„Er hat die schwierigste Entdeckung gemacht, die je einem Franzosen gelang“
Mit seinen Expeditionen erforschte Robert Cavelier de La Salle die französischen Kolonien in Nordamerika und befuhr als erster den Mississippi bis zur Mündung. Aber als er ein Fort im heutigen Texas gründete, kam es im März 1687 zur Meuterei.
Während seine Armeen noch die Niederlande mit Krieg überzogen, erhielt König Ludwig XIV. von Frankreich 1677 Besuch aus Amerika. Dort hatte sich ein gewisser Robert Cavelier de La Salle (1643–1687) nicht nur im Pelzhandel, sondern auch mit Expeditionen um die französischen Stützpunkte in Neufrankreich (im Süden des heutigen Kanada) einen Namen gemacht.
Die Vision, die er im Gepäck hatte und von der sich ein Bericht seines Begleiters Louis Hennepin erhalten hat, überzeugte Ludwig: „Dieser weite Kontinent (Nordamerika) wird imstande sein, in kurzer Zeit unsere Inseln in Westindien mit Brot, Wein und Fleisch zu versorgen.“ Damit wies La Salle der französischen Expansion in Nordamerika eine neue Richtung. Denn der König erkannte die Chance, damit gegen den Kolonial-Konkurrenten Spanien im Norden der Karibik eine neue Front aufzubauen.
La Salle entstammte einer Kaufmannsfamilie aus Rouen. Ursprünglich hatte er Jesuit werden wollen, den Orden jedoch wieder verlassen, um bei Montréal Unternehmer zu werden. Er beließ es jedoch nicht dabei, den Indianern Felle abzukaufen und diese weiter zu vermarkten, sondern er interessierte sich für die Jagdreviere und die Routen dorthin. Dafür lernte er die Sprachen der Indigenen und ihre Überlebenstechniken in der Wildnis. Vielleicht entdeckte er auf einer seiner Expeditionen 1669 den Ohio, was jedoch von einigen Historikern bezweifelt wird. Auf jeden Fall hörte er von einem riesigen Fluss, der über Tausende Kilometer hinweg irgendwo im Süden in die Karibik münden würde: der Mississippi.
Einen potenten Förderer fand La Salle im Gouverneur von Neufrankreich, Louis de Frontenac. Dessen Amtsgewalt erstreckte sich auf eine Reihe von Forts an den Großen Seen und im Gebiet des Sankt-Lorenz-Stroms, wo es immer wieder zu Konflikten mit englischen Siedlern und Händlern sowie dem Irokesenstamm kam. Die Anlage von Fort Frontenac am Ontariasee entsprang einer Initiative beider Männer wie auch die Reise an den Hof Ludwigs XIV., die ihm neben der Erlaubnis zu weiteren Forschungsreisen einen Adelstitel eintrug.
Finanzielle Unterstützung war damit allerdings nicht verbunden – es gehe primär darum, „eine kleine Fläche besetzt zu halten und diese gut zu bevölkern“, ließ Ludwig Frontenac wissen –, sodass La Salle seine Expeditionen mit eigenem Vermögen und Schulden zu stemmen hatte. Um Entdecker- und Geschäftsgeist zu verbinden, eröffnete La Salle 1679 mit der „Le Griffon“ den Handelsverkehr auf den Großen Seen. Allerdings erlitt das Segelschiff mit einer großen Ladung Pelze bald Schiffbruch.
1682 hatte La Salle genügend Mittel zusammen, um im Januar mit zwei Dutzend Landsleuten und 30 Indianern auf Kanus über das Eis des IIllinois River bis zum Mississippi vorzudringen. Auf ihm fuhr die Gruppe über 2500 Kilometer an den Einmündungen des Missouri, Ohio und Arkansas River vorbei und erkannte sein Potenzial als Handelsweg. Am 7. April erreichten sie die Mündung des Mississippi.
Zwar hatten Spanier die Gegend schon viele Jahre zuvor erreicht, es aber unterlassen, sie offiziell in Besitz zu nehmen. Das holte La Salle zwei Tage später mit einer Zeremonie nach, in der er das Land zu beiden Seiten des Flusses für reklamierte und es zu Ehren des Königs „Louisiana“ nannte. Die neue Kolonie war ungleich größer als der heutige US-Bundesstaat mit diesem Namen. Ihre Grenzen kannte man allerdings noch nicht.
