Er spielte oft gernegroße Fuzzis oder miese Machos – war demgegenüber selbst dasjenige Gegenteil
Mario Adorf war der Mann, der Winnetous Schwester erschoss, der in der „Blechtrommel“ an seinem Parteiabzeichen erstickte und Baby Schimmerlos mit Geld „zuscheißen“ wollte. Eine Danksagung an den Eifel-Italiener für 70 wundervolle Kino- und TV-Jahre.
Er war 1957 der Teufel, der nachts kam, 1963, der böse Santer, der Winnetous Vater und Schwester erschoss, 1986 der rheinische Kleberfabrikant Haffenloher, der die Münchner Society mit seinem Geld zuschiss, weil er so verzweifelt reinkommen wollte, und 1993 der ehemals große Kaufhauskönig Bellheim. So hat Mario Adorf, der am 8. September 1930 in Zürich geborene uneheliche Sohn einer deutschen Röntgenassistentin und eines italienischen Chirurgen, bundesrepublikanische Film- wie Fernsehgeschichte geschrieben. Aber er hat auch international gedreht und war noch auf den Leinwänden wie Fernsehschirmen des vereinten Deutschlands bis 2021, respektive 2019, zu sehen. Jetzt ist Mario Adorf, für viele das gute, kosmopolitische Gewissen des deutschen Films, am 8. April in Paris gestorben. Er wurde 95 Jahre alt.
Mario Adorf war sehr, sehr schwarzhaarig, gerne mit Schnauz, und schließlich sehr weißhaarig, mit Vollbart. Das Aussehen prägte ihn – als oftmals als Gastarbeiter geschmähter Underdog in seinen Anfängen, dann als Gauner und Mafioso, mal komisch, mal blutig; später dann als mal schlitzohriger, mal fieser Patriarch im Herbst seiner sieben Dekaden umfassenden Karriere.
Er, dessen Debütfilm 1954 in einer noch nicht einmal im Vorspann erwähnten Nebenrolle immerhin der erste Teil des Wehrmachtsepos „08/15“ war, hat nicht nur in Meisterwerken geglänzt. Vieles war Füllware oder Genrewerke in Opas Pantoffelkino. Adorf schätzte durchaus das dolce far niente seiner Wahlheimat Italien, wo er in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern mit vor allem wegen ihres Titels notorischen Streifen wie „Der feurige Pfeil der Rache“ oder „Toll trieben es die alten Germanen“ sein Geld verdiente. So wie er später, mit seiner zweiten, 1985 geheirateten Frau Monique seinen Altersitz St. Tropez genoss.
Ein Deutscher als Weltbürger, das hatte ihm der dort ebenfalls residierende Curd Jürgens vorgemacht. Mario Adorf, der sich immer als Halbitaliener fühlte, während seiner Jahre im Tessin und in Rom aber dann erfahren musste, dass er von seinem Lebensverständnis her doch viel mehr Deutscher war, er hat aber sein Europäertum mit mehr Laissez-faire und Eleganz erfüllt als die meisten Exildeutschen. So wie er auch besser gealtert ist und sich politisch viel klüger positioniert hat als seine kürzlich gestorbene Côte-d’Azur-Nachbarin Brigitte Bardot.
In seiner Jugend war der in der Eifel unter prekären Umständen aufgewachsene Mario Adorf gern der Windhund, der schmierige Kerl, der düstere Schurke. Typecasting eben, dabei hatte er zunächst Philosophie, Psychologie, Kriminologie, Literaturwissenschaft, Historische Musikwissenschaft und Theaterwissenschaft in Mainz und Zürich studiert, bevor er an die Otto-Falckenberg-Schule in München wechselte, um Schauspieler zu werden. Von 1954 bis 1962 war er Mitglied der Münchner Kammerspiele. Von der Rolle, die ihn berühmt machte – der von den Nationalsozialisten zum Serienmörder erklärte naiv-brutale, geistig behinderte Bruno Lüdke in Robert Siodmaks „Nacht, als der Teufel kam“ (1957) – distanzierte er sich später, weil Lüdkes wirkliches Schicksal falsch dargestellt wurde; auch wenn der Film für ihn „wichtig“ blieb.
Er war in Klassikern wie „Der Arzt von Stalingrad“ und „Das Mädchen Rosemarie“, „Das Totenschiff“ und „Schachnovelle“ dabei. Miese Typen gab er in Komödien, Dramen, Western, Kriegsfilmen und Krimis, notorisch wurde Mario Adorf dann als Mörder der schönen Marie Versini, die in „Winnetou I“ (1963) Nscho-tschi spielte und von dessen Vater Intschu-tschuna. Damit hatte sich, je öfter die Karl-May-Filmreihe im Fernsehen zum Kult wurde, unter den negativen Kino-Mythen der BRD unsterblich gemacht.
