Eric Schmidt: Der Herr jener Drohnen

Der Brief von Albert Einstein an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt ist auf den 2. August 1939 datiert. Das Element Uranium, heißt es darin, könne durch eine nukleare Kettenreaktion in naher Zukunft zu einer bedeutenden Energiequelle werden. Wichtiger aber ist eine andere Botschaft: Die neue Technologie könne auch für die Konstruktion einer sehr potenten Bombe genutzt werden. Der Brief ist sachlich geschrieben, im Tonfall eines Wissenschaftlers. Und macht doch deutlich: Einstein sieht nicht weniger als eine neue Ära der Kriegsführung anbrechen. Er sollte Recht behalten.

84 Jahre später bezieht sich der Milliardär Eric Schmidt in einem Interview auf Einsteins Worte. Wenn es nach Schmidt geht, stehen die Kriege unserer Zeit abermals vor einer solchen Revolution – getrieben durch dezentrale Systeme, Automatisierung und Künstliche Intelligenz. Vor den Augen der Welt offenbart sich diese Entwicklung tagtäglich in der Ukraine: Unscheinbare Drohnen können Panzer zerstören, und Algorithmen gegnerische Flugkörper und feindliche Stellungen aufspüren. Es gibt viele westliche Unternehmer, die ihre Technologien in der Ukraine testen, das Land in seinem Kampf gegen Russland unterstützen.

Aber kaum einer dürfte für die Ukraine so wichtig sein wie Eric Schmidt. Er steckt hinter mehreren Unternehmen, die in der Ukraine aktiv sind, etwa Project Eagle und Swift Beat, und ist zugleich Investor in ukrainische Start-ups. Schmidt besucht das Land regelmäßig, sein Netzwerk erstreckt sich von der Front bis zu den Regierungsbüros in Kiew. Im Sommer vergangenen Jahres schlossen Schmidt und der ukrainische Präsident Selenskyj eine Vereinbarung über die Lieferung Hunderttausender Abwehrdrohnen. Für die Ukraine ist insbesondere Schmidts System „Merops“, das aus einer Abfangdrohne und Komponenten am Boden besteht, unverzichtbar geworden.

Gerüchte um eine neue Liebschaft

Schmidt hat einen Geschäftssinn für das Gute – dafür, dass sich leichter Geld verdienen lässt, wenn man ein Fortschrittsversprechen verkauft und nicht bloß ein Produkt. Von 2001 bis 2011 war der Amerikaner Chef von Google, machte aus der Suchmaschine eine Werbemaschine, aus einem chaotischen Start-up im Silicon Valley einen der bedeutendsten Digitalkonzerne der Welt. „Leute, die bisher im Sinne von Zugang zu Informationen arm waren, werden jetzt reich daran“, schwärmte er damals. Und ließ Regierungen, Nutzer und Mitarbeiter den Weg zu Googles Vorherrschaft ebnen. Heute heißt es auf seiner Website, er setze sich für das Gemeinwohl ein, unterstütze Innovation und fördere die nächste Generation außergewöhnlicher Talente, um die größten Herausforderungen dieser Welt anzugehen.

Zu Aufmerksamkeit verhilft ihm in diesen Tagen aber nicht die Wandlung vom Google-Chef zum Rüstungsunternehmer, sondern sein Privatleben. Ihm wird eine Liaison mit Gloria-Sophie Burkandt, der Tochter des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, nachgesagt. Der 70-jährige „Tech-Titan“ und die 27-jährige „Söder-Tochter“, das ist zugegebenermaßen eine überraschende Verbandelung, die beide bislang öffentlich unkommentiert ließen. In Davos zeigten sie sich zusammen, ebenso am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. Die „Bild“-Zeitung dokumentierte unlängst „warme Gefühle bei eiskalten Temperaturen“ bei den Olympischen Spielen im italienischen Bormio. Das Rätsel, woher beide sich kennen, bleibt vorerst ungelöst; die Frage, ob Burkandt ihre neue Bekanntschaft schon ihrem Vater vorgestellt hat, unbeantwortet.

Ein Mann, der alle Mittel hätte, sich abzuschotten, wird sich an der ausgiebigen Beschäftigung des Boulevards mit seinem Liebesleben kaum stören. Der Milliardär, der seit 1980 mit der gleichaltrigen Wendy Schmidt verheiratet ist, soll seit langer Zeit eine offene Ehe führen. Mancherorts heißt es, Schmidt wolle sich auch deshalb nicht trennen, weil er dann große Teile seines Vermögens verlieren würde. Seine Frau jedenfalls hat kein Interesse daran, ihn „wie ein Gepäckstück“ in seinem Privatjet auf Reisen zu begleiten, wie sie schon vor vielen Jahren in einem Interview klarstellte. Sie engagiert sich in diversen wohltätigen Projekten, teils gemeinsam mit ihrem Mann.