In einem Brief an den Marineminister würdigte La Salle selbstbewusst (und in dritter Person) seine Verdienste: „Er hat auf diese Weise die wichtigste und schwierigste Entdeckung, die je einem Franzosen gelang, gemacht, und zwar ohne einen einzigen Mann verloren zu haben … in Ländern, wo 2000 Spanier ganz erfolglos geblieben und umgekommen sind. Nie hat ein Franzose eine derartige Unternehmung mit so wenig Leuten und angesichts so vieler Feinde vollbracht.“ Das war nicht ganz falsch. „Keine andere europäische Kolonialmacht hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt so beharrlich und systematisch um die Erkundung des nordamerikanischen Hinterlandes bemüht“, urteilt der Historiker Urs Bitterli, wobei er frühere Entdeckungen französischer Reisender einbezieht.
Aber bald meldeten sich die Feinde zu Wort. Das waren zum einen La Salles Gläubiger, zum anderen der neue Gouverneur Le Febvre de la Barre, der den Entdecker in Paris der Amtsanmaßung bezichtigte und das Fort St. Louis beschlagnahmte, das dieser am Illinois River angelegt hatte. Um sich zu rechtfertigen, reiste La Salle nach Frankreich, wo er vom König seine Rehabilitation und die Unterstützung für ein neues Projekt gewinnen konnte.
Im Juli 1684 verließ eine Flotte aus vier Schiffen den Hafen von La Rochelle. An Bord waren neben der Besatzung Handwerker, Bauern, unverheiratete Frauen sowie 100 Soldaten. Ihr Ziel war es, an der Mündung des Mississippi eine Festung anzulegen, die als Basis für den laufenden Krieg gegen Spanien und seine Kolonien in Mexiko dienen sollte. Allerdings taten sich in der Führung einer derart großen Truppe bald Probleme auf, die vor allem in der Person La Salles lagen.
Bitterli zitiert die Charakterskizze des amerikanischen Historikers Francis Parkman: „Ernsthaft in allen Dingen, gleichermaßen unfähig zu lockeren Vergnügungen und entspannter Ruhe, ohne eine andere Freude als die Verfolgung großer Ziele, zu scheu für die Gesellschaft und zu zurückhaltend, um populär zu werden, oft unsympathisch und immer so erscheinend, Emotionen, die er nicht äußern konnte, in sich erstickend, zu allgemeinem Misstrauen erzogen, streng gegenüber seinen Gefolgsleuten und mitleidslos gegen sich selbst, die Last der Mühsal und der Gefahr tragend und von den andern eine gleiche Beharrlichkeit, gepaart mit stillschweigender Ehrerbietung verlangend.“
La Salle und seine Kapitäne lagen im Dauerstreit. Piraten kaperten ein Schiff. Im Mündungsgebiet des Mississippi verfehlte die Expedition den Fluss. In der Matagorda Bay, mehr als 800 Kilometer weiter westlich, legten die 200 Überlebenden das Fort St. Louis an. Aber viel von der Ausrüstung ging durch die Havarie von zwei Schiffen verloren. Während Krankheiten und Angriffe von Indianern die Bewohner reduzierten, versuchte La Salle mit Vorstößen nach Westen und Osten festzustellen, wohin es ihn verschlagen hatte.
Als seine Truppe auf 40 Personen zusammengeschmolzen war, unternahm er am Ende des Winters 1687 schließlich den verzweifelten Versuch, den Mississippi zu erreichen und Hilfe zu holen. Am 19. März meuterten seine Begleiter und ermordeten ihn. Die verbliebenen Siedler in St. Louis wurden von Indianern getötet, einige dabei entführte Kinder sollen später von Spaniern befreit worden sein. Francis Parkmans Urteil liest sich als treffender Nachruf: La Salle war ein Mann, der keinen anderen Berater als sich selbst duldete, der das Unmögliche versuchte und nach dem griff, was zu groß war, um festgehalten zu werden.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.
Source: welt.de