Epstein Files: Was QAnon mit dieser Spaltung dieser MAGA-Bewegung zu tun hat
MAGA ist gespalten. Was wir in den vergangenen Wochen in der rechten Bewegung der USA beobachten, ist ein enormer Riss: Die Machtbasis von Donald Trump, vor allem die Internet-Sphäre der rechten Influencer und Podcaster, die im Wahlkampf einen zentralen Beitrag für Trumps Wahlsieg geleistet haben, droht der Trump-Regierung zu entgleiten. Auslöser ist nicht der untreue Elon Musk. Auslöser ist auch nicht nur Trumps Wiederentdeckung US-amerikanischer Einmischung im Nahen Osten. Auslöser ist ausgerechnet jene Affäre um einen Typen, die Trump und seine Bewegung einst einte: Jeffrey Epstein.
Um zu verstehen, warum die Epstein Files eine so zentrale Rolle in der Spaltung von MAGA spielen, muss man allerdings in Donald Trumps erste Amtszeit zurückreisen und bei einem alten Bekannten der US-amerikanischen Verschwörungstheorien vorbeischauen: QAnon.
Zunächst zum Fall Epstein – wer hier alles vor Augen hat, kann getrost zum QAnon-Absatz vorscrollen, aber es lohnt sich, noch einmal genauer hinzuschauen. Denn der Fall hat so manche Eigenart, die für QAnon-Verschwörungstheorien wie ein Katalysator wirkt.
Der Epstein-Skandal und die Eskalation 2025
Die Explosion der Unzufriedenheit der MAGA-Bewegung mit Donald Trump kam mit der Entscheidung des FBI und des Justizministeriums, den Fall um Jeffrey Epstein abzuschließen. Jeffrey Epstein war Investmentbanker, eine schillernde Figur, ein Milliardär, der in der US-amerikanischen Elite bestens vernetzt war, einen Sex-Handels-Ring mit Minderjährigen geführt hat, und 2019 im Gefängnis tot in der Zelle aufgefunden wurde. Sein Tod hat viele Spekulationen gefüttert, zumal gegen die offizielle Version andere Gutachter ernsthafte Zweifel am Selbstmord vorlegten.
Man muss sich vor Augen führen, welche Präsenz der Epstein-Fall seit Jahren in der US-amerikanischen rechten Internetcommunity hat. Die Offenlegung der Epstein Files, insbesondere der Liste seiner Kunden, war eine zentrale Forderung der rechten Internet-Bubbles während der letzten Jahre und ein großes Thema im Wahlkampf. FBI-Chef Kash Patel war einer jener rechten Influencer, die das Thema groß gemacht haben: Ihm zufolge hingen der ehemalige US-Präsident Bill Clinton und das Establishment der Demokraten mit Epstein und geheimdienstlichen Netzwerken („Tiefer Staat“) zusammen und würden die Aufklärung behindern.
Donald Trump sagte in der heißen Phase des Wahlkampfs in seinem Interview beim Podcast Lex Fridman, dass er diese Liste veröffentlichen werde. Nach der Wahl wuchs der Druck beim Thema Epstein weiter an. US-Justizministerin Pam Bondi erklärte Ende Juni in Fox News nach Rückfragen, die Liste läge auf ihrem Tisch und werde mit hunderten Stunden Videomaterial untersucht. In Internetchats wird unentwegt darüber diskutiert.
Nun traten also im Juli Pam Bondi und FBI-Direktor Kash Patel vor die Presse und behaupteten, Epstein hätte keine Liste erstellt, er habe sich umgebracht, und es gebe keine Hinweise auf ein Erpressungsprojekt. Tucker Carlson war sofort online und sprach von einer Vertuschung, Moderator und Verschwörungstheoretiker Alex Jones weinte vor der Kamera und sagte, diese Administration werde durch diese Vertuschung nun auch zum Teil des Deep State. Selbst loyalste Trump-Unterstützerinnen wie die Journalistinnen Megyn Kelly, Liz Weeler und andere gingen auf Barrikaden und forderten die Veröffentlichung der Akten.
Trump erklärte daraufhin, das Thema sei alt und man solle sich mit Wichtigerem beschäftigen, später postete er sogar, die Epstein-Liste sei eine Erfindung von Barack Obama. Seither läuft die Diskussion völlig aus dem Ruder.
QAnon und der Fall Epstein: Die Rolle von Verschwörungstheorien in der US-Rechten
Die ganze Geschichte um den Werdegang und die Machenschaften Jeffrey Epsteins, genau wie alle Geschehnisse nach seinem Tod, sind ein Geschenk für alle großen Verschwörungserzählungen – allen voran QAnon, die für die amerikanische Rechte absolut zentral war und ist. Um das Ausmaß der aktuellen Krise der Rechten zu verstehen, ist es wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass eine relevante Masse der Rechten in Verschwörungserzählungen denkt.
