Eröffnung Lit.Cologne: Manchmal geht man so ganz

Wer kam denn auf diese Idee? Tobias Bock, Programmleiter der 26. Lit.Cologne, weiß es im Gespräch „wirklich nicht mehr“. Irgendwie gemeinsam sei das entstanden. Gemeint ist nicht die Idee, die Eröffnungstage der mit knapp 200 Veranstaltungen an 17 Tagen bislang längsten Ausgabe des Kölner Literaturfestivals dem Verlag Kiepenheuer & Witsch zu überlassen. Der feiert im Rahmen des Festivals mit 15 gemeinsam kuratierten Veranstaltungen sein 75-jähriges Jubiläum. Problematisch findet Bock das nicht. Es werde ja ganz offen kommuniziert, und vielleicht sei es bei einer anderen Ausgabe dann ein anderer Verlag. Tatsächlich gab es immer schon eine gewisse Nähe der Lit.Cologne zum KiWi-Programm zwischen Hochliteratur und Unterhaltung. Beides ist eben vom Kölner Spirit getragen.
Sparringspartner für Barnes: Robert Habeck
Gemeint ist vielmehr die Idee, dem überragenden britischen Schriftsteller Julian Barnes, einem modernen Voltaire (Sprachkünstler, Ironiker, Essayist, Freidenker), der mit „Abschied(e)“ gerade sein „letztes Buch“ vorgelegt hat, die Bühne der Eröffnungsveranstaltung nicht exklusiv zu reservieren. Wie indezent das Teilen der Aufmerksamkeit war, wurde regelrecht greifbar, als sich Barnes nach vielen wie gewohnt blitzgescheiten und hochkomischen Antworten tatsächlich abschließend von seinem Publikum verabschiedete. Er tat das unter Verlesung der finalen Passage des Buches: „Es war mir ein Vergnügen, dass Sie da waren – ja, ich wäre nichts ohne Sie.“ So endet man nicht, wenn es sich um ein autofiktionales Spiel handelt. Und auch er selbst ließ keinen Zweifel an seinem Aufbruch: „Sollte Julian Barnes mit einem neuen Buch wiederkommen, dann ist es ein Hochstapler.“ Ganz konkret bezog sich die Verwunderung darauf, welchen Sparringspartner man Barnes an die Seite gesetzt hatte, nämlich den unwahrscheinlichsten überhaupt: Robert Habeck, der zwar auch einen unfreiwilligen Abschied aus der Politik vollzogen hat, aber um Politik sollte es explizit nicht gehen.
Habeck, den Barnes vielleicht für eine Art Zweitmoderator hielt – zumal er es sich nicht nehmen ließ, Barnes’ Buch zu erklären: „wie eigentlich Erinnerung entsteht“ –, war explizit als Autor zu Gast. Die Kiepenheuer-&-Witsch-Verlegerin Kerstin Gleba sprach vom „Gipfeltreffen“ zweier „Schriftsteller und Public Intellectuals“. Habeck machte freilich gleich deutlich, dass er zögere, sich Schriftsteller zu nennen; andererseits: „Hört sich gut an, nehme ich als Aufforderung.“ Moderator Tobias Rüther, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, war jedenfalls nicht zu beneiden bei seinem Spagat zwischen Schriftsteller und Vizeschriftsteller.
„Well, I was a journalist“
Nun wurde viel räsoniert, ohne zu resonieren. Aber es ist ja Köln: Das Publikum im schönen, riesigen Saal der Flora kapierte schnell, dass es hier eigentlich zwei Veranstaltungen zum Preis von einer bekam, applaudierte wie wild für beide Gäste und kaufte anschließend den Büchertisch leer (auch sämtliche Habeck-Vorräte). Und mitunter ergaben sich doch schöne Anschlüsse. Als es um die Anfänge des Schreibens ging, sagte Habeck, das erste gemeinsame Buch mit seiner Frau Andrea Paluch sei locker von der Hand gegangen, und es gab gleich drei Verlagszusagen. Entstanden sei es in genau einem Jahr, denn länger hätte das Geld nicht gereicht: „Danach, keine Ahnung, hätte ich Journalist werden müssen.“ Großes Gelächter. Dann beantwortete Barnes dieselbe Frage: „Well, I was a journalist.“ Und das sei doch ein ehrenwerter Beruf. Sieben Jahre schrieb er an seinem Debüt, kassierte zwei Absagen, nur mit Glück erschien es dann doch. Instantanerfolg ist nicht alles. (Voltaire hatte man sogar in die Bastille gesperrt.)
Habeck sagte im Habeck-Sound kluge Dinge über die politische Kommunikation oder die Vorteile des Blickes von außen (zurzeit aus Dänemark) aufs eigene Land. Aber es waren doch Barnes’ mit britischem Esprit vorgetragene Gedanken, die den Abend prägten. Mal bezogen sie sich auf das eigene Schreiben, das ein „Hybrid“ aus Fiktion, Autobiographie und Essay sei. Als Gattungsbezeichnung tauge das jedoch kaum, „sonst landet es noch in der Gartenabteilung“. Mal ging es doch um Politik. Barnes beklagte den „schrecklichen Fehler“ des Brexits, die Ignoranz des „mad orange man“ in Washington (mit der „Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs“) und das um vierzig Jahre verspätete Wahrwerden der Prophezeiungen in George Orwells „1984“, denn tatsächlich gebe es mit China, Russland und den USA nun, ähnlich wie im Buch, drei paranoide tyrannische Machtblöcke in der Welt. Da müsse Europa stark bleiben.
Nach so viel qua Humor noch verstärkter Abschiedsmelancholie kam die schön verplauderte Anschlussveranstaltung sehr gelegen. Nick Hornby, der gar kein neues Buch hat, aber einfach unglaublich gerne zur Lit.Cologne kommt (und stets den Saal füllt), sagte, er sehe seinen Job darin, Hoffnung und Trost zu verbreiten. Trauer und Schrecken gebe es schon genug. Und er halte auch niemanden für unrettbar: „Sogar Menschen, die man nicht mag, haben Freunde.“ Wie gut der Autor von „Fever Pitch“ und „High Fidelity“ hierher passt, zeigt sich schon daran, dass Fußballer (von Pierre Littbarski bis Christoph Kramer, von Christian Streich bis Jogi Löw) auf diesem Buchfestival ebenso vertreten sind wie zahlreiche Popmusiker. Stark ist daneben die Krimi-Sektion. Aber auch die Literatur kommt nicht zu kurz mit Gästen wie Siri Hustvedt, Salman Rushdie, Scholastique Mukasonga, Kae Tempest, Judith Hermann, Tom Schulz oder Robert Menasse. Mögen die Sprachspiele beginnen.
Source: faz.net