Schwere Vorwürfe einer Exfreundin

Schmidt ist kein Exzentriker, aber er kann unkonventionell sein. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz trägt Schmidt zum dunkelblauen Anzug Socken mit rot-orangefarbenem Flammenmuster. Sie blitzten hervor, als er auf der Bühne im Bayerischen Hof über die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für moderne Kriegsführung spricht. Wer in den 1990er-Jahren im aufstrebenden Silicon Valley Karriere machte, konnte allzu angepasst nicht sein. Aber inmitten der schillernden Avantgarde, die in Garagen die Milliardenkonzerne von heute gründeten, brachte Schmidt ein ungewöhnliches Maß an Erfahrung und Professionalität mit. Als er auf den Chefposten bei Google berufen wurde, hatte er bereits zwei Jahrzehnte in der Branche gearbeitet. Als „Erwachsener“ sollte er den eigenwilligen jungen Gründern Larry Page und Sergey Brin zur Seite stehen – damit das Unternehmen endlich mehr Geld verdienen würde.

Schmidt betonte stets, das Werbegeschäft sei ein Nebenprodukt des eigentlichen Zwecks, die Welt zu informieren. Das Nebenprodukt erwies sich allerdings als äußerst lukrativ. In den zehn Jahren unter Schmidt stieg der Umsatz von 86 Millionen auf 29 Milliarden Dollar. Schmidt hat früh verstanden, dass Daten das vielleicht wichtigste Handelsgut der Zukunft sein würden. Sollte man mit Google Informationen teilen, als wäre es ein guter Freund?, wurde Schmidt 2009 gefragt. Mit seiner Antwort „Wenn es etwas gibt, das niemand wissen soll, dann sollten Sie es vielleicht von vornherein nicht machen“ sahen sich all jene bestätigt, die Google schon damals für mangelhaften Datenschutz kritisierten.

Ende des vergangenen Jahres erhob Ex-Freundin Michelle Ritter schwere Vorwürfe: Schmidt habe ihr während der Beziehung anvertraut, in seiner Zeit bei Google eine Hintertür in Server des Unternehmens eingebaut zu haben, wodurch er Mitarbeiter ausspähen konnte. Es ist die jüngste Wendung in einem Rechtsstreit, der im Dezember 2024 begann, als die 39 Jahre jüngere Ritter dem Milliardär häusliche Gewalt vorwarf. Die beiden hatten zudem eine geschäftliche Beziehung gepflegt, Schmidt investierte 100 Millionen Dollar in Ritters Firma.

Lange im Verborgenen gerarbeitet

Von derartigen Skandalen lässt sich Schmidt nicht bremsen. Sein Tatendrang ist groß: Im vergangenen Jahr kaufte er die Mehrheitsanteile an einem Start-up für Weltraumtransporte und übernahm den Chefposten. Über eine Stiftung finanzieren er und seine Frau das „Eric and Wendy Schmidt Observatory System“, dessen Kern ein neues Weltraum-Teleskop ist, das gar dem Hubble-Teleskop der NASA Konkurrenz machen könnte. Eine gemeinnützige Organisation soll Amerika im Wettbewerb um Künstliche Intelligenz voranbringen, eine andere die Tiefseeforschung finanzieren. Schmidt hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt „Genesis“, für das er sich schon zum zweiten Mal mit Henry Kissinger zusammentat. Es erschien ein Jahr nach dem Tod des ehemaligen US-Außenministers. „Wir waren beste Freunde (…), und ich vermisse ihn jeden Tag“, wie er in München zu Protokoll gab.

Von Schmidts Drohnen liest man auf seiner Homepage dagegen nichts. Lange hat der Unternehmer im Verborgenen gearbeitet, gab keine Stellungnahmen ab zu seinen Verbindungen in die Ukraine. Doch mittlerweile tritt er immer häufiger aus dem Schatten. In München sagte er: „Ich habe viel Zeit in der Ukraine verbracht, um die Zukunft der Kriegsführung zu begreifen – und ich denke ich verstehe, was passieren wird.“ Es gehe um Masse, um günstige Systeme, die im Schwarm funktionierten. Man komme aber aus einer Zeit der wenigen, anspruchsvollen und teuren Systeme. Diese würden weiterhin existieren, „aber je schneller man diese Umstellung vollzieht, desto klüger und raffinierter wird die Herangehensweise an die eigene nationale Sicherheit sein“.