Zur Erinnerung: QAnon war die Verschwörungsstory, die in der ersten Amtszeit von Trump groß wurde. Kurz gefasst geht sie von einer Elite aus, die von einem Tiefen Staat geführt wird, die satanistisch höchst dekadent ist. Q, angeblich eine Quelle aus dem Militär, legte im Internet angeblich offen, wie elitäre Netzwerke Kinder missbrauchen und ihr Blut und ihre Lebensenergie (Adrenochrome) aussaugen. Dies rekurriert auf die jahrhundertealte antisemitische Erzählung der Kindesentführungen und der Juden als Blutsauger.
Laut der Verschwörungserzählung ist Trump der Messias, der mit Kräften aus dem Militär zusammen gegen diese Eliten-Netzwerke vorgeht, diese in einem großen Sturm („the Storm“) beseitigen und die Kinder aus den Händen der Netzwerke befreien würden.
Epstein und der „Deep State“
So absurd diese Geschichten klingen mögen, nach Umfragen des Public Research Institutes glaubten 2020 16 Prozent der US-Amerikaner:innen an die Q-Geschichte, und sogar 20 Prozent waren der Meinung, der „Storm“ werde kommen. Das ist ein Fünftel der US-amerikanischen Bevölkerung. Viele der Beteiligten beim Sturm auf Capitol am 6. Januar 2021 gingen davon aus, das sei der Storm!
Und nun wird eine Geschichte öffentlich, die reale Geschichte eines Jeffrey Epstein, der mit wenig nachvollziehbaren Finanzgeschäften irre viel Geld macht, mit den einflussreichsten Leuten der Welt befreundet ist, darunter Ehud Barak und Bill Clinton, und der den Missbrauch von Mädchen – Kindern – für einen elitären Kreis organisiert, offenbar gestützt von mächtigen Kreisen, in denen die QAnon-Anhänger leicht einen „Tiefen Staat“ erkennen.
Woher kam sein großer Reichtum? Er brach die Uni ab, hatte keinen Abschluss und war zunächst Mathelehrer an einer High-School, bevor er 1981 in einer Investment-Bank einstieg, wo er hauptsächlich reiche Leute dabei betreute, ihr Vermögen in Offshore-Zentren unterzubringen. Anfang der 1980er-Zeit arbeitet er für Adnan Khashoggi, einen großen Waffenhändler aus Saudi-Arabien, der Onkel des 2018 vom saudischen Geheimdienst in Istanbul ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi. Khashoggi ist die Hauptfigur der sogenannten „Iran-Contra-Affäre“, ein geheimer Waffendeal, der über die Militär-Geheimdienste der USA und Israel abgewickelt wurde. Epstein hatte persönliche Kontakte ins Pentagon und ziemlich sicher zu verschiedenen Geheimdiensten.
Jenseits der verrückten Verschwörungserzählungen gibt es tatsächlich einige Hinweise, die darauf hindeuten, dass in Epsteins Geschichte auch andere mächtige Akteure verwickelt waren.
Epstein vereint offenbar alle Zutaten der Verschwörungstheorie in sich
Bei den Untersuchungen 2007 mit der Anklage von 40 Mädchen und jungen Frauen gab es zweifelsohne eine systematische Vertuschung in Justiz und polizeilichen Behörden. Als Epstein erstmals vor Gericht stand, weil 40 Frauen ihn angeklagt hatten, ließ Richter Alexander Acosta 2008 das Verfahren gegen ihn einstellen. Später danach gefragt, soll Acosta ausgesagt haben: „Mir wurde gesagt, er sei aus der Geheimdienst-Ecke, und ich soll es gut sein lassen.“ Die Quelle dieser Aussage ist allerdings bis heute anonym.
Nun kommen täglich neue Details in den Geschichten um Epstein ans Tageslicht, und auch immer mehr Opfer melden sich zu Wort. Seit Juli steht auch die Verwicklung von Donald Trump in den Missbrauchsfall im Vordergrund. Die Linken sind sicher: Die aktuelle Vertuschung durch FBI und Justizministerium zielt auf den Schutz von Trump, der über ein Jahrzehnt bester Freund von Esptein war und ganz sicher in seiner Klientenliste ist. Dann eskalierte der Konflikt zwischen Trump und seinem wichtigsten Kanal Fox News. Das Wall Street Journal veröffentlicht einen Brief von Trump an Epstein zu seinem 50. Geburtstag, aus dem hervorgeht, dass sie dieselben sexuellen Vorlieben teilen. Der Rest ist jüngste Geschichte: Trump droht mit einer Milliarden-Klage gegen das Wall Street Journal, die dem Mogul Rupert Murdoch gehört, dem Besitzer von Fox News.
