich entwickelt hat”, so Bartmann.

Die Rechte versuche, die Linke mit ihren eigenen Methoden zu schlagen: „Die Superwaffe, schlau wie ein Tarnkappenbomber, heißt Kultur.“ Dieser Aufstand sei nicht revolutionär gedacht, im Sinne einer plötzlichen Erhebung, sondern zeitlich gestreckt, er setze auf das „langwierige Werk der (Um)Erziehung“. Der Verfasser stellt infrage, dass es die behauptete linke Hegemonie überhaupt gibt. „Sind etwa in Bayern die Eliten allen Ernstes je links gewesen?“, fragt er.

Kohls Aufrufe zur geistig-moralischen Wende seien „verpufft“

Kulturelle Protagonisten von Gerhard Polt bis Rainer Werner Fassbinder, von Herbert Achternbusch bis Oskar Maria Graf dürften aber „zweifellos links gelesen werden“. Man kann also Hegemon sein, ohne zu regieren – und genau dies war das „große Ärgernis“ für Helmut Kohl, Franz Josef Strauß, Alfred Dregger und andere Konservative ihrer Zeit. Links, resümiert Bartmann, machte man damals einfach die bessere Kulturpolitik, war hocheffektiv beim Schaffen und Verfestigen von Überzeugungen. Kohls Aufrufe zur geistig-moralischen Wende in den 1980er Jahren seien daher „ergebnislos verpufft“.

Der neue Heimathafen des rechtskonservativen Grolls ist die AfD. Radikal zeigt sich dies in Sachsen-Anhalt. Dort arbeitet der kulturpolitische Sprecher Hans-Thomas Tillschneider an einem Rollback nach ungarischem Vorbild. So bezeichnete er das Bauhaus Dessau anlässlich der 100-Jahr-Feier als einen „Irrweg der Moderne“. Er fordert, die Landeszentrale für politische Bildung in ein „Landesinstitut für kulturelle Identität“ umzuwandeln. Unter dem Hashtag #deutschdenken plant er, einen „Stolzpass“ einzuführen: Gedenkstättenbesuche von Schulklassen, die an den Holocaust erinnern, will Tillschneider durch Besichtigungen von zweifelsfrei deutschem Kulturerbe ersetzen.

In dieses kämpferische Muster passt der im Osten besonders ausgeprägte Widerstand gegen die „Zwangsgebühren“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Auch hier gibt es historische Parallelen: Schon Konrad Adenauer versuchte, am Ende vergeblich, der missliebigen ARD ein zweites Programm als Staatsfernsehen an die Seite zu stellen. Erfolgreicher war später Kohl mit der Freigabe von werbefinanzierten Privatsendern, die dem vorgeblichen „Rotfunk“ das Wasser abgraben sollten.

Christoph Bartmann spricht von einer „größer angelegte Offensive“

Die Angriffe auf Medien und Kultur „häufen sich“, so Bartmann. Akteure wie Tillschneider seien nur Vorreiter eines „immer aggressiveren Feldzugs gegen alles, was nach rechtsextremer Auffassung der Säuberung bedarf“. Die AfD verstehe nicht viel von Kulturpolitik, aber sie nehme „das Ressort ernst“. Alarmierend sei das deshalb, weil andere Parteien kaum mehr Interesse zeigten als unbedingt nötig. Politisch Verantwortliche griffen „gern auf bewährte Textbausteine zurück“, typisch sei der letzte schwarz-rote Koalitionsvertrag: Außer Floskeln wie „Kunst und Kultur sind frei“ oder „Fördern ist eine öffentliche Aufgabe“ habe er wenig zum Thema beigetragen.

Während in Regierungsverlautbarungen Kulturpolitik randständig bleibt, herrsche im rechtspopulistischen Lager indes Aufbruchstimmung – „oder sollte man sagen Abbruchstimmung?“. In Deutschland wie anderswo sei das Ziel, zu kontrollieren, was in den USA „Deep State“ genannt wird. Die Neogramscianer von rechts wollen die Köpfe erobern und das Geistesleben beherrschen.

Das sei kein Geplänkel um Begriffe, kein polemisches Sperrfeuer, resümiert der Autor, sondern „eine größer angelegte Offensive“, die die plurale und freie Gesellschaft gefährde. Dass Christoph Bartmann hierbei ständig kriegerische Metaphern wie „Offensive“, „Attacke“ oder „Sperrfeuer“ bemüht, bleibt das einzig Irritierende an seiner gehaltvollen Analyse.

Attacke von rechts. Der neue Kampf um die Kultur Christoph Bartmann Hanser 2026, 176 S., 18 €