Adorf wurde aber freilich zunehmend im Ausland angefragt, er drehte damals fast ununterbrochen, spielte immer wieder auch unter bedeutenden Regisseuren wie Sam Peckinpah, Trence Young, Dino Risi, Sergio Corbucci, Dario Argento, Billy Wilder und John Frankenheimer. Und obwohl er bis ins hohe Alter im Kino präsent war, dann oftmals als südländischer Daddy, Dandy und Großvater, den ganz jungen Zuschauern etwa auch 1986 in der Michael-Ende-Verfilmung „Momo“, in „Die rote Zora“ (2008), in Detlev Bucks „Same Same but Different“ (2009) oder als KZ-Überlebender in „Der letzte Mentsch“ (2014) sahen – die besseren Rollen kamen dann oft im Fernsehen.
Er hat Einiges mit Rolf Thiele und Wolfgang Staudte gedreht, aber dem neuen deutschen Film wäre er nach einem verunglückten Start 1968 in Michael Verhoevens Sexwelle-Parodie „Engelchen mach weiter – hoppe, hoppe Reiter“ fast entgangen. Dafür heiratete er Verhoevens Schwester Liz und bekam Tochter Stella. Erst ab 1975 stieg er fulminant als schmieriger Kommissar in Volker Schlöndorffs Böll-Fanal „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ aufs Politkarussell, war auch in Reinhard Hauffs „Der Hauptdarsteller“ (1977), Wolf Gremms „Tod oder Freiheit“ (1977) nach Schillers „Räuber“, in „Deutschland im Herbst“ (1978) und in Fassbinders „Lola“ (1981) als Coburger Baulöwe Schuckert grandios-komisch dabei. Neben neuerlich Angela Winkler und mit Schlöndorff schuf Adorf in der 1980 Oscar-bekrönten „Blechtrommel“ unvergesslich das Porträt des Oskar-Vaters Alfred Matzerath, der bei Kriegsende von den Russen erschossen wird, als er an seinem verschluckten Parteiabzeichen zu würgen beginnt.
Als reifer Darsteller erlebte Mario Adorf dann vor den TV-Kameras noch einmal eine sehr gute Zeit, bei Tom Toelle („Via Mala“ und „König der letzten Tage“), bei Helmut Dietl („Kir Royal“ im lila Moshammer-Dinnerjacket und „Rossini“ fürs Kino) und vor allem bei Dieter Wedel („Der große Bellheim“, „Der Schattenmann“, „Die Affäre Semmeling“). Sogar auf Jan Georg Schüttes Improfilme hat er sich als Senior auf Speed-Dating in „Altersglühen“ eingelassen. Und zunehmend wurde er auch nostalgisch als Überlebender gefeiert, ob in „Alte Bande“ seiner letzten TV-Arbeit von 2021, wo er 40 Jahre nach „Bomber & Paganini“ als Gauner neuerlich mit Tilo Prückner zusammengespannt wurde, oder in der Pierre-Brice-Doku „Winnetou darf nicht sterben“ (2007).
Es spielte auch Marx und Mussolini
Mario Adorf hat weit über 200 Filme für Kino und Fernsehen vorzuweisen, war eine Leitfigur der deutschen Filmwirtschaft. Er wurde mit Preisen überschüttet. Er hatte es geschafft, seine Galerie der Bösen und Zwielichtigen wie der Hallodris fast immer mit Zwischentönen auszustatten, manchmal auch mit einem Augenzwinkern. Es folgten Lebemänner, Bischöfe, Patrones, Mussolini und sogar Karl Marx. Und obwohl er immer wieder aufgeblasene Fuzzis, Gernegroße oder miese Machos spielte – er selbst war das Gegenteil. Vor allem in seinen letzten Jahrzehnten wurde Mario Adorf, der als junger Semi-Wilder nichts hatte anbrennen lassen, zur Respektsperson und Instanz: ein deutscher Weltstar ohne Allüre, integer, bescheiden, skandalfrei, zugewandt, liebenswürdig, aufrecht, menschlich und auf Augenhöhe.
Einer, der stolz auf sein Lebenswerk war, aber es auch nicht zu ernst nahm. Der als alter Mann immer schöner wurde, keine Einbrüche erleben, keine Rückschläge wegstecken musste. Einer, der sich lebensklug zu vielem äußerte, ohne sich aufzudrängen. Denn: „Ich würde eine Erkenntnis über mein eigenes Leben nicht als eine Weisheit beanspruchen.“ Und so ist er jetzt auch gegangen. Von seiner Frau umsorgt, nach kurzer Krankheit, ist er einfach in seiner Pariser Wohnung nicht mehr aufgewacht. Auch seine letzte Ruhestätte hat Mario Adorf sich längst schon gekauft. In St. Tropez. Mit Meerblick.
Source: welt.de