Und für die Verschwörungsgläubigen? Passt alles zusammen, oder? Epstein vereint offenbar alle Zutaten der Verschwörungstheorie in sich. Dass er noch dazu Jude ist, bringt die antisemitischen Verschwörungstheorien zum Explodieren. Und während Trump sich entscheidet, die Veröffentlichung der Epstein-Files nicht weiter zu verfolgen, werden die USA trotz Trumps Versprechungen erneut in globale Auseinandersetzungen hineingezogen, namentlich im Nahen Osten – in Kriege also, die auf den ersten Blick vor allem im Interesse Israels sind.
Wohin führen die Risse in der MAGA-Bewegung?
In den rechten Internetbubbles der USA steht fest: Die Verschwörungstheorie von QAnon ist wahr, Epstein ist der Anführer des Kinderentführungs-Netzwerks, und Trump selbst ist jetzt Opfer der Erpressungen des Tiefen Staates geworden. Nur so können sie sich erklären, dass Trump die Offenlegung der Epstein Files nicht weiter verfolgt und alle, die weiterhin auf dem Thema rumreiten, als „ehemalige“ Unterstützer bezeichnet – und wieso er Israel plötzlich im Krieg gegen den Iran unterstützt.
Ein Großteil der Rechten rückt jedoch nicht von der Unterstützung Trumps ab, und so zeigen sich im Kern der MAGA-Bewegung erste große Risse, die nicht so einfach zu kitten sein werden.
Im Juli tagten tausende Aktivisten der konservativen Rechten und der Basisbewegung der „Make America Great Again“ MAGA bei der diesjährigen Konferenz „Turning Point USA“ in Tampa, Florida. Viele Internet-Stars der Rechten waren hier auf den Bühnen, und die inneren Konflikte, die in den Wochen zuvor schon die Foren und Podcasts zum Kochen gebracht hatten, wurden offen auf den Bühnen ausgetragen.
Die Kontroverse zu Trumps Haltung zu Israel wurde vom Veranstalter Charlie Kirk persönlich moderiert, und die Jugendbewegung der Rechten zeigte sich heftig gespalten. Massive Kritik an der Bombardierung des Iran kam vor allem vom Guru des rechten Internets, vom rechten Moderator Tucker Carlson, von der antifeministischen Schwarzen Podcasterin Candace Owens, vom rechtsradikalen Star der Alt-Right Steve Bannon, und vom populären libertären jüdischen Komiker Dave Smith.
Eigentlich kennt man das republikanische Establishment als eine einheitliche Phalanx, wenn es um Israel geht, wie man bei den Standing Ovations im Kongress beim letzten Besuch von Benjamin Netanyahu sehen konnte. Doch in Tampa konnten wir sehen: Die Stimmung bei MAGA ist nun eine völlig andere. Hier rief Dave Smith unter Applaus: „Niemand, der das unterstützt, was in Gaza geschieht, hat das Recht, sich ‚pro Life‘ zu nennen, wenn dort tausende Kinder abgeschlachtet werden“. Sogar in den Evangelikalen Christen, den stabilsten Unterstützern für Trump und auch für Israel, gibt es Risse. Die Bombardierung von Kirchen in Gaza und die Attacken auf Christen in der Westbank haben hier zum ersten Mal überhaupt zu Kritik an Israel und Trump provoziert.
„Wenn ihr eine Revolution wollt, dann bekommt ihr eine“
Während MAGA beim Thema Israel also gespalten ist, waren sich bei Epstein alle im Saal einig: Die Untersuchung der Behörden soll an die Öffentlichkeit kommen.
Auch in der rechten Medienöffentlichkeit ist diese Spaltung zu sehen, und sie könnte ausgerechnet die Linke stärken. Der größte rechte Podcaster Joe Rogan distanziert sich von Trump und schaut in Richtung der linken Demokraten, so auch der Komiker Andrew Schulz, der nach Zohran Mamdanis Sieg in den Primaries in New York sagte, die einzige Partei, die für „America first“ stünde, seien die Democratic Socialists.
Die Geschichte um Epstein hat aber größere Konsequenzen, weit über MAGA hinaus. In ihr explodiert die moralische Integrität relevanter Teile der US-amerikanischen Elite, was den politischen Diskurs generell, aber vor allem die Rechte weiter radikalisieren wird. Der wegen sehr problematischer Deutungen des Zweiten Weltkriegs umstrittene rechte Podcaster Darryl Cooper stellt bei Tucker Carlson die Frage: Wie könne es sein, dass, nachdem 40 junge Mädchen 2006 darüber aussagten, dass Epstein sie missbraucht und vergewaltigt hatte, so viele wichtige und mächtige Menschen aus der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ihn danach weiterhin so nah waren? Wie moralisch korrupt muss man sein?
Wenn jetzt alles vertuscht werden sollte, so Cooper, dann gebe es mit dieser Elite nichts mehr zu bereden. Und das sagt Tucker Carlson: „Wenn ihr eine Revolution wollt, dann bekommt ihr eine“.
Dieser Text ist zuerst erschienen am 31. Juli 2025