Enjoy Jazz Festival 2025: Es kommt darauf an, die Vielfalt zu entschlüsseln

Jedes Jazz Festival, das etwas auf sich hält, glänzt heute mit einem Festivalmotto. Es kann helfen, die schier unübersichtliche Fülle an Stilen und Spielweisen zu ordnen und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Auch das Enjoy Jazz Festival – verteilt auf Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen, Schwetzingen und erstmals Neustadt an der Weinstraße – geht seit drei Jahren diesen Weg. Nach den thematischen Schwerpunkten „Vertrauen“ und „Heilung“ rückt jetzt „Wissen“ in den Mittelpunkt. Doch wie wirkt sich ein so abstrakter Begriff auf das Programm aus? Eine bündige Antwort lässt sich wohl erst in sechs Wochen, nach mehr als fünfzig Konzerten und dem Festivalabschluss mit dem Oud-Poeten und musikalischen Notfallseelsorger Anouar Brahem, geben.
Schon jetzt lässt sich sagen, was die Festivalmacher sich vorstellen: Das diesjährige Motto „Knowing“ will vor allem den Impulscharakter von Wissen stärken. Rainer Kern ist überzeugt: „Was fehlt, ist Resonanz: das innere Mitklingen mit dem, was wir wissen.“ Dieses Einschwingen auf noch nicht genutzte Erkenntnisse, die Aktivierung von „Verstehen“ im emphatischen Sinn, kann durch Kunst, nicht zuletzt durch Jazz gelingen. Improvisierte Musik wird auf dem Enjoy Jazz Festival als ein sich ständig erneuerndes System kollektiver Verständigung gefeiert.
Sieben Bläser als Glutkern der Band
Eine solche kommunikative Dynamik lässt sich am besten durch Kontraste erzielen. Und so konnten die programmlichen Gegensätze der ersten Tage größer wohl kaum sein. Ausgelassene Partystimmung zur Eröffnung mit Ibrahim Maalouf wird schon zwei Tage später durch ein Körper und Geist forderndes „Tribute to Peter Brötzmann“ konterkariert.
Mit jungenhafter Unbekümmertheit erstürmt die zehnköpfige Truppe des libanesischen Trompeters Ibrahim Maalouf die Bühne im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen. Den Glutkern der Band bildet ein siebenköpfiger Bläsersatz, ergänzt um zwei Gitarristen und einen Drummer. Da vermischen sich Elemente der arabischen Maqam-Musik mit westlichen Skalen, Jazz-Rock-Rhythmen und hemmungslosem Improvisations-Furor. Bisweilen klingt diese transkulturelle Tanzmusik wie eine bombastische Prog-Rock-Version aus dem Mittleren Osten.
Bemüht wirkendes Tanzvergnügen in Plüschsitzreihen
Der in Beirut geborene und in einer Banlieue von Paris aufgewachsene Maalouf sorgt mit seiner Viertelton-Trompete, von seinem Vater vor mehr als sechzig Jahren erfunden, für ein hochexplosives Amalgam. Mit ihren vier Ventilen kann sie die Mikrointervalle des arabischen Tonsystems leichter und zielgenauer treffen. Immer wieder feuert Maalouf als ungestümer Zeremonienmeister das Klanggeschehen an, liefert sich Call-and-Response-Dialoge mit seinen fünf Trompetenkollegen. Die lodernden Melodielinien des Altsaxophonisten Mihai Pirvan, der oft klingt, als würde er ein Viertelton-Saxophon blasen, oder die arabischen Lautenklänge, die Mohamed Derouich seiner akustischen Gitarre entlockt, verzieren die Stakkato-Riffs der Trompeten.
Leider ging in der routiniert abgespulten Animation der Maalouf-Truppe – ständige Aufforderungen zum Mitklatschen, Mittanzen, Mitsingen oder Mitschreien bombardierten das Publikum – das Raffinement ihrer Musik ein wenig unter. Auch die schwarze Tänzerin Hafsatou Saidou, die kam und ging, konnte trotz ihrer aufreizenden Kostümierung der Musik nichts hinzufügen. So blieb von dieser lauthals ausgerufenen Hochzeitsparty – „Let’s just get married, all of us tonight“ – allein ein etwas bemüht wirkendes Tanzvergnügen, das sich aber in der steifen Plüschbestuhlung der gewählten Halle auch nur halbherzig genießen ließ.
Spontane Solo-Hommage an Peter Brötzmann
Von ganz anderem Kaliber sollte sich dagegen die Hommage an den vor zwei Jahren verstorbenen Wuppertaler Saxophonisten Peter Brötzmann präsentieren. Das scharfkantige Urgestein der deutschen Free-Jazz-Szene bereicherte mit seiner brachialen Spielweise nicht allein den deutschen Wortschatz um das Verb „brötzen“. Bis heute gilt er als passionierter Ikonoklast. Es gibt keine Jazztradition, mit der Brötzmann nicht radikal gebrochen hätte. Als er sich in seinen letzten Lebensjahren mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh verbündete, wirkte das zunächst wie eine irritierende Verbindung – kennt man das elektrifizierte Zupfinstrument doch zuallererst aus schmalzigen Kontexten der Country- oder Hawaii-Musik. Und doch sind die Soundpotentiale dieser speziellen Slide-Gitarre im Jazz bisher kaum ausgeschöpft. Sie kann sehnendes Gleiten mit der orchestralen Wucht einer Kirchenorgel verbinden. Deshalb eignet sie sich auch als fluides Pendant zu einem furios überblasenen Saxophon.
Dass die dänische Altsaxophonistin Mette Rasmussen eine authentische Brötzmann-Erbin ist, hat sie bereits in zahlreichen Konstellationen bewiesen. Doch leider fiel ihr geplanter Trio-Auftritt dem Orkantief über Skandinavien zum Opfer. Rasmussen, die im norwegischen Trondheim lebt, konnte wegen witterungsbedingter Vollsperrung des Flughafens nicht rechtzeitig in Heidelberg eintreffen. Und so lag es an Heather Leigh, mit einem ihrer seltenen Solokonzerte den Brötzmann-Abend zu retten.
Spiel der kalkulierten Gegensätze
Schon der erste Ton ihrer Pedal-Steel inmitten der düsteren Industrial-Deko in der „Villa Nachttanz“ signalisierte jene störrische Kompromisslosigkeit, die ihren früheren Saxophonpartner charakterisiert. „I questioned everything in my life, right now“ – mit ihrem zwischen sanftem Folk und kaltem Punk-Gestus schwankenden Gesang erzeugt Leigh schnell eine hypnotische Sogwirkung. Resignative Gitarrenschleier, geisterhafte Akkordschwebungen – oft wie in einem dicken Nebel gefangen – lassen eine Art „apokalyptische Melancholie“ durch die Stücke wehen. Frei improvisierte Vokalismen treffen auf kontrolliertes Feedback, das bisweilen wie ein Konzert verstimmter Polizeisirenen klingt. Immer wieder manipuliert Leigh den Klang ihrer Pedal-Steel. Übersteuerte Noise-Attacken wechseln mit toxischen Traumlandschaften.
Mit diesem Spiel der kalkulierten Gegensätze symbolisierte Leigh treffend das Enjoy-Jazz-Konzept: In all den kommenden Konzerten – von der Harfenistin Brandee Younger über die Flöten-Meditationen von Shabaka Hutchings bis zu den Ambient-Artisten Kruder & Dorfmeister – geht es um Einheit im Selbstunterschied: Die macht den Jazz noch immer stark.
Source: faz.net