Die erste öffentliche Erwähnung seiner Besuche in der Ukraine datiert vom September 2022, als Schmidt den Leiter des Präsidialamts und den damaligen Verteidigungsminister traf. Ein amerikanischer Milliardär, der sich einmal aus der Komfort- und Friedenszone des Westens wagt? Mitnichten. Während seiner Zeit als Google-Chef reiste Schmidt unter anderem nach Nordkorea, Irak, Iran, in mehrere Regionen Afrikas, nach Malaysia und Myanmar. Es ging ums Geschäft – aber die Reisen prägten Schmidts Sicht auf die Welt. „Ich habe noch nie eine Person getroffen, die sich nicht eine sicherere Welt, eine bessere medizinische Versorgung und Bildung für ihre Kinder sowie Frieden mit ihren Nachbarn wünscht“, erzählte er 2013 dem britischen „Guardian“. „Die grundlegende menschliche Verfassung ist optimistisch, an jedem dieser Orte. Sie haben vielleicht vernünftige Regierungen – vielleicht auch nicht –, aber die Menschen sind genauso wie wir.“ Es mag diese Weltläufigkeit sein, die Schmidt nach Kriegsausbruch als einen der ersten westlichen Unternehmer ins Land brachte und ihm dort Respekt in Politik und Industrie verschaffte.

Besonders effektiv gegen Shahed-Drohnen

In den USA war Schmidt damals schon zu einem wichtigen Bindeglied zwischen Pentagon und Silicon Valley geworden. 2016 wurde er von der Administration Barack Obamas zum Vorsitzenden des Defence Innovation Board ernannt, welches das Verteidigungsministerium modernisieren sollte und dem er vier Jahre angehörte. Er ist hervorragend vernetzt in Washington und den Streitkräften. Gesprächspartner aus der Ukraine haben keinen Zweifel daran, dass diese Kontakte Schmidt noch sehr nützen werden. Es gehe ihm ums Geschäft. In der Ukraine soll er seine Drohnen zum Selbstkostenpreis liefern. Aber: „Er muss zeigen, dass sich seine Drohnen im Krieg bewähren, um sie irgendwann ans Pentagon oder in Europa zu verkaufen“, ist sich ein Wettbewerber sicher. An seiner Bewunderung für Schmidt ändert das nichts. Er sei ein „fucking crazy drone genius“, sagt der junge Mann. Er traue ihm zu, „das nächste Lockheed Martin“ zu gründen.

Schmidt produziert verschiedene Drohnentypen, auch solche, mit denen sich gegnerische Bodenziele hinter der Frontlinie angreifen lassen. Besonders wichtig für die Ukraine ist aber das Merops-System. Es gilt als besonders effektiv gegen bewaffnete Shahed-Drohnen, die der Kreml Nacht für Nacht zu Hunderten auf ukrainische Städte loslässt. Von Soldaten heißt es, Merops habe eine Trefferquote von 90 Prozent. Sie loben insbesondere die fortschrittliche KI-Technologie, die eine präzise Zielerfassung ermögliche. „Die Abfangdrohnen von Eric Schmidt gehören zu den besten, die wir haben in der Ukraine“, sagt Ihor Fedirko, Chef des ukrainischen Rüstungsverbands UCDI.

Schmidts Erfolg in der Ukraine gründet auf Prinzipien, denen er schon lange treu ist. „Wer die Geschwindigkeit liebt, schafft es an die Spitze“, sagte er einmal, was sein frühes Engagement in der Ukra­ine erklärt. Als die Leistung von Merops im Herbst durch schlechtes Wetter nachließ, wurde das Problem binnen weniger Wochen behoben. „Die besten Ideen kommen nicht von Führungskräften“ ist noch so ein Spruch, von dem er sich auch jetzt leiten lässt. „Eric findet sogar Leute, die ukrainische Unternehmen nicht finden“, sagt Verbandschef Fedirko. Er habe die besten Entwickler aus dem Silicon Valley mit den besten ukrainischen Ingenieuren zusammengebracht. Seine Leute rekrutierten junge Talente bei Hackathons in der Ukraine, „sie haben immer den Finger am Puls“. Im Kampf um die technologische Spitze sind Schmidt unlautere Methoden in der Vergangenheit wohl nicht fremd gewesen. Bei einer Veranstaltung der Eliteuniversität Stanford in 2024 riet er Studenten, sich am geistigen Eigentum anderer Leute ruhig zu bedienen – Anwälte würden das später schon regeln. Ob auch dies zu seinen Prinzipien in der Ukraine zählt, ist unklar.

Erst kürzlich war Schmidt wieder dort, schreibt er in einem Gastbeitrag in der „Financial Times“. Er schildert, wie sich Soldaten dank automatisierter Waffen immer weiter von der Frontlinie entfernen könnten. Es entstünde eine „Todeszone“, in der zuerst Roboter die Gefechte untereinander austragen, nicht Menschen. Roboter, wie er sie herstellt. Außerhalb der Ukraine soll Merops inzwischen bereits vom polnischen und rumänischen Militär genutzt werden.